EZB: Die Geister die ich rief...

    Heftige Turbulenzen bei Aktien, Euro, Anleihen: Die Marktreaktion offenbart das Dilemma, in das sich eine Notenbank manövrieren kann, wenn sie versucht die Markterwartungen vorausschauend zu steuern und damit zu einem Mittel der Geldpolitik zu machen.

     

    Von Marco Bargel, Postbank Research

    Es kam, wie es kommen musste: Die EZB beschloss einen ganzen Strauß an Maßnahmen zur Stimulierung der Inflation, Kreditvergabe und Wirtschaft im Euroraum und die Märkte reagieren enttäuscht.  er EUR/USD sprang nach Verkündung der Entscheidung fast 3% nach oben, der DAX brach um gut 4% ein. Die Marktreaktion offenbart das Dilemma, in das sich eine Notenbank manövrieren kann, wenn sie versucht die Markterwartungen vorausschauend zu steuern und damit zu einem Mittel der Geldpolitik zu machen.

     

    Markterwartungen, einmal in die Welt gesetzt, neigen dazu sich zu verselbstständigen. Steuert eine Notenbank hier nicht rechtzeitig entgegen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Enttäuschung des Marktes oder eines Glaubwürdigkeitsverlustes für die Geldpolitik relativ hoch. Da Draghi immer wieder betont hat, die EZB sei bei ihren Entscheidungen nicht precommited, also vorab festgelegt, stellt sich ohnehin die Frage, ob die Steuerung von Markterwartungen bei geldpolitischen Entscheidungen überhaupt einen Sinn macht.

     

    Eine Notenbank kann hierbei auch sehr schnell in die Rolle eines „Getriebenen“ geraten, wenn es ihr nicht gelingt, sich verselbständigende Markterwartungen zu korrigieren. Erfüllt sie die Markterwartungen dann nicht, riskiert sie eine starke Reaktion der Märkte mit negativen Folgen für Realwirtschaft und Finanzsektor.       

     

    Die von der EZB beschlossenen Maßnahmen sind ungeachtet der Marktreaktion durchaus als substanziell zu bezeichnen. Zum einen senkt sie den Einlagenzins um weitere 10 Basispunkte auf dann -0,3%. Dass sie andere Leitzinsen nicht im Gleichschritt reduziert hat, begründet sie mit der neuen Leitfunktion des Einlagenzinses für die Märkte. Das Anleiheankaufprogramm wird um mindestens sechs Monate verlängert, d.h. es läuft nun bis März 2017 oder länger. Das Ankaufvolumen bleibt unverändert bei monatlich 60 Mrd. Euro.

     

    Gleichzeitig hat die EZB entschieden, künftig auch Anleihen regionaler und lokaler Gebietskörperschaften zu erwerben. Damit reduziert sich das Risiko, dass es durch die Verlängerung des Ankaufprogramms und dem damit verbundenen höheren Gesamtvolumen zu Engpässen am Markt kommt.

     

    Eine signifikante Ausweitung des Quantitative Easing bedeutet auch die Entscheidung der EZB, die Erträge aus den Anleihekäufe künftig zu reinvestieren. Die Notenbank will damit verhindern, dass es zu einer „ungewollten“ monetären Straffung kommt, wenn von ihr gehaltene Anleihen auslaufen oder die zweckgebundenen Langfristtender zurückgezahlt werden. Details zu den Maßnahmen will sie zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen.  

     

    Auch wenn die beschlossenen Maßnahmen aus monetärer Sicht materiell sind - die realwirtschaftlichen Effekte dürften sich in engen Grenzen halten. Sie sind angesichts der nicht mehr zu vernachlässigenden Risiken einer langjährigen Niedrigzinspolitik auch nicht sinnvoll. Der Euroraum befindet sich bereits seit einiger Zeit in einem zwar moderaten, aber stabilen Konjunkturaufschwung.

     

    Die Kreditvergabe im Euroraum zeigt Anzeichen einer Belebung. Echte deflationäre Gefahren sind nicht erkennbar. Der Rückgang der Inflationsrate ist fast ausschließlich eine Folge sinkender Energiepreise. Eine niedrige Inflation ist im aktuellen Konjunkturumfeld hilfreich, da sie zu einer Stärkung des privaten Konsums beiträgt und das BIP-Wachstum ankurbelt.

     

    Eine Zurückhaltung bei Konsum und Investitionen, die für eine Deflation kennzeichnend ist, ist nicht zu beobachten. Ohnehin dürfte die Inflation in den kommenden Monaten basisbedingt ansteigen, da der inflationsdämpfende Effekt niedrigerer Energiepreise allmählich ausläuft. Damit werden sich auch die aus Sicht der EZB wichtigen Inflationserwartungen wieder erhöhen, da diese in der Regel einen engen Gleichlauf zur jeweiligen Inflationsentwicklung aufweisen.

     

    Eine weitere geldpolitische Lockerung seitens der EZB ist auch nach der heutigen Entscheidung nicht ausgeschlossen. Angesichts des sich verbessernden makroökonomischen Umfelds und des zu erwartenden Anstiegs der Inflation im Verlauf von 2016 ist die Wahrscheinlichkeit hierfür aber nicht sehr hoch. Zudem dürfte die zu erwartende Leitzinserhöhung in den USA den Euro tendenziell schwächen und damit den Druck auf die EZB, weitere Maßnahmen zu verabschieden, verringern.  
     

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