Im Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran geht es auch um ein Nadelöhr des Schiffverkehrs, die Straße von Hormus.
Von Meinrad Müller
Diese Meerenge liegt zwischen dem Iran im Norden und Oman sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten im Süden. Die Passage ist rund 90 Kilometer lang. An der engsten Stelle misst sie nur etwa 33 Kilometer. Hier müssen die größten Öltanker der Welt hindurch. Einen gleichwertigen Ersatzweg gibt es nicht.
Der Iran sitzt direkt an dieser Route. Von seiner Küste aus kann er den Ölstankerverkehr stören oder ganz blockieren. Genau darin liegt das Erpressungspotenzial. Wenn Teheran militärisch unter Druck gerät, kann es wirtschaftlich zurückschlagen und das trifft die globale Energieversorgung.
Giganten aus Stahl, Ladung 200 Millionen Dollar
Ein moderner Supertanker transportiert bis zu zwei Millionen Barrel Rohöl. Das entspricht rund 300.000 Tonnen Fracht. Bei einem Ölpreis von 80 Dollar pro Barrel liegt der Wert dieser Ladung bei etwa 160 Millionen Dollar. Steigt der Preis auf 120 Dollar, sind es bereits 240 Millionen Dollar. Auf einem einzigen Schiff, das ab Werft 100 Millionen Dollar kostet.
Solche Tanker sind bis zu 330 Meter lang. Das entspricht drei Fußballfeldern hintereinander. An Bord arbeiten oft nur rund 20 Seeleute. Sie überwachen Maschinen und Navigationssysteme. Gegen Raketen, Drohnen oder Torpedos können sie sich nicht verteidigen.
Schon ein einziger Treffer würde nicht nur ein Schiff zerstören. Er würde das Vertrauen in die Sicherheit dieser Route erschüttern. Und Vertrauen ist an den Rohstoffmärkten oft wichtiger als physische Mengen. Von Schäden für die Umwelt ganz zu schweigen.
Täglich fließt hier ein Fünftel des Weltöls
Durch die Straße von Hormus werden täglich zwischen 15 und 21 Millionen Barrel Rohöl transportiert. Das entspricht etwa einem Fünftel des weltweiten Ölhandels auf dem Seeweg. Zusätzlich passieren große Mengen Flüssiggas aus Katar dieses Nadelöhr.
Die Ölexporte stammen vor allem aus Saudi-Arabien, dem Irak, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Hauptabnehmer sitzen in China, Indien, Japan, Südkorea und Europa. Fällt diese Route aus, geraten nicht nur einzelne Länder unter Druck, sondern ganze Industriezonen.
Zwar existieren Pipelines als Ausweichmöglichkeit. Deren Kapazität reicht jedoch nicht aus, um einen kompletten Ausfall des Seewegs zu ersetzen. Die Weltwirtschaft hängt damit faktisch an diesem schmalen Nadelöhr.
Vom Ölschock zum Börsenbeben
Für eine Krise braucht es keine monatelange Blockade. Schon eine glaubhafte Drohung genügt. Versicherer erhöhen ihre Prämien. Reedereien stoppen Fahrten. Händler treiben die Preise nach oben.
Ein Ölpreis von 120 oder 150 Dollar wäre unter solchen Bedingungen realistisch. In Deutschland würden Benzin- und Dieselpreise deutlich steigen. Heizkosten zögen nach. Unternehmen müssten höhere Energie- und Transportkosten schultern. Die Inflation bekäme neuen Schub.
Doch der Schock bliebe nicht auf den Ölmarkt begrenzt.
Steigende Energiepreise drücken auf Gewinnmargen. Investitionen werden verschoben. Konsumenten halten ihr Geld zusammen. Anleger reagieren schnell. Aktienmärkte geraten unter Druck. Besonders betroffen wären Industrie, Chemie, Automobil, Logistik und Luftfahrt. Kapital fließt in Gold, Staatsanleihen und den US-Dollar.
Eine ernsthafte Störung der Straße von Hormus wäre daher nicht nur ein Energieschock. Sie wäre der Auslöser einer Kettenreaktion an den Finanzmärkten. Der Ölpreis wäre nur der erste Dominostein. Danach folgen Börsen, Währungen und schließlich die Realwirtschaft.
Die Straße von Hormus ist damit kein entfernter Krisenherd. Sie ist ein zentraler Schalter der globalen Wirtschaft. Wird er umgelegt, spüren es Anleger, Unternehmen und Verbraucher weltweit – innerhalb weniger Stunden.




