Protokolle der Einheit

Wortlaut-Protokolle der Gespräche zwischen Helmut Kohl und George Bush freigegeben - Große Sorge vor Destabilisierung - Massive Kritik an Großbritannien. Margaret Thatcher mit „Vor-Churchill“-Haltung.
 
In den Monaten nach dem Mauerfall am 9. November 1989 waren der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und US-Präsident George Bush in großer Sorge, die Situation in Ostdeutschland und insbesondere in Moskau könne außer Kontrolle geraten. Das berichtet das Nachrichtenmagazin FOCUS, dem die Wortlaut-Protokolle der Gespräche zwischen Kohl und Bush vorliegen. Die Dokumente wurden in Washington archiviert und jetzt von der „Bush Presidential Library“ freigegeben.

In einem Telefonat am 17. November 1989 erklärte Kohl, er werde „nichts tun, was die Lage in der DDR destabilisiert“. Bush sagte, er habe die Sorge, die „Euphorie und Begeisterung“ könnten zu „unvorhersehbaren Aktionen“ in der UdSSR und DDR führen. Die USA würden deshalb keine „Appelle zur Wiedervereinigung“ abgeben und auch keinerlei Zeitpläne aufstellen. „Und wir werden das auch nicht dadurch verschärfen, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten vor der Berliner Mauer in Positur wirft.“

Bei ihrem ersten persönlichen Treffen nach dem Mauerfall, am 3. Dezember 1989 in Brüssel, teilte Bush dem Kanzler im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung die massiven Bedenken des sowjetischen Staatschefs mit. „Gorbatschow meint, dass du zu eilig vorgehst.“ Kohl antwortete: „Ich habe Gorbatschow gesagt, dass es nicht in meinem Interesse ist, die Dinge außer Kontrolle geraten zu lassen.“ Bush bemerkte, das Hauptproblem für Gorbatschow sei die „Ungewissheit“ der Lage. „Ich will nicht sagen, dass er durchgedreht ist, aber es ist ihm wirklich unbehaglich zumute.“ Monate später, am 17. Juli 1990 berichtete Kohl, Gorbatschow sei sich „seiner besonderen Situation und Verantwortung“ bewusst. „Und er weiß auch, dass er schnell handeln muss, um den Pluralismus, die gesellschaftlichen Veränderungen und die notwendigen Gesetze bis Ende des Jahres durchzubringen.“ Insgesamt habe er von Gorbatschow den Eindruck, dass er „alle Brücken hinter sich eingerissen“ habe, so Kohl. „Er kann nicht mehr zurück. Er muss erfolgreich sein.“

In seinen Gesprächen mit Bush äußerte Kohl auch deutliche Kritik an der zögerlichen Haltung mehrerer Verbündeter zur Vereinigung. Insbesondere zeige die britische Premierministerin Margaret Thatcher eine „Vor-Churchill“-Haltung. Kohl: „Sie glaubt, dass die Nachkriegszeit immer noch nicht zu Ende ist. Sie glaubt, dass die Geschichte ungerecht ist. Deutschland ist so reich, und Großbritannien muss ums Überleben kämpfen. Sie haben einen Krieg gewonnen, aber ein Imperium und ihre Wirtschaft verloren.“ Insgesamt sei die Position Großbritanniens zur deutschen Frage „eher zurückhaltend“. Darauf Bush: „Das ist die Untertreibung des Jahres.“

Die Gespräche zwischen Kohl und Bush und die dort behandelten Themen sind zwar bekannt, bislang unveröffentlicht waren jedoch die genauen Wortlaut-Protokolle.   

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