Was ist eigentlich ein Deutsch-Kenianer?

Fall der getöteten 17-Jährigen in St. Augustin bei Bonn: „BILD“ erklärt Kenia wieder zur Kolonie – „Deutsch-Kenianer“ soll die Tat gestanden haben.

 

 

von Christian Hiß

Im Fall der vermissten 17-Jährigen besteht traurige Gewissheit: Der bislang tatverdächtigte 19-Jährige soll gegenüber der Polizei gestanden haben, die Staatsanwaltschaft geht von einem vorsätzlichen Tötungsdelikt aus. Doch bemerkenswert ist die von der Journaille gewählte Bezeichnung des Geständigen als „Deutsch-Kenianer“ – ist Kenia nun wieder geteilt in Deutsch- und Britisch-Ostafrika?

Die Staatsanwaltschaft geht von einem vorsätzlichen Tötungsdelikt aus. Der Bonner Oberstaatsanwalt Robin Faßbender wird mit „[d]er Beschuldigte räumt ein, Gewalt gegen sie [die 17jährige, Anm. d. Red.] ausgeübt zu haben.“ Hintergrund der Gewaltausübung soll ein Streit gewesen sein, Opfer und Täter sollen sich über das Internet kennengelernt haben.

Journaille mit politischer (Nicht-)Korrektheit: Ist ein Kenianer in Deutschland ein „Deutsch-Kenianer“? Ist Kenia immer noch Deutsch-Ostafrika? Was und vor allem wie war es gemeint?

Tatsächlich war anfangs jedoch nur bekannt, dass der 19-Jährige Kenianer ist, der Hinweis auf die daneben vorhandene deutsche Staatsbürgerschaft folgte erst später. Die „BILD“ hat online ihrem Artikel auch eine entsprechende Korrekturnote (oder in „BILD“-Sprech ein „Update“) hinzugefügt, mit welcher sie auf die Doppelstaatsbürgerschaft des 19-Jährigen hinweist.

 

Die „BILD“ bittet um Entschuldigung, doch für was? Vom heutigen Kenntnisstand blickend ist die Bezeichnung des 19-Jährigen als „Deutsch-Kenianer“ korrekt, doch zu Beginn – als es noch an Informationen mangelte – war sie falsch, zumindest eine Vermutung.

Die Frage bleibt, wie ist das Vorpreschen der „BILD“ zu verstehen? Ist der dann kenianische Tatverdächtige ein „Deutsch-Kenianer“, weil er sich in Deutschland aufhält oder hängt in der „BILD“-Redaktion manch einer noch kolonialen Träumen nach?

Kenia war bis zum Verlust im Ersten Weltkrieg als Deutsch-Ostafrika eine Kolonie (bzw. ein „Schutzgebiet“) des deutschen Kaiserreiches, anschließend bis zur Unabhängigkeit dem Joch der britischen Krone unterworfen. Dass der deutsche Kaiser genauso weg und Vergangenheit ist wie die deutschen Kolonien, sollte in der „BILD“-Redaktion eigentlich auch bekannt sein – oder sind die Deutschen, die die Klatschspalten füllen, also die, die nach Mallorca ausgewandert sind, heute „Deutsch-Spanier“ oder „Spanisch-Deutsche“?

Ob hier nun ein Fall politischer (Nicht-)Korrektheit vorliegt – Ausländer, Deutsch-Ausländer, koloniale Träume... – oder einfach nur ein Patzer, wie er bei laufender Berichterstattung nun einmal vorkommt, darf der geneigte Leser nun selbst beurteilen.

Wandere aus, solange es noch geht!

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