Macht der Fachkräftemangel den Arbeitsmarkt zum Paradies?

    In der Öffentlichkeit werden durch Experten immer wieder dunkle Szenarien heraufbeschworen, die der deutschen Wirtschaft durch einen Mangel an Fachkräften möglicherweise bevorstehen. Allerdings werden auch vermehrt Stimmen laut, die den Fachkräftemangel als einen Bluff von Interessengruppen ansehen.

     

     

    Der Schrei nach Fachkräften soll für bestimmte Berufszweige ein Überangebot schaffen, damit Arbeitgeber sich ohne Druck die besten Fachkräfte sichern können. Der demografische Wandel ist eine unumstrittene Tatsache. Die Bundesagentur für Arbeit geht in ihrer Programmschrift „Perspektive 2025“ von etwa sechs Millionen weniger Erwerbspersonen in Deutschland bis zum Jahr 2025 aus. So gesehen kann der Fachkräftemangel durchaus als Segen für den Arbeitsmarkt angesehen werden. In Zukunft können sich Unternehmen bei den ersten Anzeichen für eine absatzschwache Phase keine Massenentlassungen mehr leisten, weil die Warteschlangen hochqualifizierter Bewerber verschwunden sein werden und jede entlassene Arbeitskraft unmittelbar bei der Konkurrenz landen könnte. Immer mehr geistert der Begriff Vollbeschäftigung durch die Medien. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles reibt sich schon jetzt die Hände, wenn sie an zukünftige Veröffentlichungen der Arbeitsmarktdaten denkt. Der Arbeitsmarkt kann zum Paradies werden - vielleicht.


    In einem Interview vor den Bundestagswahlen gegenüber der F.A.S. beschrieb Andrea Nahles die Arbeitsmarktpolitik der Regierung mit den folgenden Worten:

    „Wenn hier weiter gekürzt wird (gemeint sind die Förderungen von geringqualifizierten Arbeitskräften), wie es die schwarz-gelbe Bundesregierung tut, dann werden wir statt Vollbeschäftigung in der Zukunft einen tief gespaltenen Arbeitsmarkt haben. Mit einem großen Facharbeitermangel auf der einen und einem felsenfesten Sockel von unqualifizierten Langzeitarbeitslosen auf der anderen Seite.“

    http://i.imgur.com/gG61AZh.png

    Bild: Die Krise hat Länder wie Spanien und Griechenland schwer getroffen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt teilweise über 50 Prozent.
    de.statista.com


    Was bedeutet Vollbeschäftigung?


    Im  Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft von 1967 wurde einem hohen Beschäftigungsstand als Ziel staatlichen Handelns oberste Priorität eingeräumt. Die Volkswirtschaftslehre definiert den Begriff Vollbeschäftigung im weitesten Sinne als die komplette Auslastung aller Produktionsfaktoren. In Bezug auf den Faktor Arbeit steht Vollbeschäftigung für die Beschäftigung aller arbeitswilligen Erwerbspersonen und garantiert ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt. Aber ab welcher Arbeitslosenquote gilt Vollbeschäftigung als erreicht? Diese Marken wurden im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder korrigiert. Während in den Zeiten des Wirtschaftswunders und des Arbeitskräftemangels noch eine Arbeitslosenquote von maximal einem Prozent als Grenze zur Vollbeschäftigung betrachtet wurde, erfuhr dieser Maßstab ab den 60er Jahren kontinuierlich eine Korrektur nach oben. In den neunziger Jahren war man schließlich bei sechs Prozent angelangt. In den 2000er Jahren machte 2004 unter anderem der damalige Arbeitsminister Wolfgang Clement in der Augsburger Allgemeinen darauf aufmerksam, dass man sich in Deutschland dauerhaft auf eine Arbeitslosenquote zwischen drei und fünf Prozent einstellen müsse, was unter den heutigen Bedingungen praktisch Vollbeschäftigung bedeute. Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Möller, seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, hält Vollbeschäftigung in den kommenden Jahren für erreichbar. Als Grund gibt er in erster Linie den demografischen Wandel an. Viele Arbeitskräfte der geburtenstarken Jahrgänge würden demnächst in den Ruhestand gehen und wenige junge Leute würden nachkommen.


    Die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt

    Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland verzeichnet aktuell historische Rückgänge. Erstmals seit Jahrzehnten ist die Zahl der Arbeitslosen im Zeitraum von 2005 bis 2010 um mehr als zwei Millionen zurückgegangen. Profitieren konnten von dieser Entwicklung sogar Problemgruppen wie Langzeitarbeitslose oder die Generation 50plus. Für Karl-Heinz Paqué, Volkswirt mit Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität Magdeburg, ist die derzeitige Erholung noch lange nicht abgeschlossen, da seiner Meinung nach das gesamtwirtschaftliche Produktionsniveau den Stand von vor der Weltfinanzkrise noch nicht erreicht hat. Als weitere Gründe für die positive Entwicklung sieht er die moderaten Lohnabschlüsse der letzten Jahre, die betriebliche Flexibilität und die Reformen im Bereich der Sozialleistungen.


    Aber auch hier muss als Ursache wieder der demografische Wandel angeführt werden. Zukunftsorientierte Arbeitgeber wissen, dass die Anzahl der jungen Lehrlinge drastisch sinken wird. Dies macht eine Rückbesinnung auf ältere Arbeitnehmer unvermeidbar. Sogar Arbeitslose, die bisher als nicht integrierbar galten, haben nun wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Arbeitgeber sind immer mehr bereit, den formalen Mangel an Qualifikation auf eigene Kosten durch Anlernen am Arbeitsplatz zu ersetzen. Die historische Chance, Massenarbeitslosigkeit dauerhaft zu überwinden, ist da. Um sie zu ergreifen, muss für Karl-Heinz Paqué eine neue Arbeitsmarktpolitik verfolgt werden. Konkret plädiert er für eine  Verlängerung der Lebensarbeitszeit, bessere Bildung, wirtschaftlich sinnvolle Zuwanderung und Tarifstrukturen, die der neuen Knappheit Rechnung tragen.


    Auswirkungen des Fachkräftemangels am Beispiel der Elektrotechniker und Systemintegratoren

    Die Unternehmen ringen um gut ausgebildete Fachkräfte. In diesem Jahr teilte das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln mit, dass es in 106 von 580 Berufen kontinuierlich weniger Arbeitslose als freie Stellen gibt.

    Auf einhundert Gesuche zwischen September 2011 und August 2013 kamen lediglich 55 arbeitslose Elektrotechniker.


    Die Personalverantwortlichen verweisen in einer Bitkom-Studie darauf, dass sich die Suche nach fähigen Arbeitskräften in der IT-Branche als äußerst schwierig erweist. 63 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass IT-Spezialisten auf dem Arbeitsmarkt eher nicht oder gar nicht verfügbar sind.


    Die Misere auf den Arbeitsmarkt hat für den Kunden weitreichende Folgen. Oft wissen diese gar nicht, wo sie einen geeigneten Ansprechpartner finden. Das Unternehmen Hager etwa sah sich darum genötigt, seinen Kunden eine Karte mit Standorten von Elektrotechnikern und Systemintegratoren bereitzustellen.

    Bild: Standorte von Unternehmen, die als Systemintegratoren arbeiten


    Das Tätigkeitsprofil eines Systemintegrators ist vielfältig, zum Beispiel werden Systeme der Informationstechnik in Betrieb genommen oder administriert.


    Den Elektrotechniker von „um der Ecke“ gibt es nicht mehr. Um den Negativtrend zu beenden, müssen von den einzelnen Unternehmen gezielt Anreize für die Ausübung des Berufes gesetzt werden.


    Ursachen für den Fachkräftemangel

    Aus volkswirtschaftlicher Sicht können für den Fachkräftemangel vor allen Dingen zwei Ursachen genannt werden: die Nichtnutzung des vorhandenen Erwerbspotentials und wieder einmal der demografische Wandel. Laut Statistischem Bundesamt werden gegenwärtig rund 15,5 Prozent des Erwerbspotentials in Deutschland nicht genutzt. Damit liegt Deutschland im EU-internen Vergleich auf Rang sieben. Betroffen sind vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen und die Generation 50plus.


    Die Tatsache, dass in den kommenden Jahren mit den geburtenstarken Jahrgängen so viele Menschen wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik in den Ruhestand gehen, tut ein Übriges zum Fachkräftemangel. Dass mit den geburtenschwachen Jahrgängen zu wenig Nachwuchs nachkommt, ist mittelfristig nicht zu ändern. Da bleibt als Ansatzpunkt nur die unzureichende Einbindung des Erwerbspotentials. Arbeitnehmer klagen vor allem über die rückläufige Anzahl qualifizierter Bewerbungen.


    Von der Arbeitnehmerseite wurde die Lohndumpingpolitik der Arbeitgeber noch nicht verinnerlicht. Vor dreißig Jahren konnte sich ein Familienvater von seinem Lohn als Ingenieur noch ein Auto leisten und mit seiner Familie mindestens einmal pro Jahr in den Urlaub fahren. Wer heute einen Arbeitsplatz ergattert, kommt oft gerade so über die Runden und kann sich keine großen Sprünge leisten. Statistisch gesehen sind die Reallöhne der mittleren und unteren Einkommensschicht allein in den letzten fünf Jahren um 15 Prozent gesunken. Eine Million Deutsche erhalten zudem nur 70 Prozent ihres zustehenden Lohnes, weil sie bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt sind. Sogar 1,4 Millionen Menschen arbeiten als Aufstocker. Sie erhalten einen Lohn, der noch unter dem Satz für Arbeitslosengeld II liegt. Sechs Millionen Menschen arbeiten für weniger als 10.000 Euro brutto im Jahr. Diese Entwicklung ist an Arbeitnehmern, die jahrelang gearbeitet haben und erst kürzlich ihren Job verloren haben, vorbeigegangen. Die Folge sind abweichende Gehaltsvorstellungen bei Neubewerbungen. Der Fachkräftemangel wird in Zukunft eine Annäherung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erfordern. Während Letztere Einbußen beim Lohn hinnehmen müssen, werden Arbeitgeber flexibler mit gering qualifizierten Arbeitskräften umgehen müssen.

     

    Bild: Vor der Finanzkrise ist die Arbeitslosigkeit von Ingenieuren kontinuierlich gesunken


    Macht der Fachkräftemangel den Arbeitsmarkt zum Paradies?


    Die obige Argumentation lässt als Schlussfolgerung die Behauptung zu, dass von paradiesischen Zuständen am Arbeitsmarkt keine Rede sein kann. Paradies bedeutet Überfluss und nicht Mangel. Zweifellos werden in Zukunft immer mehr Menschen einen Arbeitsplatz finden. Ob sie damit glücklich werden, darf angezweifelt werden. Auch die Arbeitgeber werden in den sauren Apfel beißen müssen und gering qualifizierte Arbeitskräfte auf eigene Kosten einer Nachhilfe unterziehen müssen. Bei der Rekrutierung von Arbeitskräften müssen Arbeitgeber neue Wege gehen. Langfristiges Employer Branding und der Einsatz sozialer Netzwerke wären Methoden, die besonders für Arbeitgeber, die sich abseits der attraktiven Großstädte befinden, relevant werden.


    Bild: Die Vermittlungsquote der Arbeitsagentur verbessert sich.


    Bei dem Wunsch der Politiker nach Vollbeschäftigung sollte allerdings auch bedacht werden, dass schon seit Beginn der industriellen Revolution Arbeitsprozesse durch technologische Entwicklungen rationeller gemacht wurden. Im Bankenwesen oder im Buchhandel ist beispielsweise immer weniger Manpower nötig. Die Rationalisierung von Arbeit wird natürlich weitergehen. Arbeitgeber werden in Ermangelung von Fachkräften die betriebliche Ausrüstung so verändern, dass Produktionsprozesse mehr und mehr computergesteuert werden und von Anlernkräften nur noch überwacht werden müssen. Vermutlich haben wir im Jahr 2025 etwa sechs Millionen Erwerbstätige weniger, aber sie werden gar nicht alle fehlen.


    Ein großes Augenmerk sollte die Politik auf die Verbesserung der Bildung legen. Bei allem demografischen Notstand ist Bildung der Schlüssel zur Ausbildung von Fachkräften. Eine vernünftige Ausbildung ist wiederum der Schlüssel zu Weiterbildung.


    Für eine erfolgreiche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen wird ein umfangreiches Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen von entscheidender Bedeutung sein. Neue Innovationen können nur dann das Licht der Welt erblicken, wenn Menschen dahinter stehen, die sich durch Bildung und Weiterbildung das entsprechende Maß an Kenntnissen und Fähigkeiten erworben haben. Ein paradiesisches Aus- und Weiterbildungsangebot wird immer effektiver sein als ein paradiesischer Arbeitsmarkt ohne Arbeitslose.

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