Wer heute in den USA an die Zapfsäule rollt, erlebt ein nationales Trauma. Man könnte meinen, die Russen stünden schon vor Washington.
Von Meinrad Müller
Gallonen und Liter aufgedröselt
Der Benzinpreis in den USA beträgt ca. 4,50 Dollar pro Gallone. Und die Amis heulen, als hätte man ihnen das Recht auf den Colt, die freie Meinungsäußerung und den letzten funktionierenden Big Mac gleichzeitig weggenommen. Dabei sind das umgerechnet nur 1,09 Euro pro Liter.
Wenn die Amerikaner deutsche Preise zahlen müssten, würde eine Gallone Benzin derzeit etwa 8,80 Dollar kosten.
Für deutsche Verhältnisse ist das kein Benzinpreis, das ist ein Schnäppchen. Da würde der ADAC nicht Verkehrswarnungen, sondern Freudenfeuer ausrufen. Man würde an Tankstellen Sekt ausschenken, Tankwarte bekämen Trinkgeld.
Vor dem Iran-Krieg: 66 Cent pro Liter.
Die Amerikaner hatten jahrelang Spritpreise, für die wir Deutschen unsere Seele an Shell verkaufen würden – inklusive kostenloser Waschanlage.
Und jetzt? Jetzt tun sie so, als wäre das Ende der westlichen Zivilisation gekommen. Gestandene Männer mit Truck, so groß wie ein Einfamilienhaus, stehen mit feuchten Augen vor der Fernsehkamera und sagen Dinge wie „Das ist pure Räuberei“ und schluchzen, dass ihr körpereigener Fastfood-Behälter sich schüttelt.
Während der Deutsche den Tankdeckel so andächtig aufschraubt wie ein Mann, der seinen letzten Euro in den Spielautomaten steckt, bekommen die Amis bei 1,09 Euro schon Schnappatmung. Das heilige amerikanische Grundrecht auf billigen Sprit wird angeblich mit Füßen getreten – direkt nach Waffenbesitz und dem Recht, überall XXL-Portionen zu verlangen.
In den USA gilt offenbar: Wer einen 5-Liter-Achtzylinder fährt, der so viel verbraucht wie ein mittleres Entwicklungsland, hat ein gottgegebenes Anrecht darauf, dass der Sprit weniger kostet als das Wasser im Sixpack. Alles andere ist Tyrannei. Biden, Putin, Trump, die Chinesen und wahrscheinlich auch wir sind schuld.
Derweil tanken wir hier weiter fröhlich für 1,98 Euro und denken uns: „Na ja, immerhin ist der Kaffee im Tankstellenshop noch teurer.“ Wir haben den deutschen Sonderweg gefunden: Leiden als Volkssport. Sind wir ja irgendwie schon gewöhnt.
Die reichste Nation der Welt jammert lauthals über einen Preis, für den der deutsche Autofahrer eine Kerze anzünden und „Danke, lieber Gott“ flüstern würde.
Man möchte ihnen gerne ein Taschentuch reichen.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p




