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    Auf der Suche nach der Wahrheit | Drucken |  E-Mail
    Von Lars Schall   
    Tuesday, 17. November 2009
    Am Wochenende fand in Berlin der „Kongress unabhängiger Medien 2009“ statt. Hierzu traf sich eine faszinierende, heterogene Ansammlung von Blogbetreibern und Menschen, die den Massenmedien alter Schule adé gesagt haben. Ein Stimmungseindruck.

     

    Der erste Tag der Konferenz

    Die Besucher und Gäste des Kongresses trudeln am frühen Nachmittag in der Rungestraße am Veranstaltungsort, der „C-Base“, ein. Die „C-Base“, so erfahre icDie „C-Base“, so erfahre ich von Daniel Neun, einem der Initiatoren des Kongresses, ist eine Raumstation in der Mitte Berlins, deren Zugang vor 14 Jahren zufällig gefunden wurde.  
    (www.c-base.org/cv50f/core/siebenringe.html)

    Der Eingangsbereich weist in der Tat Ähnlichkeiten mit einem Raumstationambiente auf: die Wände sind mit Aluminiumverkleidungen geschmückt, aus denen hie und da immer wieder Computermonitore hervorblinken. Ein paar Schritte weiter gibt es zur Linken eine Bar, zur Rechten eine Bühne, vor der Pi-mal-Daumen hundert Stühle aufgereiht stehen, und aus den Lautsprecherboxen in der Mitte erklingt Drum ’n Bass-Musik. 

    Man geht auf Tuchfühlung zu den anderen circa 120 bunt gemischten Teilnehmern, von denen die Mehrheit eigene News-Sites, Blogs und Web-Portale betreiben. Das läuft dann typischer Weise dergestalt: „Von welchem Blog bist du?“ „So und so. Und du?“ „Von dem und dem.“ „Ah, ja, kenn ich. Du schreibst doch dieses jenes.“ „Genau.“

    Die Begrüßungsworte kommen von Jens Blecker (www.infokriegernews.de) und Daniel Neun (www.radio-utopie.de). Beide erinnern an das Motto der von ihnen organisierten Veranstaltung:

    „Unabhängige Medien vernetzen und informieren. Gemeinsam für Demokratie und Freiheit",

    und machen des Weiteren darauf aufmerksam:

    „Der Kongress der unabhängigen Medien basiert auf den Werten und Rechtsgütern Grundgesetz, Völkerfrieden und Religionsfreiheit.“

    Beide sprechen von einer sich rasant verändernden Welt und der Rolle, die dem Informationsmedium Internet hierbei zukommt, gerade auch für das Ziel, die Freiheit und das Grundgesetz vor jener Politiker-Riege zu schützen, die in diesem Sinne agiere: „Wir nehmen Euch die Freiheit – aber nur, um sie zu verteidigen!“

    Immer mehr Menschen würden sich von den Mainstream-Medien verabschieden, die ihnen eine Chimäre von Realität und Wahrheit präsentierten, und sich stattdessen nach Alternativen umschauen. „Die Reichweite wächst von Tag zu Tag“, so Jens Blecker, ehe er fortsetzt: „Werdet Euch der Verantwortung, die Ihr tragt, bewusst. Schreibt nicht voneinander ab, sondern stellt Euch gegenseitig in Frage.“

    Der erste Referent ist Ruprecht Frieling (www.frieling.blog.de), der auf über dreißig Jahre Erfahrung im Bereich Verlagswesen und Journalismus zurückblicken kann. Thema seines Vortrags ist: „Wie veröffentliche ich ein Buch?“ Er stellt die verschiedensten Varianten vor, die klassischen wie die modernen, sprich: E-Books und Books on Demand.

    Das Info-Zeitalter vergleicht er mit den Neuerungen, die sich durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ergeben habe, und macht auf die Veröffentlichungsprobleme aufmerksam, mit der auch schon Geistesgrößen wie der Geheimrat von Goethe und Hammer-Philosoph Friedrich Nietzsche zu kämpfen hatten.

    „Bis heute ist es wahnsinnig schwer für einen Autoren, einen Verlag zu finden“, daran habe sich nichts geändert. Frieling touchiert sodann Fragen wie „Schalte ich einen Dienstleister dazwischen, dem ich mein Manuskript an die Hand gebe, oder werde ich mein eigener Verleger?“, um das Pro und Contra anhand von Beispielen wie „Libri“, „lulu.com“ und „bod.de“ zu erörtern. 

    Der nächste Referent ist Andy Müller-Maguhn, Ur-Mitglied des Chaos Computer Clubs, zum Thema: "Policy vs. Mob - Gestaltungsfragen der Netzrealität oder: warum Quellenbewertungen immer wichtiger werden." Sein Vortrag geht gleich gut los, indem er auf aktuelle Äußerungen des Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner hinweist, der „Informationsfreiheit“ mit „Kommunismus“ gleichgesetzt habe.1

    Das sorgt für allgemeine Erheiterung bei den Anwesenden. Im weiteren Verlauf seines Vortrags kommt Müller-Maguhn auf die Versuche zu sprechen, das Internet immer mehr zu reglementieren (Stichwort: Kinder-Pornographie), und das Problem der Datenvorratsspeicherung.

    Letzteres diene dazu, um einen Krieg jeder gegen jeden zu initiieren, da man die Leute mit gewissen Informationen zielsicher diskreditieren und gefügig machen könne ohne Ende. Aber nicht nur ein solche Art des „information warfare“ wäre im Gange, sondern überhaupt fände ein permanenter Krieg im Cyperspace statt, „der nicht gar mehr erklärt wird.“

    Vom Berliner Rechtanwalt Raphael Thomas folgt ein Vortrag über Grundzüge des Urheberrechts in den Bereichen Bild, Text, Musik und Video. So kommt er beispielsweise  auf Fragen der Zitatlänge zu sprechen, demnach vor allem darauf zu achten sei, dass ein Text auch ohne das verwendete Zitat Bestand haben müsse, ansonsten mache man sich rechtlich extrem angreifbar. Und, en general widergegeben, herrsche mithin eine sehr vage Rechtslage vor, nicht zuletzt beim Impressum und dem Verlinken von Videos auf Internet-Kanälen wie Youtube.

    Sodann gibt es den Höhepunkt des ersten Tages: eine Zusammenfassung der geopolitischen Situation aus dem Munde von F. William Engdahl, einem der besten Wirtschaftsjournalisten unserer Tage (www.engdahl.oilgeopolitics.net) und Autor von „Mit der Ölwaffe zur Weltmacht“.

    Mr. Engdahl beginnt seine Ausführungen mit der Schweinegrippe, in der er eine rein politische Angstaktion erkennt, die von anderen Dingen ablenken soll. Hierzu zählt für ihn die Aussicht, dass die Finanzkrise erst am Anfang stünde. „Bis die Wirtschaft eine Möglichkeit zur Erholung erhält, werden mindestens zehn Jahre vergehen.“

    Die nächste Krise werde sich auf dem Terrain “real commercial estate“ abspielen und der Amerikanische Traum sei dabei, sich zum Alptraum zu entwickeln. Es handele sich bei dem, was wir derzeit erlebten, nicht nur um einen Paradigmenwechsel, sondern vielmehr um einen Epochenwechsel, dem Ende der amerikanischen Welthegemonie. Er kommt auf die “War and Peace Studies“ des Council on Foreign Relations zu sprechen, auf die Interessen der USA in Eurasien, den Irak-Krieg, der Kontrolle des Erdöls, den „Peak Oil-Mythos“, und erwähnt Henry Kissinger im Sinne eines Drei-Säulen-Modells der Macht:

    „Wer das Öl beherrscht, beherrscht die Länder; wer die Lebensmittel beherrscht, beherrscht die Völker; und wer das Geld beherrscht, beherrscht die Welt.“

    In Afghanistan ginge es mehr um China und Russland, denn um die Taliban-Krieger. Ausserdem gelte es den Opiumanbau zu kontrollieren, um mit dem gewaschenen Geld aus dem Drogenhandel die US-Finanzinstitute zu unterstützen.2 Insgesamt seien die USA allerdings sowohl militärisch als auch finanziell gescheitert, überall hätten sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt – und vor allem realisiere sich die amerikanische Horrorvision, vor der Zbigniew Brzeziński in „The Great Chessboard“ mit Rückgriff auf die Erkenntnisse von Halford J. Mackinder, dem „Vater der Geopolitik“, gewarnt habe: der eurasische Raum fände zueinander, insbesondere Russland und China.3  

    Diese neue Liaison bestünde „nicht aus Romantik, sondern aus Notwendigkeit“. Russland habe reichlich Energie und konkurrenzfähige Offensiv-Waffen, und mit der Shanghai Cooperation Organization bilde sich „der Kern eines gemeinsamen Marktes“. Die europäischen Eliten seien derzeit gespalten zwischen den ewigen Transatlantikern und jenen, die die Zukunft nicht mehr im Westen, sondern im Osten verorten würden.

    Als Beispiel für Letzteres nennt Mr. Engdahl die „Northstream-Pipeline“ und hält im Kontrast dagegen: „In den USA gibt es keinen Markt mehr, in den USA gibt es nur noch ’toxic waste’!“ Bei aller Wut, die ihn mithin angesichts der Aktionen der USA überkäme, sagt Mr. Engdahl am Schluss, dass diese aber letztlich ein Beweis dafür seien, dass die USA „nicht aus Stärke agieren, sondern aus Schwäche.“4

    Der Applaus, mit dem die Tour d’horizon von William Engdahl bedacht wird, ist meinem Gefühl nach der lauteste des ersten Tages. 

    Der zweite Tag der Konferenz

    Zu Beginn stellt Infokrieger Jens Blecker den “News Network Express“ (www.net-news-express.de) vor,  ein neues Portal für politische Blogs. Das reimt sich zusammen mit dem neuen Onlinedienst für investigative Nachrichten, dem “news-grep“, den wiederum Martin Michels bekannt macht, ein 19-jähriger Stadtrat in Jena von der Partei „Die Guten“.

    Beide Dinge stehen für das Bemühen, die vielen einzelnen Initiativen und Interessen der anwesenden Blogger zu bündeln. Ob das gelingt, da bin ich eher skeptisch. Bei allem Konsens, der die Veranstaltung durchzieht, nämlich: Die Welt ist in einem erdenklich schlechten Zustand, es gilt, etwas zu tun – bestehen doch Differenzen in der Frage des Wie und des Was. Allerdings ist es bei Pessimisten wie mir folgendermaßen: Ein Pessimist kann nicht enttäuscht, sondern nur bestätigt oder aber positiv überrascht werden. Über Letzteres würde ich mich durchaus freuen.

    Um den Anwesenden Mut zu machen, spricht auch ein Gast aus der Schweiz: “Freeman“, der Betreiber von „Alles Schall und Rauch“ (www.alles-schallundrauch.blogspot.com) Er sieht einen Unterschied in der Akzeptanz von Blogger-Journalisten im Vergleich CH-BRD. In der Schweiz erreiche man schon sehr viel eher die klassischen Meinungsführer und –macher. In Deutschland herrsche noch viel zu viel Angst davor, die Wahrheit zu sagen. „Das muss überwunden werden. Was man fühlt, sollte man auch aussprechen.“ Er schlägt einen Verband als Interessensvertretung alternativer Nachrichten vor, „um gemeinsam stärker zu werden“, und zieht ein insgesamt positives Fazit: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“

    Bernd Senf, ehemals Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) zu Berlin startet um 13:30 mit seinem Vortrag.   Es geht um „Die tieferen Ursachen der Finanzkrise“. Seines Erachtens nach seien die Diskussionen darüber, was die Massenmedien beträfe, „fast ausnahmslos an der Oberfläche stecken geblieben“. Eine kritische Betrachtung der „destruktiven Dynamik“, die der Zinseszins entfalte, sei „geradezu ein Tabu“, und das Problem der Geldschöpfung würde auch nicht vermittelt.

    Dabei begründe der Zinseszinseffekt mit seiner „exponentiellen Wachstumskurve, die sich aus der Zinseszinsformel berechnen lässt“, Ursache und Verstärker einer fünfgliedrigen Krise in: Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft, Staat und der Dritten Welt. Zu den konkreten Erläuterungen dieser komplexen Materie sei an dieser Stelle auf das Buch von Prof. Senf verwiesen, in dem er genau darauf eingeht: „Der Nebel ums Geld“5, sowie auf das ausführliche Video-Interview, das sich hierzu auf MMNews bereitgestellt findet.

    Dort erfährt man jeweils mehr zu dem spiegelverkehrten Verhältnis von „Anhäufung des Geldvermögens vs. wachsender Verschuldung“; die „unsichtbaren“ Anteile der Zinslasten in den Preisen für Konsumgüter; die ständige Vermögensumverteilung „von unten nach oben“, mit einem sich ebenso ständig beschleunigenden Sog; oder aber auch dem „monetären Stauungsdruck“, der ewig neue Schuldner braucht und sie, wie im Fall der USA, bei den privaten Haushalten fand – womit einige Stichpunkte des Vortrags von Prof. Senf benannt sind.

    Zum Schluss sieht er die Notwendigkeit einer „grundlegenden Neubesinnung“ und erklärt „die kollektive Bewusstwerdung als Grundlage der Problemlösung“; hier könne sich das Internet als wertvoll erweisen.

    Michael Mross nennt „die Schaffung einer neuen Medienvielfalt“ in seinem Vortag ein positives Zeichen dafür, dass der normale, tagtägliche Wahnsinn nicht mehr einfach so hingenommen werden würde. Er zitiert den ersten Satz aus „Demian: Die Geschichte der Jugend von Emil Sinclair“, den Entwicklungsroman von Hermann Hesse, der besagt: „Das Leben ist gar nicht so, das Leben ist ganz anders.“

    Hiervon ausgehend meint Mross, dass das Leben in der „Suche nach der Wahrheit“ bestünde: „Eine Reise der Irrungen und Wirrungen, angeregt vom Schein. Je mehr Leute von einer Sache überzeugt sind, desto eher sollte man sie selber hinterfragen.“

    Vom „Schein“ ist es zum „Geld-Schein“ nicht weit – und hinter dem „Geld-Schein“ steckt „Schuld“. Er spricht von den Gefahren des Dollar-Kollaps’, vom Wirtschaftssystem als Monopolyspiel bei dem die Regel gilt: die Bank gewinnt immer, und sieht einen großen Aufklärungsbedarf bezüglich des Geldsystems, wie es funktioniert.

    Die „gleichgeschalteten Medien“ würden dieses nicht leisten, wären nicht daran interessiert: „Sie bedienen Erwartungen, nicht mehr.“ Problemlösungen fänden nicht statt, im Gegenteil: „die Probleme wachsen, während die Bevölkerung das Problem gar nicht kennt.“ Anstatt Ursachenforschung zu betreiben, sei man Zeuge der Symptombekämpfung. Entgegen der landläufigen Meinung sieht er einen „deflationären Crash“ heraufziehen.

    Denn obwohl die Säckel der Banken voll seien und die Notenbanken das Geld druckten wie nie, würden keine Kredite vergeben. Am Ende dockt er, hier in der Raumstation „C-Base“, an den Gedanken der „grundlegenden Neubesinnung“ an, von der Prof. Senf sprach, indem er zu verstehen gibt:

    „Was ist wirklich wichtig, auf was kommt es an? Nur sehr wenig. Was wirklich wichtig ist im Leben, bekommt man alles nicht für Geld, sondern umsonst.“

    Nach diesem Vortrag muss ich nunmehr leider die Raumstation verlassen, um meine Rückreise in den tiefen Westen anzutreten, wo bekanntlich „die Sonne verstaubt.“ Das heißt: die Vorträge von Gerhard Spannbauer („Wie sorge ich für eine Krisensituation richtig vor?“) und Nicolas Hofer („Das globale Monopoly in Wechselwirkung mit der Geldschöpfung“) bekomme ich nicht mehr mit.

    Auf dem Weg zur U-Bahn geht mir die Einschätzung durch den Kopf, dass mir die Begegnung mit all den Menschen, unter die ich mich einstweilen mischen durfte, gut gefiel. Es gab zwischen den einzelnen Präsentationen anregende Gespräche und Ideen kritischer Geister, und eines weiß ich: die Krise, auch die der arrivierten Medien, rennt nicht weg, sie bleibt uns erhalten. Dafür muss ich kein Pessimist sein; ein wenig Realitätssinn und „Augen-auf-im-Straßenverkehr“ langt vollkommen.



    1 vgl.: „Springer: Freier Zugang zu Informationen ist kommunistisch. Verlagsboss ereifert sich auf Monaco Media Forum“, veröffentlicht am 13. 11. 2009 unter: http://www.golem.de/0911/71190.html

    2 siehe F. William Engdahl: „Afghanistan: Verlogener Krieg der USA“, veröffentlicht 2. November 2009 unter: http://info-kopp-verlag.de/news/afghanistan-verlogener-krieg-der-usa.html

    3 vgl. hierzu u. a.  F. William Engdahl: „Mit der Ölwaffe zur Weltmacht. Der Weg zur neuen Weltordnung“, Kopp-Verlag, Rottenburg 2006, Seiten 334 – 336, 354, 391.

    4 vgl. ebd., Seite 391 und 394. William Engdahl lehnt sich hierbei an die Analyse von Emmanuel Todd an. Siehe Emmanuel Todd: “After the Empire: The Breakdown of the American Order”, Columbia University Press, New York 2003, 272 Seiten.

          5 Bernd Senf: „Der Nebel ums Geld. Zinsproblematik, Währungssysteme, Wirtschaftskrisen“ Gauke Verlag, 9., veränd. Aufl., 2008, 254 Seiten.<div align

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