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Deus lo vult! - Ist die Religion schuld?
25.12.2015
Religion ist schon seit langer Zeit keine Kriegsursache mehr, sondern eine Ausrucksform, die einem Krieg im Laufe des Konflikts verliehen wird. - Mao Tse Tung, Josef Stalin, Adolf Hitler waren große Tyrannen und Massenmörder unserer Menschheitsgeschichte.

von Tahir Chaudhry
 
Beispielsweise gebrauchte das dritte Reich den Krieg vordergründig, um durch Besetzung verschiedener Territorien den Lebensraum zu erweitern und durch die Aneignung von Besitztümern, den durch die Aufrüstung aus den Fugen geratenen Finanzhaushalt zu stabilisieren. Weitere Kriege im 20. Jahrhundert wie in Korea, Kambodscha, Vietnam oder im Irak zeigen abermals, das aus machtpolitischen, ideologischen, strategischen und wirtschaftlichen Gründen getötet wurde.
 

“Zwar gibt es auch Radikale in anderen Religionen und politischen Ideologien, aber niemand sprengt sich im Namen der Religion in die Luft! Da seid ihr schon einzigartig!”, so der Vorwurf seitens Religionskritiker gegenüber Muslimen. Die Tamilen-Tiger als stramme Leninisten nutzten gleichermaßen diese Technik aus rein weltlicher Motivation und Ideologie heraus, deren metaphysischer Kern das Versprechen der Freiheit in der Zukunft war.
 
 
In gleicher Weise verfolgen Radikal-islamistische Selbstmordattentäter  eine rein weltliche Zielsetzung, nämlich die Herrschaft über die Welt. Indessen dient Religion lediglich als Hülle für das nationalistisch-kulturelle oder revolutionär-politische Skelett des Ideologen. Dieses Konstrukt bildet sich dort, wo sich Menschen gedemütigt fühlen, wo die Hilflosigkeit und Wut im Angesicht der Macht des Anderen allgegenwärtig ist.


Der geheiligte Krieg

Das Töten von Individuen oder die Auslöschung von Massen zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte. Es geschah im Namen der Ehre, aus Rachsucht, auf der Suche nach Nahrung und Besitztürmern oder im Streben nach Weltherrschaft. Auch die Religion blieb vor dem Missbrauch als Kriegsgrund nicht verschont. Als Papst Urban II. in seiner Predigt zum Kreuzzug für die Befreiung Jerusalems von den Heiden rief, antwortete die Menschenmenge: “Deus lo vult!” (dt. “Gott will es!”). Doch was wollte Gott? Was wollte der Papst? Und was wollte der Herrscher?


Wir schreiben das 11. Jahrhundert. Herrscher sind erst erfolgreich, wenn sie sie ihr Reich vergrößern und bereichern. Das Volk ist meist gegen Krieg, da sie am meisten unter den Begleiterscheinungen eines Krieges leidet. Die religiösen und weltlichen Häupter stützen und legitimieren sich gegenseitig. Ein jedes Mal stoßen wir auf ähnliche Motivationsmuster für die Kreuzzüge:
 
Die Anderen sind im Vormarsch! Ihr Einfluss weitet sich aus! Ihre militärische Kraft vergrößert sich! Ihre Ressourcen häufen sich an!...und wusstet ihr, dass die Anderen herzlose Barbaren sind, ungesittete Heiden?”
 
Der Redner, der solche Worte von sich gab, ist ein Charismatiker, der es versteht jegliche Zweifel daran zu zerstreuen, dass der Aufruf zum Einsatz von Schwert und Feuer im Namen der Religion zu hinterfragen sei. Für den heutigen Menschen im Westen ist dies kaum vorstellbar. Er identifiziert sich mehr über die Staats-, Volks- oder Kulturzugehörigkeit als über die Religion.
 
 
Religion aber bewirkt im Gegensatz zu anderen Identifikationsmerkmalen eine Metamorphose der Herzen. Religion ist keine Politik und seine Anhänger formieren sich nicht als politische Partei. Religion ist keine Nation mit ihren begrenzten Loyalitäten oder ein Staat mit geographischen Grenzen. Da Religion eine Herzensangelegenheit ist, konnten nicht selten betrügerische und machtsüchtige Menschen eine unvernünftige Masse dazu bewegen Taten zu vollbringen, die bis dahin sogar ihren eigenen Moralvorstellungen widersprachen.


Religion ist eine Ausdrucksform

Schaut man auf den heutigen Israel-Palästina-Konflikt, sieht man scheinbar Muslime gegen Juden kämpfen, in Syrien: Shiiten gegen Sunniten oder in Nigeria: Christen gegen Muslime. Tatsächlich ist Religion schon seit langer Zeit keine Kriegsursache mehr, sondern eine Ausrucksform, die einem Krieg im Laufe des Konflikts verliehen wird.
 
 
Ohne einen Blick auf die Kausalität kann ein Konflikt nicht korrekt eingeordnet werden. Bei Konflikten unserer Zeit, die als religiösmotiviert charakterisiert werden, bildet sich doch gerade im Verlauf der Entwicklungen ein entsprechendes Bewusstsein oder eine Verhärtung einer bestimmten Identität heraus.


Nehmen wir einmal das ehemalige Jugoslawien als Beispiel. Dort gab es Serben, Kroaten, Slowenen und Bosnier. Jede Volksgruppe hätte sich auf seine eigenen Besonderheiten berufen können. Doch die Serben setzten auf eine panslawische Identität, womit sie die Karte der sprachlichen Verwandtheit ausspielten.
 
 
Den Bosniern blieb keine andere Wahl auf ihre religiöse Zugehörigkeit zu setzen, womit sie automatisch Muslime weltweit ansprachen. Tatsache ist, dass bosnische Muslime wenige bis überhaupt nicht praktizierende Gläubige sind. Trotzdem gesellten sich in ihrem Kampf gegen die panslawische Gruppe Kämpfer aus aller Welt hinzu, die sich als Muslime bezeichneten. Jeder von ihnen kam als muslimischer “Bruder” mit einer persönlichen Agenda.
 
 
Ganz oben stand dabei der Kampf gegen den Westen. Zugleich war es ihnen ganz egal, ob sie im Nahen Osten, Afghanistan oder in Bosnien kämpften. Dem Kampf, den sich die “Gotteskrieger” hingaben, wurde allein um des Krieges Willen gekämpft. Hierbei gehörte die kontinuierliche Ignoranz gegenüber islamischer Ethik und Moral zur allgemeinen Praxis der Freiheitskämpfer.


Die Eifersucht der Anti-Religösen

“Ohne Religion wäre die Welt besser dran!” Eine große Mehrheit in unserer Gesellschaft würde diese These sofort unterschreiben. Bei uns ist Religionskritik hoch im Trend und die Religion selbst ist zu einem Fremdkörper geworden. Wer nicht zur Kirche, in die Synagoge oder Moschee geht, aber religiös bleiben möchte, der glaubt an Gott und nicht an sein “Bodenpersonal”.
 
 
Auch die gewaltige Konkurrenz zieht uns an. Buddhismus, New Age, Feng-Shui oder Esoterik gelten als zeitgemäße Alternative. Aber ebenso der Atheismus, der Religion als infantile Neurose ablehnt, wirbt als Organisation auf Plakaten mit “Es gibt keinen Gott! Werte sind menschlich. Auf uns kommt es an!” für mehr Anhänger. Auf dem zweiten Blick schimmert ein gewisser Wahrheitsanspruch und antireligiöser Neid hindurch.
 
 
 
Ohne einen endgültigen Beweis gegen die Existenz Gottes, blickt der Atheist mit Eifersucht auf das Leben eines Gläubigen, der durch Gott: Liebe, Sicherheit und Geborgenheit findet. Dagegen fühlt er sich selbst als Zufallsprodukt, ziemlich einsam in einer grauen und grausamen Welt. Unbewusst sehnt er sich nach Transzendenz und zeigt sich radikal nach außen, indem er die Abschaffung von Religion fordert.
 
 
Was er hingegen nicht bedenkt, ist, dass in dem Moment, wo Religion abgeschafft wäre, kein leerer Raum entstehen würde. Stattdessen versuchen wir Menschen immer eine Leere mit anderen Dingen zu füllen. Wir erschaffen uns Ersatzreligionen, die aus Konsum, Arbeit, Politik oder unseren Hobbies geformt werden. Dabei wird unsere säkulare Gesellschaft stets durch die urmenschliche Hybris geblendet. Die Folge: Ein Großteil meint, zu gut informiert zu sein, um sich zu klaren Weltanschauungen zu bekennen. Er ist zu liberal, um Wertehierarchien zu formulieren und zu konsumorientiert, um Bescheidenheit zu predigen.
 
 
Umso mehr tut sich unsere Gesellschaft mit denen schwer, die einem Gott anhängen wollen. Dies trat schon in der Beschneidungsdebatte, dem Pussy-Riot-Skandal oder der Schmähfilm-Diskussion zu Tage. Im Hintergrund stand immer die Frage: Wie viel Freiraum lassen wir den Religiösen in unserer Gesellschaft? Radikale Atheisten wie Richard Dawkins aus den USA oder Michael Schmidt Salomon aus Deutschland lehnen einen eben diesen Freiraum strikt ab. Gemäß ihrer Überzeugung unterminiere Religiosität den Intellekt und untergrabe die Suche nach “Wahrheit”.


Religion unter Säkularen

Religiöser Glaube kann ein nützlicher Damm gegen die menschliche Eingenommenheit von sich selbst sein. Der Fortschritt des Menschen hat eine Gute sowie eine Böse Seite, die ständig gegenüber der Natur und anderen Menschen ausgespielt wird. Der Mensch kann eine ungeheure destruktive Kraft entwickeln, solange nicht das Böse in ihm gezähmt wird und seine Kräfte nicht in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Erst dann befreit Wissen und Erkenntnis.
 
 
Zusammen mit der moralischen Komponente befördert auch die Vernunft dann das Gute. Gewiss gibt es moralische Werte, die für jeden Menschen unabhängig seiner Weltanschauung Geltung besitzen. Diejenigen, die sich jedoch gegen eine Harmonie und Eintracht in der Gesellschaft stellen und Wahrheiten monopolisieren, passen nicht in eine friedliche Gesellschaft. Die Verteufelung von religiöser Überzeugung und der damit verbundenen Einmischung in die Beziehung zwischen Mensch und Gott ist der Ausdruck einer faschistischen Gesinnung, und nichts anderes.


Oft herrscht der Trugschluss, dass die Trennung von Staat und Religion, den Staat als solches zu einem religionsfreien gemacht hätte. Weder sollte die Gesellschaft in einem säkularen Staat aufhören zu glauben, noch sollte der sich der Staat von religiösen Botschaften und deren Morallehren unberührt zeigen.
 
 
Der Staat gewährt uns das Recht auf Religionsfreiheit, wonach jeder Mensch glauben darf, wie es seiner Überzeugung entspricht. Und unsere Vernunft fordert uns auf, über das nachzudenken, was uns umgibt. Wir wurden mit einem Verstand ausgestattet, mit dem wir in der Lage sind die überlieferten Weisheiten unserer Vorfahren zu studieren.
 
 
Der Weg führt nur über Selbstkritik und einem unvoreingenommenem Streben nach Gewissheit. Auch die öffentliche Religionskritik ist wichtig, damit Glaube in der Gesellschaft ständig diskutiert wird und keine Verbannung aus dem kollektiven Gedächtnis gemäß kommunistischer Tradition angestrebt wird.


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