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China und die Kunst des Wirtschaftskrieges | Drucken |  E-Mail
Von Lars Schall   
Monday, 25. January 2010
Die Volksrepublik China ist nach den Vereinigten Staaten von Amerika der zweitgrößte Ölkonsument der Welt. Im Gegensatz zu den USA, die im „Krieg gegen den Terror“ verstrickt sind, verfolgt sie jedoch erfolgreiche Energiesicherheitsstrategien. Die rufen in Washington zunehmend Sorge hervor.

Mithin drängt sich der Eindruck auf, als ob man sich in Peking noch immer von den alten chinesischen Militärklassikern inspirieren ließe. Jene Werke von Tai Kung, Wei Liao Tzu und Sun Tzu, die vor hunderten von Jahren geschrieben wurden, bestechen dadurch, dass sie den Gegner eher durch Flexibilität, Schnelligkeit, Agententätigkeit und einem Minimum an offenem Kampf zu besiegen trachten. Statt sich durch ein großes Militäraufgebot wie das der USA beispielsweise in Afghanistan zu binden, nutzt China seine Beweglichkeit, und macht damit aus der Schwäche eine Tugend. China ist vollkommen bewusst, dass es mit den Vereinigten Staaten militärisch nicht konkurrieren kann. Ein statistischer Vergleich hilft der Betrachtung:

“Although stateside commentary sometimes claims that China is a potential challenger to US military power, with 2003 expenditures of only $33 billion, this is unsubstantiated. In 2003 Japan ($47 B), France ($37 B), and the UK ($35 B) each had higher military expenses than did China.”[1]

Im Vergleich dazu unterhielten die USA einen Militärhaushalt im Jahre 2003, der sich auf 417 Milliarden US-Dollar belief. Damit lagen die USA nicht nur weit vor Russland, das mit 91 Milliarden US-Dollar weltweit an Rang zwei stand, sondern sie gaben für ihr Militär mehr Geld aus als die nächsten zwanzig Nationen auf dem Globus zusammen.[2] Die Kluft ging in den folgenden Jahren nur noch weiter auseinander.

Chinas Antwort ist, dass es den USA die offenen, blutigen Konflikte überlässt; es selber verlagert sich auf die wirtschaftliche Kriegsführung in deren Windschatten. Dabei nutzt es aus, dass sich die USA mit ihrem globalen „Krieg gegen den Terror“ allseits unbeliebt machen. Im Fokus der chinesischen Handlungen steht die Strategie, sich vor allem dort gut Freund zu machen, wo es um Öl geht. Da der amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ im Großen und Ganzen ein Öl-Krieg ist – oder jedenfalls dort stattfindet, wo das Öl nicht weit zu suchen werden braucht –, fällt beides für die Chinesen derzeit ideal in Eins.

Man nehme als Beispiel die ausgezeichneten Erfolge, die Peking im Irak einfährt (MMNews berichtete[3]). Besonders interessant ist daran die Tatsache, dass die Schweizer Erdölfirma Addax Petroleum von der China Petrochemical Corp. (Sinopec) für knappe 8 Milliarden US-Dollar übernommen wurde. Sinopec hat seinen Stammsitz in Peking, zählt zu den drei größten Erdgas- und Mineralölunternehmen Chinas und stand 2006 sogar auf der Spitzenposition unter den chinesischen Top-500-Unternehmen.[4] Addax wiederum ist im kurdischen Teil des Irak engagiert[5] und hält dort Reserven im Volumen von 42,5 Mio. Barrel. Mit einer Lizenz der kurdischen Regionalregierung fördert Addax derzeit 40 000 Barrel täglich. Nach Ausbau der Anlage des Taq-Taq-Ölfeldes soll die Produktion 70 000 Barrel betragen.

Entsprechend wurde die Transaktion zwischen Sinopec und Addax „von offizieller chinesischer Seite ... begrüßt: Die Übernahme passe gut in die globale Energiestrategie Chinas“, berichtete Bloomberg. „Das Land sei bestrebt, die Ölversorgung zu diversifizieren. Zugang zu Vorkommen im Nahen Osten und in Afrika werden ohne Zweifel die Energiesicherheit verbessern, sagte Jiang Xinmin, Energieexperte bei der Nationalen Kommission für Planung und Entwicklung, der obersten Planungsbehörde in Peking.“[6]

Darüber unterschreibt China langfristige Verträge im Iran, wie beispielsweise durch die China National Petroleum Company, die für 5 Milliarden US-Dollar Förderrechte im South Pars-Erdgasfeld erwarb.[7] South Pars weist „mit ca. 12,5 T.m³ fast die Hälfte“ aller iranischen Erdgasreserven auf. „Das South Pars Feld ist die Fortsetzung des katarischen North Field, mit dem gemeinsam es die weltweit größte Kohlenwasserstoffakkumulation bildet (mit >17 Gtoe Reserven eines der wenigen Felder der Kategorie ,megagiant’).“[8] Des Weiteren ist China erfolgreich in den Ölstaaten Süd-Amerikas präsent, unterhält beste Beziehungen mit Russland, dem derzeit größten Erdölexporteur der Welt, zeigt sich auf Öl-Einkaufstouren in den zentralasiatischen Republiken wie Kasachstan, taucht zum gleichen Zwecke in Singapur und Syrien auf, und verzeichnet selbst in Afghanistan große Fortschritte. Das Land am Hindukusch ist nicht nur als Transitgebiet für die geplante Öl- und Gaspipeline von Turkmenistan nach Pakistan/Indien äußerst interessant, sondern auch als Lieferant von Kupfer.

Allein das Kupferwerk in der Nähe von Aynak verspricht in den nächsten 25 Jahren über 11 Millionen Tonnen an diesem gefragten Gut hervorzubringen – das entspräche rund 1/3 der bekannten chinesischen Reserven. Kein Wunder, dass die China Metallurgical Group Corporation 3,4 Milliarden US-Dollar für die Förderrechte bot – jeweils mindestens eine Milliarde mehr, als die Mitbieter aus den USA, Kanada, Europa, Russland und Kasachstan.[9]

Michael Wines stellt für die New York Times diesbezüglich fest:

“While the United States spends hundreds of billions of dollars fighting the Taliban and Al Qaeda here, China is securing raw material for its voracious economy. The world’s superpower is focused on security. Its fastest rising competitor concentrates on commerce.

S. Frederick Starr, the chairman of the Central Asia-Caucasus Institute, an independent research organization in Washington, said that skeptics might wonder whether Washington and NATO had conducted “an unacknowledged preparatory phase for the Chinese economic penetration of Afghanistan.”[10]

Dass China langfristig orientiert ist und seine Triumphe im Stillen sucht, kann man auch darin erkennen, dass es das tut, was es tun muss, will es in Zukunft im Verbund mit anderen Nationen einen Währungskorb zusammenstellen, in dem Öl gehandelt wird: es kauft in großen Mengen Gold. Bill Murphy, Vorsitzender des Gold Anti-Trust Action Committee, schätzte das chinesische Engagement auf dem Goldmarkt wie folgt ein, als er von MMNews dazu befragt wurde:

“According to my sources, China will be in the market for years to come and will be buying in size and as quietly as possible.”[11]

Chinas weise Schritte, um sich (öl-)wirtschaftlich abzusichern, rufen in Washington wachsende Unruhe hervor. David Shear, leitender Angestellter im Außenministerium für Ostasien- und Pazifikbeziehungen, erklärte auf der jüngsten Sitzung des House Armed Services Committee, dass sich die USA intensive Gespräche mit den Chinesen “at very senior level“ führten, und zwar solche “on the subject of energy security, in which we have raised our concerns about Chinese efforts to lock up oil reserves with long term contracts.“[12]

Die amerikanischen und chinesischen Ölinteressen müssen irgendwann aneinander geraten, da sie in folgendem Konkurrenzverhältnis stehen, wie sich aus einem Diagramm ergibt, dass sich im National Energy Policy-Report der Bush-Cheney-Regierung aus dem Frühjahr 2001 findet:

„Ein Diagramm, das den Nettoverbrauch an Erdöl in den USA und die Eigenproduktion in ihrer zeitlichen Entwicklung darstellt (...). An diesem Diagramm ist abzulesen, dass die Eigenproduktion von Erdöl von etwa 8,5 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2002 auf 7 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2020 absinken wird, während der Verbrauch von 19,5 Millionen auf 25,5 Millionen Barrel pro Tag ansteigen wird. Das bedeutet, dass der Anteil der Importe oder anderer Quellen für Erdöl von 11 Millionen auf 18,5 Millionen Barrel pro Tag erhöht werden muss. Die meisten der in der NEP [National Energy Policy, der Bericht der Energy Task Force, vom Mai 2001] enthaltenen Empfehlungen zielen auf die Beschaffung dieser zusätzlichen 7,5 Millionen Barrel pro Tag ab, die dem Gesamtverbrauch von China und Indien zusammen entsprechen.“[13]

Bei sinkendem Angebot und steigender Nachfrage sind wir freilich beim Thema Peak Oil angelangt. Rescoe Bartlett, ein republikanischer Kongressabgeordneter, der in Washington als “Peak Oil’s man on Capitol Hill” gilt, sagte auf der oben erwähnten Sitzung des House Armed Services Committee laut upstreamonline.com, “...he was worried that the Chinese were ‘aggressively buying up oil all over the world’ and might not share it with other countries in the future.”[14]

In diesem Zusammenhang erinnerte Michael C. Ruppert, der frühere Herausgeber von From the Wilderness (FTW), jüngst daran, dass er Anfang 2005 mit Rescoe Bartlett in dessen Abgeordnetenbüro saß.:

He had made posterboard enlargements of two maps I had just published at FTW. He had also enlarged a couple of charts by Matt Savinar. My maps showed how international and geostrategic competition was brewing over diminishing oil reserves. One focused on the world and one solely on Africa.. Congressman Bartlett asked me what I thought was coming next. It was clear that China was in play everywhere. I pointed at Venezuela and the Caribbean, and West Africa. I said, "Proxy Wars". The next day Bartlett took my two my maps and Savinar's charts into a private one-on-one meeting with George W. Bush.”[15][16]

Ruppert verweist auf Landkarten, die sich unter diesem Link finden lassen: www.fromthewilderness.com

Das ironische an der Geschicht’: Ruppert veröffentlichte 2004 mit “Crossing the Rubicon“ ein Buch, in dem auf mehr als 670 Seiten die These vertreten wird, „dass die USA 9/11 manipuliert oder gar selber inszeniert haben, Dick Cheney ist sein Hauptverdächtiger.“[17]

Und das Motiv für die Tat? Laut Ruppert jedenfalls: Peak Oil.

Quellen:


[1] siehe William R. Clark: “Petrodollar Warfare: Oil, Iraq and the Future of the Dollar“, New Society Publishers, Gabriola Island, 2005, Seite 12.

 

[2] vgl. ebd.

[3] vgl. Lars Schall: „Russland macht ernst (...und China ebenso)“, veröffentlicht auf MMNews am 7. Januar 2010 unter:

http://www.mmnews.de

[4] vgl.  „Chinas Top-500-Unternehmen 2006“, veröffentlicht von China Economic Net am 4. Juni 2006 unter:

http://www.emfis.de

Darin hieß es: „Der chinesische Unternehmensverein hat heute zum fünften Mal die Liste der Top-500-Unternehmen veröffentlicht. Sinopec, State Grid, CNPC, die Industrial and Commercial Bank of China, China Mobile, China Life, China Southern Power Grid, China Construction Bank, China Telecom und Bank of China stehen auf dem Spitzenrang.”

[5] vgl. Iraq will double exports to China to satisfy thirst for oil”, veröffentlicht in The Times am 23. Dezember 2009 unter: http://business.timesonline.co.uk

[6]  :“Übernahme: Sinopec sichert sich Ölreserven im Irak“, veröffentlicht auf „Das Handelsblatt“ am 25. Juni 2009 unter: http://www.handelsblatt.com

[7] vgl. Michael Wines: “China’s Ties With Iran Complicate Diplomacy”, veröffentlicht in The New York Times am 29. September 2009 unter:

http://www.nytimes.com

[8] Hilmar Rempel: „Erdöl und Ergas im Iran“, veröffentlicht in “Commofity Top News“, No. 23, von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe am 14. März 2005 unter:

http://www.bgr.bund.de 

[9] vgl. Michael Wines: “Uneasy Engagement. China Willing to Spend Big on Afghan Commerce”, veröffentlicht in The New York Times am 29. Dezember 2009 unter: http://www.nytimes.com

[10] ebd.

[11] siehe Lars Schall: “They are about to hit the wall”, veröffentlicht auf MMNews am 31. August 2009 unter:

http://www.mmnews.de

 

[12] US raises concern over China oil policy. The US has expressed concern to Chinese officials about Beijing's attempts to buy up global oil reserves for the long term”, veröffentlicht am 14. Januar 2010 unter:

http://www.upstreamonline.com

[13] aus Michael T. Klare: “Bush-Cheney Energy Strategy: Procuring the Rest of the World’s Oil“, Foreign Policy in Focus, Januar 2004, zitiert in Michael C. Ruppert: “In your face”, veröffentlicht auf From the Wilderness am 29. Januar 2004  unter: http://www.fromthewilderness.com

[14] siehe Endnote 12.

[15] Michael C. Ruppert: “More Dangerous Confirmations. How Right Were We?“, veröffentlicht am 22. Januar 2010 unter: http://mikeruppert.blogspot.com/2010/01/more-dangerous-confirmations.html

 

[17] Lars Schall: „9/11 und Peak Oil“, Interview mit Dr. Daniele Ganser, veröffentlicht auf MMNews am 11. September 2009 unter: www.mmnews.de

 

 

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