Krieg im Mittleren Osten: Ohne schmerzhafter Kompromisse auf allen Seiten droht eine neue, jahrelange Never-Ending-Story aus Anschlägen, Gegenanschlägen und explodierenden Ölpreisen mit allen Konsequenzen.
Von Peter Härtels
Der Golf ist wieder einmal zum gefährlichsten Pulverfass der Welt geworden. Nur zwei Monate nach dem schweren militärischen Schlag gegen den Iran und der Tötung von Ali Chamenei im Februar 2026 scheint eine fragile Waffenruhe bereits am Zerbrechen. Neue Drohungen, Angriffe auf Schiffe und gezielte Attacken auf die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) lassen die Angst vor einer totalen regionalen Eskalation wieder aufleben.
In den letzten Tagen haben sich die Vorfälle dramatisch gehäuft:
- Iranische Drohnen und Schnellboote haben erneut Frachtschiffe in der Straße von Hormus angegriffen – mindestens zwei Tanker melden Schäden.
- Die Houthis im Jemen drohen mit einer vollständigen Reaktivierung ihrer Angriffe auf Schiffe im Roten Meer.
- Am 2. und 3. Mai kam es zu mehreren Drohnenangriffen auf Ziele in Abu Dhabi und Dubai. Ein Containerterminal im Hafen Jebel Ali wurde leicht beschädigt, ein Hotel auf Palm Jumeirah getroffen. Die VAE sprechen von „iranisch gesteuerten“ Angriffen, Teheran bestreitet jede Beteiligung.
Die Golfstaaten sind sichtlich nervös. Dubai, das sich als sicheres internationales Finanz- und Tourismuszentrum positioniert hatte, wirkt plötzlich verletzlich.
Trump in der Zwickmühle
US-Präsident Donald Trump hatte zunächst mit harten Schlägen gegen den Iran gepunktet und eine „schnelle und entscheidende“ Operation angekündigt. Nun scheint er in der Zwickmühle zu stecken. In einem aktuellen Statement drohte Trump dem Iran mit „noch nie dagewesenen Konsequenzen“, falls weitere Angriffe auf amerikanische Interessen oder Verbündete erfolgen.
Gleichzeitig sendet Trump widersprüchliche Signale: Einerseits will er keine neue große Bodenoperation im Nahen Osten, andererseits verstärkt er die US-Präsenz im Golf mit zusätzlichen Flugzeugträgern und Patriot-Systemen. Seine Botschaft an die Golfmonarchien lautet: „Wir beschützen euch – aber ihr müsst auch selbst mehr tun.“
Warum droht jetzt die totale Eskalation?
Mehrere Faktoren machen die Lage besonders explosiv:
- Die iranische Nachfolgekrise: Das Regime unter Mojtaba Chamenei oder der neuen Führungsriege ist geschwächt, aber nicht besiegt. Es braucht äußere Feinde, um innere Unruhen zu überdecken. Angriffe auf die reichen Golfstaaten sind ein willkommenes Ventil.
- Die Hormus-Falle: 20 % des weltweiten Öls passieren diese Meerenge. Jede weitere Blockade oder Serie von Angriffen treibt den Ölpreis in die Höhe und gefährdet die globale Wirtschaft.
- Die VAE als neues Ziel: Im Gegensatz zu Saudi-Arabien haben die Emirate versucht, eine pragmatische Linie gegenüber Teheran zu fahren. Nun fühlen sie sich verraten und fordern stärkere westliche Sicherheitsgarantien – notfalls auch mit eigenen militärischen Schritten.
- Stellvertreter werden unkontrollierbar: Hezbollah, Houthis und diverse schiitische Milizen handeln zunehmend eigenständig. Ein einzelner Fehlschlag oder ein besonders tödlicher Angriff könnte die Spirale außer Kontrolle bringen.
Realistische Einschätzung
Die Gefahr einer totalen Eskalation – also eines offenen Krieges zwischen Iran und einer breiten Koalition aus USA, Israel und Golfstaaten – ist aktuell wieder auf einem sehr hohen Niveau. Gleichzeitig will keine der großen Mächte wirklich einen langwierigen, teuren Krieg. Das Ergebnis ist ein extrem gefährlicher Graubereich: permanentes Nadelstechen, begrenzte Angriffe und das Risiko, dass ein Vorfall alles zum Explodieren bringt.
Der Golf ist kein Konflikt, den man einfach „gewinnen“ kann. Ohne echte diplomatische Offensiven – inklusive schmerzhafter Kompromisse auf allen Seiten – droht genau das, was niemand will: eine neue, jahrelange Never-Ending-Story aus Anschlägen, Gegenanschlägen und wirtschaftlicher Erpressung.
Die nächsten Wochen werden entscheiden, ob Vernunft oder Eskalation siegt. Die Signale sind derzeit leider alles andere als beruhigend.



