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BILD im Bett der Queen!

Deutschlands Medien im Queen-Rausch

 

Von Uli Gellermann

"Die Mauer bleibt steh´n, die Queen aus Engeland hat sie noch nicht geseh'n", texte damals, vor dem ersten Berlin-Besuch der englischen Königin, der Kabarettist Wolfgang Neuss. Und jetzt? Nicht mal die Mauer als Rührstück kann dem königlichen Gast bei seiner aktuellen Visite vorgeführt werden. Knut der Berliner Eisbär ist schon lange tot. Seine Mutter ist in diesen Tage im Berliner Zoo verstorben, melden die deutschen Hof-Medien. Wem sich jetzt die Frage aufdrängt, wie es denn der Mutter von Queen Elizabeth geht, der liest konsequent nicht das, was alle lesen. Aber wer alles liest, dem wird Angst: "BILD im Bett der Queen!" schreit es aus der Zeitung für Blut und Hoden. Grauenhaftes spielt sich vor dem inneren Auge des Lesers ab.

 

Was macht Chefredakteur Kai Diekmann im royalen Bett? Woran fummelt er? Wird er die 'Unaussprechlichen' doch in Worte fassen, gar mit den Händen? Hätten wir zum Beispiel NTV nicht, wie sollten wir dann wissen, dass die Königin nicht redet, sie "parliert". So isses bei Königs zu Hause, dort wird nicht gegessen, man nimmt etwas zu sich, aber nie zu. Dem deutschen TV-Zuschauer soll es an nichts mangeln. Schon am ersten Tag läuft die Berichterstattung über die Marathon-Monarchin ganztägig. Danach wird eine Sondersendung nachgeschoben. Die ARD wußte schon vorher, dass es ein Jahrhundertereignis werden würde. Wie anders. Wird es doch vom "Adelsexperten der ARD" Rolf Seelmann-Eggebert moderiert. Der macht das schon seit Jahrhunderten: Reden auf Zehenspitzen und in gebückter Haltung, das will gelernt sein. Da lässt sich das ZDF nicht lumpen und kontert mit einem ZDF spezial: "Die Queen in Deutschland - Willkommen, Majestät!"

 

Tiefe Sorgen macht sich die ZEIT: Sie rätselt über das "Reich der schweigenden Königin". Dürfen wir nach dem Besuch von Elizabeth mit einer Republik des verstummten Präsidenten rechnen? Ist Schweigen ansteckend? Trotzdem lässt der Besuch von Queen Elizabeth Rückschlüsse zu, verrät uns das Blatt für die gebildeten Stände, "obwohl sie selbst nicht spricht, sondern nur ihr Handeln interpretiert wird". Wer wollte das nicht bei Gauck erleben: Er hält die Öl-Kanne hoch, die Ansprache beginnt, er zerreisst ein Russisch-Lexikon, schüttelt die Fäuste, Schweiß tropft ihm klatschend von der Stirn, ja, so eine antirussischen Verantwortung wiegt schwer.

 

"Das können wir vielleicht kurz mal einschieben, weil das eine Frage ist, die den Boulevard interessiert, aber wahrscheinlich auch alle: Ist es denn denkbar, dass die Generation Charles übersprungen wird?" fragt die ehrbare DEUTSCHE WELLE in den Äther und berührt eine der deutschen Grundfragen: Springt Charles oder wird er besprungen? Das schieben wir mal rein und tun so, als wären wir über den Boulevard erhaben. - Erlösendes meldet der West-Berliner TAGESSPIEGEL, beginnen doch die "ersten Metzger in Charlottenburg ihre Würste um goldene Krönchen zu drapieren". Bleich werden die Münchner Fleischer werden, wenn sie davon erfahren, wird deren Weißwurst je diese Ehre zu Teil werden?

 

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU, das Kampfblatt für die kleineren Frankfurter Würstchen, wirft die Grundfragen des bürgerlichen Lebens auf: „Das Protokoll ist ein kommunikatives Instrument um Staatlichkeit zu zeigen. Der Staat ist ja gewissermaßen unsichtbar, das Protokoll hilft, ihn erkennbar zu machen", lässt sie den Chef des Protokolls im Bundespräsidialamt ablassen und wir haben es immer schon gedacht: Der Staat ist unsichtbar wenn man ihn braucht. "Wenn zum Beispiel ein Diplomat bei einem offiziellen Essen seinen Teller unberührt lässt, ist dies ein Zeichen größten Missfallens". Hätte Otto Normalo noch gedacht, es sei eine Frage des Hungers und ob es dem denn nicht schmeckt, führt uns die FR in die Tiefen internationaler Diplomatie, nur um von der FAZ übertrumpft zu werden: "Hat man daran gedacht, dass der Kaisersaal (den die Queen besucht) morgens zugeschlossen wird, nachdem der Sicherheitshund alles erschnüffelt hat?" Die Frau riecht nach Corgi, wird der deutsche Schäferhund der Zeitung "Jagd & Hund" rapportieren während sich sein Stockhaar sträubt.

 

Doch das anerkannte Qualitätsblatt SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kann es immer noch ein wenig investigativer als die andern: "Der letzte Kaiser Wilhelm II. und auch Zar Nikolaus II. in Russland waren Cousins ersten Grades von König George V. Anders als ihre unglückselige Verwandtschaft schafften es die Windsors, die Monarchie am Leben zu erhalten." Welch ein Unglück: Dem deutschen Wilhelm kam irgendwie ein Krieg dazwischen und dem Zaren eine Revolution. Da macht der ganze Royalismus einfach keinen Spaß mehr. Ein Trost: Den Christbaum haben die Deutschen in England eingeführt, hat die SZ herausgefunden: "Das war dann wohl ein früher Exporterfolg made in Germany." Wer solche Medien hat, braucht keine eigene Meinung mehr.

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