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Trump-Rally schizophren?
29.11.2016
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Vor der US-Präsidentschaftswahl erschien den Märkten ein möglicher Präsident Trump fast als Weltuntergangsszenario. Jetzt ist alles anders. - Wird es beim Ausgang des Italien-Referendums auch so sein?

 

von Torsten Ewert

Speziell die US-Börsen wirken derzeit etwas schizophren. Vor der US-Präsidentschaftswahl erschien den Märkten ein möglicher Präsident Trump fast als Weltuntergangsszenario. Dementsprechend bewegten sich die Kurse im Einklang mit den Meinungsumfragen. Aber das gilt jetzt alles nicht mehr. Stattdessen sehen wir in den USA einen Kursanstieg, der von den Medien bereits zur „Trump-Rally“ hochgejubelt wird. Daraus können Sie einige wichtige Lehren ziehen.

 

Schizophrene Marktreaktion?

So ist es völlig egal, welche Gründe tatsächlich für diesen Meinungsumschwung der Börsianer verantwortlich sind. Rechnen die Anleger nun wirklich damit, dass er seinen Wahlkampfversprechen Taten folgen lässt und die US-Industrie mit staatlichen Investitionsprogrammen und Steuersenkungen päppelt? Oder ist einfach nur eine Unsicherheit aus dem Markt, so dass die guten Quartalsergebnisse der Unternehmen, die sich verbessernden US-Konjunkturdaten und die saisonale Stärke des vierten Quartals (Jahresendrally) die Kurse treiben?

 

Die Antwort auf diese Fragen könnte zwar noch die eine oder andere versteckte Investmentchance bieten, aber für Ihre grundsätzliche Positionierung am Markt ist sie nebensächlich. Sie sollten diese Reaktion daher vor allem als ein weiteres Lehrbuchbeispiel dafür nehmen, wie flexibel und vor allem undogmatisch Sie an der Börse reagieren müssen!

 

Es ist völlig gleichgültig, welche persönliche Meinung Sie zu den beiden Präsidentschaftskandidaten haben und hatten. Es ist auch völlig unerheblich, welche Überzeugung Sie haben, wohin der Markt gehen wird. Als Anleger müssen Sie die Gegebenheiten einfach zur Kenntnis nehmen und immer gemäß den Marktreaktionen handeln.

 

Tatsächlich zeigt sich, dass die meisten größeren Verluste bei Anlegern dann entstehen, wenn diese ausschließlich ihren Überzeugungen folgen und zwar auch dann noch, wenn die Marktreaktionen ihnen etwas ganz Anderes aufzeigen.

 

Wie es die Profis machen

Es wäre somit völlig kontraproduktiv und absolut sinnlos gewesen, sich angesichts der „unlogischen“ Marktreaktion aufzuregen und stur an der gegenteiligen Meinung festzuhalten – und womöglich auch entsprechend am Markt positioniert zu sein. Das hätte auch in diesem Fall nur massive Verluste gebracht. Genauso wenig hätte man sich grämen müssen, dass man diese Marktreaktion nicht vorhergesehen hat. Es geht an der Börse ebenso wenig um Hellseherei.

 

Es geht darum, die Marktreaktionen aufmerksam zu beobachten und daraus Schlüsse zu ziehen. Das war in diesem Fall vergleichsweise einfach: Wie nach dem Brexit war die Schreckreaktion nur kurz. Die Charts zeigten daher bald, was los war (siehe z.B. Börse-Intern vom 09.11.2016). Wenn man also mit Ruhe und Gelassenheit agiert hat und unserer ständigen Empfehlung gefolgt wäre, sich hinter den Markt zu stellen, hätte man nach der Wahl und den ersten Reaktionen zunächst vielleicht nur die Stopps nachgezogen, wäre dann aber mit weiter steigenden Kursen nach und nach wieder eingestiegen.

 

Wie sehr erfahrene Anleger solche Situationen nutzen, zeigt sich anhand einer anderen Meldung: So wurde bereits am Morgen nach der Wahl bekannt, dass einer der prominentesten Unterstützer Donald Trumps aus der Investmentszene, der „Firmenjäger“ Carl Icahn, die Wahlparty Trumps vorzeitig mit den Worten verließ: „Big Poppas got money to make“ (Big Papa [Spitzname Icahns; T.E.] muss jetzt Geld machen) – um einen Großeinkauf bei Aktien zu starten.

 

Wer diesem Beispiel folgte, konnte kräftig profitieren – zumindest mit US-Werten. Während die europäische Märkte seit der Wahl in den USA mehr oder weniger auf der Stelle traten, stiegen z.B. allein die US-Werte der Aktien-Perlen seitdem um bis zu 15 %.

 

So können Sie trotzdem noch gewinnen

Aber selbst, wenn Sie das alles verpasst oder falsche Schlüsse daraus gezogen haben, können Sie noch gewinnen. Sie können dieses Beispiel abspeichern in Ihrer Mappe „Wie die Märkte ticken“. Ähnliche Beispielmappen führen auch Journalisten mit guten Überschriften, Formulierungen oder Geschichten und Programmierer mit eleganten, kurzen oder hilfreichen Programmcodes.

 

Mit der Zeit haben Sie so ein Kompendium, aus dem Sie Ihre gesammelten Erfahrungen für das Verhalten bei kommenden Ereignissen schöpfen können. Glauben Sie mir, das ist ungemein hilfreich, auch wenn die Mehrzahl dieser Beispiele möglicherweise zunächst eine Chronik dafür sein wird, welche markanten Wendepunkte an den Märkten man nicht erkannt hat. Aber wie gesagt, es geht nicht darum, immer Recht zu haben oder alles vorherzusehen. Es geht darum, zu lernen und angemessen zu reagieren.

 

Schulen Sie „Marktauge“!

Am besten ist natürlich, regelmäßig in diese Mappe zu schauen, um die Beispiele zu verinnerlichen. Hektisches Suchen, wenn die Märkte unerwartet reagieren, hilft eher nicht. Mit der Zeit schulen Sie durch diese regelmäßige Lektüre Ihr „Marktauge“. Wenn Sie dann die Nachrichten scannen, wird Sie Ihr Unterbewusstsein irgendwann automatisch aufmerksam werden lassen, wenn ein mögliches bekanntes Muster auftaucht.

 

Das ist etwa so, als ob Sie aus einer Schachtel Nägel eine Handvoll Schrauben heraussuchen wollen, die dort drin sind. Anfangs sieht alles völlig chaotisch aus. Ein Ende der Sortiererei scheint nicht Sicht. Aber mit der Zeit entwickelt man einen „Schraubenblick“ und kommt dann überraschend zügig ans Ziel.

 

Auch an den Märkten kann man sich den richtigen Blick antrainieren. Natürlich, das dauert: Erst muss man genug Beispiele sammeln, dann muss man diese verinnerlichen. Und schließlich muss die Zeit auch die nächsten passenden Ereignisse bringen. Das alles scheint eine Ewigkeit zu dauern und ist vor allem für junge Leute scheinbar ermüdend.

 

Früh anfangen und lange profitieren

Aber es lohnt sich! Schauen Sie sich um: Bekannte Investoren sind meist alte Männer. Der erwähnte Carl Icahn ist 80, Warren Buffett sogar schon 86. André Kostolany veröffentlichte seine Erfahrungen auch erst im reifen Alter und war in seinen Neunzigern noch aktiver Börsianer.

 

Erfahrung an der Börse ist also etwas, dass sich bis ins hohe Alter auszahlt – und das mit jedem Lebensjahr sogar immer mehr. Und je eher man damit anfängt, desto früher kann man die Früchte dieser Arbeit ernten. Am besten also, Sie beginnen noch heute, Ihr „Marktauge“ zu schulen.

 

Die nächste Gelegenheit dafür bietet sich bereits in dieser Woche: das Verfassungsreferendum in Italien am kommenden Sonntag. Erneut verbreiten die Medien Weltuntergangsszenarien (Zusammenbruch des Euro, neue Bankenkrise), wenn die Verfassungsänderung abgelehnt wird. Und tatsächlich gehen die europäischen Märkte in Deckung – von einer „Trump-Rally“ ist jedenfalls bei DAX und Co. nichts mehr zu sehen.

 

Hier haben Sie also nach Brexit und US-Präsidentschaftswahl bereits die dritte Möglichkeit innerhalb weniger Monate, um Ihr „Marktauge“ zu schulen. Denn wieder ist völlig offen, wie der Markt anschließend auf den Ausgang des Referendums reagiert (einige Varianten werden in der am Freitag erscheinenden Monatsausgabe der Stockstreet Investment Strategie vorgestellt). Und auch in diesem Fall hilft es, auf das Unvorhersehbare gelassen zu reagieren, um dann entsprechend der Marktreaktionen ebenso gelassen zu handeln.

www.stockstreet.de


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