Beide Reden waren, wie es sich gehört, diplomatisch höflich, doch während Präsident Xi philosophisch im Kosmos schwebte, stand Donald Trump mit beiden Füßen fest auf seinem Gartenschlauch.
Von Meinrad Müller
Ein Abend, zwei Welten
Wenn die zwei mächtigsten Männer der Erde Platz nehmen, schaut die Welt gebannt zu. Es ist der Abend des 14. Mai, exakt 19:30 Uhr, als in der opulenten „Großen Halle des Volkes“ in Peking das feierliche Eröffnungsbankett beginnt. Die Szenerie strotzt vor protokollarischer Strenge.
Man darf sich keine Illusionen machen: Bei so einem Anlass gibt es keinen Dialog. Es gibt zwei Statements, zwei Monologe, die in den Raum gestellt werden. Doch wer beide Reden im Geiste nebeneinanderstellt, merkt schnell: Hier prallen keine Denkweisen aufeinander – sie gehen schlicht aneinander vorbei. Während der eine den Weltgeist beschwört, zählt der andere die Burgerläden auf.
Der Philosoph auf dem Drachenthron
Xi Jinping spannte einen Bogen, der so gewaltig war, dass man ihn kaum greifen konnte. Er sprach nicht über Tagesgeschäfte, sondern rief das uralte chinesische Konzept von „Tianxia“ auf – alles unter dem Himmel. Xi dozierte vor den 40 Spitzenpolitikern über 5.000 Jahre Zivilisation und verknüpfte das Schicksal Chinas direkt mit dem Wohlstand von über acht Milliarden Menschen. Das war kein banales Politiker-Gerede, das war ein intellektueller Anspruch auf die globale Führung. Xi saß rhetorisch am weitaus längeren Hebel. Er bot eine metaphysische Partnerschaft an, die weit über das heute messbare Quartalsergebnis hinausreicht. Er sprach zum Universum, während die Welt gespannt lauschte.
Wenn der Gast auf dem Gartenschlauch steht
Und was tat der Gast auf der rechten Seite der Tafel? Während Xi im Kosmos schwebte, blieb Trump beim Beton. Um es mal ganz grob zu sagen: Während der Chinese den Himmel vermessen wollte, stand der Amerikaner metaphorisch auf dem Gartenschlauch. Er erzählte Geschichten von Eisenbahnschienen, zählte stolz auf, dass es in den USA mehr chinesische Restaurants gibt als Fast-Food-Ketten, und lobte den Fleiß der Arbeiter.
Das ist der Stil eines Mannes, der in Deals und Quadratmetern denkt. Aber es ist auch ein Armutszeugnis für seine Berater. Hätte die amerikanische Seite nicht wissen müssen, dass man gegen einen Führer von 1,4 Milliarden Menschen anders argumentieren muss als gegen einen Konkurrenten auf dem New Yorker Immobilienmarkt? Trump ging mit keinem Wort auf die philosophischen Steilvorlagen ein. Er antwortete auf Fragen zur Weltordnung mit Anekdoten über Jeans und Basketball. Er merkte nicht einmal, dass er intellektuell im Regen stehen gelassen wurde, weil er selbst den Wasserhahn seiner Wahrnehmung zugedreht hatte.
Das Schweigen der Frequenzen
Man muss kein Politiker sein, um diese Kluft zu spüren. Dem Zuschauer vor dem Bildschirm fällt das sofort auf – und es hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Was bedeutet das für das Ansehen des Westens? Wenn die einstige Supermacht nur noch in den Kategorien eines Bauunternehmers antworten kann, verliert sie ihre geistige Autorität.
China demonstriert eine Überlegenheit, die der Westen schlicht verlernt zu haben scheint. Wenn der eine den Himmel vermisst und der andere nur prüft, ob der Rasen vor seinem Hotel auch grün genug ist, dann zeigt das schmerzhaft, wer die Zukunft dieser Welt gestalten will – und wer nur noch mit seinem eigenen Gartenschlauch beschäftigt ist. Während Peking die Musik der Weltgeschichte komponiert, summt Washington nur eine alte Werbemelodie mit. Das sollte uns zu denken geben.
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