Die gesellschaftliche Singularität ist nah

    Thesen über die Anpassung der Gesellschaft an das Computerzeitalter

     

    von Michael Seemann

    Ich komme gerade aus Hannover, wo ich aufgewachsen bin. Quasi direkt aus meinem Elternhaus. Wenn ich zurückdenke - und das passiert, wenn man in seinem Elternhaus ist bisweilen - an meine Jugend, an mein altes Ich in meiner alten Welt, dann ist davon nicht viel übrig geblieben. Es war ein komplett anderes Lebensgefühl, ein anderes Bewusstsein von Welt und Zeit, in dem wir lebten. Wir telefonierten selten und nur kurz, weil das ja teuer war. Wir riefen aber keine Menschen, sondern Haushalte an. Und wenn der Mensch nicht im Haushalt war, hatten wir Pech gehabt. Es gab keinerlei kommunikativen Zugriff auf jemanden, der sich außerhalb seiner vier Wände aufhielt.

     

    Wir schauten Fernsehen

    Zunächst 3 Kanäle. Später kamen RTL und Sat1 hinzu. Und bald noch ein Kanäle mehr. Das war unser Fenster zur Welt. Die intensivste Form der Kommunikation war das Reisen. Wenn man mit seinem Wissen und seinen Gewohnheiten in eine andere Welt taucht, dann war das noch ein echter Kulturschock. Dann fließt das Wissen zwischen den Kulturen am heftigsten, wie aus einem berstenden Staudamm. Denn das waren nationale Grenzen damals: informationelle Staudämme. Und wenn man wieder zu Hause war, hat es sich angefühlt, als käme man gerade aus einem sehr langen Fantasyfilm. Ausland/Deutschland, das waren unterschiedliche Realitätsebenen, quasi Paralleluniversen.

    Wir lebten in Deutschland. Ich weiß nicht, ob man das heute so einfach noch sagen kann. Es fühlt sich eigentlich nicht mehr so an. Natürlich leben wir immer noch auf deutschem Staatsgebiet und haben ein Stück Papier, auf dem steht, dass die Regierung der Meinung ist, dass wir hier auch hergehören, aber all das wirkt merkwürdig abstrakt und bedeutungslos. Deutschland hat sich längst abgeschafft und das ist gut so.

    Wie krass der Unterschied von einst zu heute ist, merkt man am besten an den Anachronismen, die in der alten Medienwelt bis heute überwinterten. Es gibt immer noch den Reflex der Massenmedien, sobald irgendwo ein Unglück geschieht, dass die Opferzahl unter den Deutschen extra ausgewiesen wird. So nach dem Motto: "Erbeben in China. 12 Deutsche verletzt. Insgesamt 8000 Todesopfer." Auf den ersten Blick wirkt das für unsereins zynisch und auf den zweiten nationalistisch, fast rassistisch. Aber ich glaube, diese Deutung ist falsch. Es ist schlicht: aus der Zeit gefallen.

    Die Massenmedien ticken anders. So auch Anfang des Jahres. Als die Revolutionen in Tunesien und Ägypten losbrachen, war die Ungleichzeitigkeit - vor allem zwischen Netzöffentlichkeit und Fernsehöffentlichkeit - extrem zu spüren. Die deutschen Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, reagierten kaum auf die hereinbrechenden Ereignisse. In meiner Twitter-Timeline schimpfte man über die deutschen Fernsehsender, die lieber ostdeutsche Backrezepte versendeten, als die Proteste auf dem Tahrirplatz zu zeigen.

     

    Wir - die Netzöffentlichkeit

    Wir hingen vor dem Internet, der Livestream von Al Jazeera lief die ganze Zeit im Hintergrund, einige ägyptische Blogger hatten wir auf Twitter abonniert und wir reloadeten CNN.com und die New York Times. Das war nicht die Sache einer deutschen Öffentlichkeit. Die Intendanten und Journalisten wiesen darauf hin, dass die Ereignisse sicher ihre Wichtigkeit hätten, aber eine Hauptmeldung in den Tagesthemen würde dafür ja reichen. Die deutsche Öffentlichkeit interessiert das eben nur so marginal.

    Und vermutlich hatten sie damit sogar recht. Wir Netzleute sind nicht repräsentativ, wir sind nicht die Mehrheit, schon gar nicht der Fernsehzuschauer. In diesen Moment merkte ich, dass wir uns den arabischen Jugendlichen näher als dem durchschnittlichen, deutschen Fernsehzuschauer fühlten.

     

    Imagined Communities

    Bereits in den 80er Jahren hat Benedict Anderson gezeigt, wie vor allem der Buchdruck und die damit einhergehende Literalisierung die Möglichkeit der Nation erschuf. Die "Imagined Communities", wie er Nationalstaaten nennt, sind Gemeinschaften von Menschen, die sich größtenteils nie gegenübertreten, sich aber qua ihrer Vorstellungskraft dennoch einander bewusst sind.

    Vor dem Buchdruck war die Zeit "homogen und leer", so Anderson Walter Benjamin paraphasierend. Statt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lebten die Menschen in einem undefinierten Jetzt und in der ständigen Erwartung des Jüngsten Gerichts. Mit dem Buchdruck und der damit aufkommenden Möglichkeit von Texten, die sich in großer Menge verbreiten, ist das erste Mal ein Bewusstsein für die Synchronizität der Zeit entstanden. Ich lese, was ein anderer liest, an einem anderen Ort, aber zur gleichen Zeit. Massenmedien synchronisieren die Gehirne und machen es so möglich, das Konzept des "Inzwischen" zu denken. Sie erschaffen über sich ständig aktualisierende Berichte eine gemeinsame, synchrone Zeit, die es ermöglicht, dass große Gruppen von Menschen - ohne sich je kennenzulernen - einander vorstellbar werden. Die Nation - die Imagined Community - ist das Resultat dieser neuen Form von abstrakter Empathie.

    Die Gutenberggalaxis geht ihrem Ende entgegen und wenn wir Anderson beim Wort nehmen, dann leben wir heute eben wieder in einer Achsenzeit. Das Internet rekonfiguriert unser Bewusstsein, unsere Imagination und unsere Empathie. Das nationale Bewusstsein wird abgelöst von etwas anderem. Nur durch was?

     

    Die Welt ist in Aufruhr dieser Tage

    Vor allem seit diesem Jahr sehen wir neue politische Bewegungen, Revolutionen, Proteste und Ausschreitungen mit einer neuen Qualität und mit einer Ausbreitung rund um die Welt. Als die Revolutionen in Tunesien und Ägypten erfolgreich verliefen und die weiteren Aufstände in Libyen, Jemen und Syrien aufbrandeten, redete man noch in typisch westlicher Selbstvergewisserung von der "Diktatorendämmerung". Die seit vielen Jahrzehnten unterdrückte arabische Welt schüttelt ihre Despoten ab. Nicht nur - aber auch - mithilfe der Vernetzungsleitung des Internets und westlicher Berichterstattung.

    Als aber auf einmal in Spanien die Jugendlichen auf die Straßen gingen - einer eigentlich anerkannten Demokratie - und sie sich die Symbole und den Geist des Tahrirplatzes zu eigen machten, keimten die ersten Zweifel an der These auf. Seit aus Athen, Istanbul, Rom, Tel Aviv, Wisconsin und New York ähnliche Bilder empfangen werden, kann man eigentlich nicht mehr von Zufall sprechen. Hinzu kommen die Ausschreitungen in London, die Proteste gegen #S21 in Stuttgart, die aufmüpfige Tea-Party-Bewegung in den USA und nun zuletzt die #OccupyWallStreet-Bewegung, die sich als in die reale Welt übergesprungenes Mem langsam, aber sicher weltweit ausbreitet.

    Es ist, als ob sich auf einmal, ad hoc, eine globale Bewegung gegen das System gebildet hat, die zwar jeweils unterschiedliche Interessen und Anlässe auf die Straße treibt, aber auf einer anderen Ebene einige Gemeinsamkeiten aufweist. Allen diesen Bewegungen ist gemeinsam, dass sie die jeweilige Regierungspolitik ganz oder teilweise vehement ablehnen. Für alle gilt, dass sie im Kern von internet-affinen Bevölkerungsgruppen vorangetrieben werden, die sich eben auch in erster Linie über das Netz - vergleichsweise spontan und sehr effektiv und ebenso heterogen - organisieren.

    Ebenso ist für alle diese Proteste, Bewegungen und Ausschreitung wahr, dass es keine gemeinsame Ideologie gibt, die sie eint. Dass sie keinen Plan für das große "Danach" haben, keine Alternative zum System, weswegen sie - zumindest vorgeblich - nicht das System abschaffen wollen. "Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns!", war eines der Plakate der Demonstranten in Madrid.

    Der gemeinsame Horizont besteht vor allem in dem diffusen Gefühl, dass etwas grundlegend falsch läuft. Keiner weiß so richtig, wo das Problem liegt, aber alle wissen: das System ist "broken".

    Colin Crouch hat in den 90ern den Begriff der "Postdemokratie" in die politische Theorie eingeführt. Er beschreibt damit die Krise des demokratischen Systems und seiner Institutionen, die vor allem dadurch ausgelöst wird, dass sie immer stärker von Interessengruppen "gebypassed" wird. Vornehmlich bezieht er sich auf den professionellen Lobbyismus, der es immer stärker schafft, die politischen Interessen partikularer Gruppen an den Institutionen der Repräsentativität vorbei durchzusetzen. Er räumt allerdings auch ein, dass sich gleichzeitig auch das zivilgesellschaftliche Engagement in solche Parallelstrukturen ausgelagert hat. NGOs wie Greenpeace, Bürgerrechtsbewegungen oder Protestgruppen zu bestimmten Themen betreiben ihre Politik ebenfalls zunehmend an den dafür vorgesehenen institutionalisierten Strukturen der Demokratie vorbei.

    Crouch kann sich nicht recht entscheiden, ob er diese Entwicklung nun als Bedrohung fürchten soll, oder als politische Evolution der Demokratie hinnehmen sollte. Was Crouch leider vermissen lässt, ist ein positiver Entwurf einer solchen "Postdemokratie". Heute ist das Phänomen allerdings so weit fortgeschritten, dass wir uns diese Frage durchaus stellen müssen:

     

    Wie sähe eine Postdemokratie aus?

    Dirk Baecker hat sich in seinem Buch "Studien zur nächsten Gesellschaft" über eine zumindest verwandte Frage Gedanken gemacht. Nach Baecker ist jede Einführung eines neuen Leitmediums in die Gesellschaft zunächst einmal eine "Katastrophe". Es entsteht ein Sinnüberschuss, der die Gesellschaft - ihre Strukturen und ihre Kultur - überfordert und für die sie immer erst Mittel und Wege finden muss, mit ihr umzugehen. Das war bei der Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks auch nicht anders. Zu all diesen "Katastrophen" des Sinnüberschusses haben sich kulturelle Techniken gebildet, nach denen die Anschlussoperationen an Kommunikation selektiert werden kann und damit Komplexität reduziert werden kann.

    Für die Sprache mussten kategoriale Grenzen eingeführt werden, zwischen den Dingen und den Dingen und Menschen, den Geschlechtern und so weiter. Dies brachte die Stammesgesellschaft hervor. Die Schrift zwang den Menschen zum zielgerichteten Denken. Diese Teleologie brachte die frühen Hochkulturen hervor. Der Buchdruck brachte eine enorme Unruhe in das System, das wiederum mit einer Bewusstseinsphilosophie des unruhigen Gleichgewichts stabilisiert werden musste, die die Grundlagen für die "moderne Gesellschaft" legte.

    Fraglich ist, wie die nächste Katastrophe, die Einführung des Computers in die Gesellschaft, diese verändern wird. Auch hier wird es kulturelle Anpassungsprozesse geben, wird die Gesellschaft einen Weg finden, um den Sinnüberschuss zu verarbeiten, um zur "nächsten Gesellschaft" zu werden, wie Baecker die kommende Organisationsform der Gesellschaft nennt.

    Die moderne Gesellschaft hat zur Reduzierung der Komplexität außerdem Organisationen ausgebildet, die Stabilität und Sicherheit in der Unruhe versprechen. Eben auch jene Organisationen, die heute laut Crouch in ihrer Legitimation bedroht sind. Die neuen Sinnüberschüsse scheinen nicht mehr verarbeitbar, die Komplexität nicht mehr reduzierbar. Die Katastrophe beginnt - zumindest mit einer handfesten Krise. Dabei ist "Sinnüberschuss" noch zu euphemistisch. Die Katastrophe des Internets, die sich dadurch auszeichnet, dass jedes System, dem anderen Umwelt sein kann, dass alles mit allem jederzeit verknüpfbar ist, ist noch lange nicht bewältigt. Das Internet ist nicht einfach ein Mehr an Anschlussmöglichkeiten - es gleicht in seiner Potentialität die Bibliothek von Babel. Die Bibliothek die jeden Text, der überhaupt vorstellbar ist, beinhaltet, ist das augenscheinliche Telos dieser Entwicklung.

    Es scheint so, als ständen wir genau an dieser Schwelle. Die Gesellschaft wird als Ganzes eben erst mit dieser neuen Komplexität konfrontiert. Diese Komplexitätsdiskrepanz ist der Grund für die enorme Unruhe und das allgemeine Gefühl, dass die derzeitigen Systeme fehl am Platz sind - dass sie nur unzureichend den Willen und den Möglichkeiten der Organisation seiner Bevölkerung entsprechen. In ihren positiven Möglichkeiten und ihrer Unkalkulierbarkeit und Unreduzierbarkeit wird die Gesellschaft Mittel und Wege finden müssen, sich in einer höheren Ordnung der Komplexität zu rekonfigurieren, die jenseits der Regierung und des Parlamentarismus liegen.

    Dirk Baecker hat versucht, eine Antwort zu geben, was die stabilisierende Kultur sein wird, die der nächsten Gesellschaft erlaubt, die Komplexität zu reduzieren. Seine Antwort- die "Form" nach George Spencer-Brown - ist allerdings unbefriedigend.

    Wenn die Organisationen und Institutionen der Gesellschaft am Ende sind, was wird sie dann ersetzen? Werden wir einfach neue Institutionen bauen? Werden wir mit mehr Transparenz und Mitbestimmung und Konzepten wie Liquid Democracy die Probleme lösen, wie die Piratenpartei glaubt? Wird sich das System durch etwas Bankenregulierung und eine Transaktionssteuer retten lassen, wie die Aktivisten von #OccupyWallStreet zu glauben scheinen? Die Frage bleibt also:

     

    Was wäre die Kulturform der nächsten Gesellschaft?

    In "Here Comes Everybody" erklärt Clay Shirky die organisationsökonomische Herleitung der Organisation. Die Interaktion in Gruppen wird bei linearem Anstieg ihrer Mitglieder progressiv komplexer. Wenn ich mich mit jemandem verabrede, habe ich nur eine einzige Verabredung zu managen. Wir einigen uns auf eine Uhrzeit und dann geht es los. Wenn ich mich mit drei Personen verabreden will, habe ich aber nicht drei Verabredungen zu managen, sondern 6, bei 9 bereits 45. Jeder der einzelnen Teilnehmer muss sich mit jedem der anderen Teilnehmer auf eine Uhrzeit einigen.

    Um Gruppen ab einer bestimmten Größe zu organisieren, braucht es deswegen Organisationen, die mithilfe eines internen hierarchischen Managements Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse vereinfachen. Unternehmen sind planwirtschaftliche Inseln im Markt. Natürlich könnte der Markt auch Individuen ständig zu neuen Projekten vernetzen, aber der Koordinationsaufwand (Auftragnehmer suchen, Eignung testen, Preis verhandeln, Verträge schließen, einarbeiten, etc.) wäre so hoch, dass die Transaktionskosten jede Unternehmung unwirtschaftlich machten. Statt also alle Leute umständlich immer neu abzustimmen, stellt man sie lieber ein und unterwirft sie einer höheren Ebene, die ihnen sagt, wann sie gefälligst Zeit zu haben haben.

    Wenn ich in der modernen Gesellschaft also ein Anliegen habe: Ich will etwas verkaufen, ich will etwas politisch durchsetzen, ich will Arbeiten, eine Wohnung beziehen oder Heiraten, muss ich mich an die entsprechende Institution wenden, ihr beitreten, mich anstellen lassen, Hausordnungen unterschreiben, etc.. so muss ich mich auf die eine oder andere Art einem Regime unterwerfen. Einen Gegenentwurf zu dieser Notwendigkeit gibt es aber im Netz. Shirky beschreibt, wie die Mermaid Parade in Coney Island, New York, wie von Zauberhand extrem dicht fotografisch dokumentiert wurde, ohne dass eine Agentur im Hintergrund stand oder sonstiger Organisationsaufwand geleistet wurde. Viele Leute, die mit ihren Digitalkameras herumliefen und Bilder schossen, speisten diese bei dem Fotosharingdienst Flickr ein. Zusätzlich verschlagworteten sie die Bilder mit "Mermaidparade" und ganz von allein entstand ein riesiger Pool mit vielen Bildern des Festes, von dem alle etwas hatten. Ein Mehrwert war entstanden, Leute hatten zusammengearbeitet, ohne irgendwelche Zusatzkosten für ihre Koordination aufbringen zu müssen.

    Erst kürzlich beschrieb Jeff Jarvis die #OccupyWallStreet-Proteste als "Hashtag revolt". Ein Hashtag ist wie ein lose benutztes Schlagwort, das man durch ein Rautezeichen markiert direkt in einen Tweet einsetzen kann. Das Hashtag gruppiert sodann alle Einträge mit diesem Hashtag und schafft so eine spezielle Form der Öffentlichkeit. Die Protestierer kommunizieren, vernetzen und organisieren sich durch das Hashtag, aber eben ohne zentrale Organisation, ohne dass jemand das Hashtag für sich vereinnahmen kann, ohne dass es jemandem gehört. Es bildet sich eine Art "Ad-Hoc-Heterarchie", ein durch eine Konvention und den Mitteln des Internets generierte Gemeinschaft, die - als ob Luhmann persönlich sie entworfen hätte - aus Kommunikationen besteht.


    Wie funktionieren Hashtags?

    An dieser Stelle lohnt es sich inne zu halten. Wir haben drei Fragen aufgeschrieben:

    Wie sähe eine Postdemokratie aus?

    Was wäre die Kulturform der nächsten Gesellschaft?

    Wie funktionieren Hashtags?

    Fangen wir mit der letzten Frage an, denn sie ist leicht zu beantworten. Die Funktionsweise des Hashtags ist nicht einfach, dass sich die Leute auf einen einheitlichen Begriff einigen und dann klappt das schon. Hinter der Macht der Organisation ohne Organisation steht ein Computer, der das Hashtag als Suchwort verwendet, um damit eine gegebene Datenmenge zu filtern. Aus der Menge der Daten (hier: alle Tweets) sortiert der Algorithmus in Echtzeit alle Tweets aus, in denen nicht die Zeichenfolge "#hashtag" vorkommt und liefert den Rest als Ergebnis. Das funktioniert übrigens auch wunderbar ohne "". Es funktioniert auch mit "wallstreet", es funktioniert auch mit "gib mir alle Tweets, in denen ein Foto verlinkt ist, das von einem iPHone 4S um 12 Uhr mittags in New York aufgenommen wurde". Zumindest theoretisch. Das Hashtag - die Konvention selbst - hilft dem Suchalgorithmus nur, indem es ihm auf halber Strecke entgegenkommt.

    Es ist der Suchalgorithmus, die Suchabfrage (im Englischen "Query"), die die Macht der Hashtags und des Organisierens ohne Organisation ausmacht. Die Query, indem sie in Echtzeit automatisiert ordnet, saugt alle Transaktionskosten in sich ein. Sie ist es, die Menschen, Gedanken und Events ad hoc zu verknüpfen im Stande ist und so jede Ordnung zu zer- und dann zu ersetzen droht. Sie zer- und ersetzt Ordnung, denn sie macht ganz andere Formen der Organisation möglich: des Fotodokumentierens, des Protestierens und vielleicht der Politik im Allgemeinen.

     

    Formen ersetzter Ordnung

    Was uns wieder zu Dirk Baecker nach der Kulturform der nächsten Gesellschaft bringt. Besieht man sich die bisherigen Reaktionen der Gesellschaft auf die Katastrophen der Medien, dann fällt auf, dass sie allesamt solche "Queries" sind. Das Grenzenziehen in vorhandenen Kommunikationen, die Selektion nach Ziel und Zweck und das Einbinden der Gegenthese zur Wahrung des Gleichgewichts. All das sind bereits komplexe Suchabfragen auf den vorhandenen Überschusssinn. Doch weil sie allgemein definiert wurden, waren sie fatal in ihrer Ausgrenzung. Foucault hat gezeigt, wie die Selektion nach Kriterien des Gleichgewichts eben auch die Psychiatrie zu verantworten hat. Wie die Ordnung des Wissens in ihrer Allgemeingültigkeit keinen Widerspruch zuließ und so ganze Diskurse erstickte, indem sie sie ausschloss.

    Die technische Query befreit uns von dem Zwang der allgemeingültigen Reduzierung von Komplexität. Sie rührt die Rohdaten nicht an, sie verhindert keine Kommunikation durch Ausgrenzung, weil die Diskriminierung der technologischen Query eine je subjektive ist und niemals eine allgemein- oder endgültige. Im Gegenteil: Die neue Query ist das Ende jeder allgemeingültigen Selektion. Sinnüberschuss wird ab nun nicht mehr reduziert, sondern gefiltert.

     

    Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist die "Query"

    Die letzte Frage, die nach der Postdemokratie, der Organisationsform der Gesellschaft nach der Demokratie, muss auf diese Kulturform passen und gleichzeitig dem tiefen Bedürfnis, dass sich derzeit in den Protesten Bahn bricht, entsprechen. Auch wenn das nie konkret ausgesprochen wird: Die Menschen wollen nicht mehr regiert werden. Sie wollen sich nicht mehr einigen, mit den Millionen anderer Leute, von denen sie nur eine abstrakte Vorstellung haben, die aber doch immer das Falsche wollen.

    Die Leute wollen nicht mehr in einer "Imagined Community" leben. Ebenso wie die moderne Gesellschaft nach Anderson die Synchronizität der sozialen Gegenwart vorstellbar macht, erschafft die Query ein neues Zeitverständnis. Sie schafft ein soziales Zeitverständnis jenseits der imaginären Gemeinschaft und ersetzt sie mit dem zwar immer unvorstellbaren, aber dennoch viel weniger abstrakten Bezug zum Anderen. Wenn es die technische Query ist, die mich jederzeit mit dem Anderen verbinden kann, dann verschiebt sich "Gemeinschaft" immer in eine unkonkrete Zukunft. Dann ist Gemeinschaft eben nicht jetzt und schon gar nicht vorgestellt, sondern in der Zukunft aber dafür konkret. Dann wird die Query des Anderen mich nämlich finden, weil er die selben Interessen hat, meine Wohnung mieten will, mir einen Job anbietet oder mein politisches Anliegen unterstützt.

    Deswegen ist der Name "nächste Gesellschaft" vielleicht noch treffender, als Dirk Baecker bewusst ist. Denn der damit allgegenwärtig beschriebene Verweis auf die Zukunft, auf das Nächste, ist genau jenes konstitutive Element der kommenden Organisation der Menschheit.


    Hier ist also die Utopie der kommenden Postdemokratie

    Die Query ist es, die die Institutionen ersetzen kann. Sie bringt zusammen, was zusammen gehört, sie ermöglicht jederzeit, auf neue Aufgabenstellungen flexibel zu reagieren, Ad-hoc-Gemeinschaften für jede Lebenslage zu erschaffen, und sie entbindet uns von der Pflicht einer Gruppe jedweder Art anzugehören, uns mit ihr zu einigen - also regiert zu werden.

    Es ist die Emanzipation aller von allen. Es ist das Vergemeinschaften auf nur und ausschließlich freiwilliger Basis und jenseits aller Endgültigkeit. Wir werden dafür die "Imagined Communities" und damit die Demokratie aufkündigen. Demokratie ist, wenn sich eine definierte Gruppe auf eine Entscheidung einigt. Die nächsten Gesellschaften werden dagegen Gruppen sein, die sich erst durch Entscheidungen bilden.

    Wenn wir uns über die Query suchen und finden, dann brauchen wir keine externen Instanzen mehr, die Komplexität reduzieren und Transaktionskosten gering halten. Der Kapitalismus ist besiegt, die Hierarchie überflüssig und alles fügt sich zu einem alle Lebensbereiche erstreckenden, reichhaltigen Markt. Diese Emanzipation hat aber auch einen Preis. Die Query erweitert nämlich nicht in erster Linie mich, sondern den Anderen. Nur wenn ich Daten von mir preisgebe - wenn ich sage, wer ich bin, was ich will, was ich habe, was ich liebe, für was ich kämpfe, welche sexuellen Präferenzen ich habe, wie ich über alles Mögliche denke -, wird der Andere mich finden, ohne sich der schmierigen Vertraulichkeit einer Institution unterwerfen zu müssen. Verweigere ich mich der Offenheit, bin ich der Query des anderen entzogen - und legitimiere dadurch wieder einen zentralistischen Machtapparat.

     

    Der andere Preis ist der Kontrollverlust

    Es wird die unvorstellbare und völlig unreduzierte Komplexität der ganzen Welt sein, die dafür sorgt, dass das richtige Shampoo in der Dusche steht, der Kühlschrank gefüllt ist und die wahnsinnig interessanten Projekte reinrauschen. Wir werden nicht mehr nachvollziehen können, wie Gemeinschaft entsteht, wie Projekte zustande kommen, welche Kausalitäten für unseren aktuellen Beischlafpartner verantwortlich waren und warum das Taxi vor der Tür auf uns wartet und wohin es uns fahren will. Aber davon abgesehen wird es gut sein. Sicher: wir haben die Macht zu konfigurieren, zur Feinjustierung und zum Abschalten der automatischen Prozesse. Aber Gesellschaft wird sich auf einer Ebene abspielen, die für uns in ihrer Komplexität nicht durchdringbar ist. Das ist der Zustand, den ich "gesellschaftliche Singularität" nenne.

    Jetzt mögen mich die Einen beschimpfen, die Anderen auslachen und die Nächsten am liebsten einweisen lassen. Die meisten werden aber sicherlich sagen: "Utopie? Das ist eine Dystopie! Der Mensch wird das niemals wollen!" Vielleicht. Ich glaube aber, dass man die Verlockungen einer solchen Welt schnell unterschätzen kann. Ich bitte deswegen der Fairness halber um den Versuch, diese Utopie unter der folgenden Prämisse zu bewerten: Statt von dem Heute auf die Utopie zu blicken und sofort die Mängel zu erkennen, also jene Dinge, die verloren gehen (Privatsphäre, eine gewisse Form der Selbstbestimmung, etc.), bitte ich darum, den Blick zu wenden und sich vorzustellen, bereits in dieser Zukunftsvision zu leben. Zu "leben" in dem Sinne, dass die Rahmenbedingungen dieser Existenz längst als gegeben hingenommen wurden.

    Wenn man nun aus dieser Perspektive ein Geschichtsbuch in die Hand nimmt und von dort auf unser heutiges Jetzt blickt, ergibt sich folgendes Bild: Menschen geben Organisationen einen Blankoscheck auf einen Großteil ihrer Lebenszeit. Das gemeinsam Geschaffene kommt aber nur wenigen zu gute. Für alle möglichen Belange des Lebens muss man zu komischen Behörden, Unternehmen oder Agenturen gehen und dort um Klärung betteln. Man vergeudet seine Zeit in Shoppingmalls oder Supermärkten, nur um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Jede wirtschaftliche Transaktion ist mit kognitiven Mehrleistungen verbunden. Und dennoch ist jeder Konsumbereich bereits viel zu komplex, um informierte Entscheidungen zu treffen.

    Man hat fast immer und fast überall Menschen über sich, die einem Befehle erteilen können. Wenn man nicht spurt, kann das existenzbedrohend sein. Wenn man eine gute Idee hat, wird sie abgebügelt und man hat eh nicht die Zeit, sie zu realisieren. Wenn es um die politische Gestaltung geht, muss man sich mit Leuten einigen, die ein völlig verschrobenes Weltbild haben und deren Ängste jeden Kompromiss verwässern und gute Ideen verhindern. Obwohl man sie hasst, muss man in von ihnen designten Systemen leben, nur weil sie die Mehrheit sind.

     

    Geburt ist ein Gefängnis

    Sowohl der Ort, als auch die soziale Schicht entscheiden über den eigenen Werdegang, mit wem man sich wie verschalten kann und wie man sein Leben entwirft.

    Ich bin mir sicher, aus der von mir projektierten Query-Gesellschaft heraus, will man auf keinen Fall mit uns tauschen.

    Michael Seemann, 34, ist Kulturwissenschaftler und Publizist. Im Netz ist er unter @mspro bekannt. Der Artikel ist unter der Creative Commons - Namensnennung 3.0 (cc-by 3.0) veröffentlicht.

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