Der lange Merzsche Schatten reicht nicht mehr bis Magdeburg. Hunderttausende CDU/CSU-Funktionäre und Wähler müssen nun umtrainiert werden – auch diese verirrten Schafe kennen ihre neuen Hirten.
Anpassung – wie immer leichtgemacht
In manchen Familienchroniken steht es schwarz auf weiß: Der Vorfahre diente bis 1919 dem Kaiser, in der Weimarer Republik genauso pflichtbewusst, ab 1933 blieb er in seiner warmen Stube, nach 1945 diente er im Osten unter Ulbricht und Honecker bis zum Mauerfall. Die Umschulung von Millionen Werktätigen verlief stets problemlos. Tote gab es keine. Die Brandmauern in den Köpfen zerfielen jedes Mal rasch zu Staub.
Niemand starb am Systemwechsel, alle blieben kerngesund. Das alte Motto „Wessen Brot ich ess’, dessen Lied ich sing’“ hat sich millionenfach bewährt. Die Eifrigen aller Epochen sind auch heute wieder eifrig – diesmal im Dienste „unserer Demokratie“.
Brandmaueraufräumkommando
Wer seit 2013 fleißig als Brandmauergeselle auf dem Gerüst stand, darf sich nun wie 1945 fühlen. Die alten Steine werden sauber abgeklopft, um aus Ruinen etwas Neues zu bauen. Man tut es mit Freude, ohne Zwang, bei bester Laune, gutem Essen und dem befreienden Gefühl, dass am Ende doch zusammenwächst, was im Grunde immer zusammengehörte.
Ist die AfD nicht einfach die gute alte CDU von Ludwig Erhard?
Der Wechsel gleicht eher einem sommerlichen Betriebsausflug unter dem Motto „Kraft durch Spaß“. In idyllischen Ferienlagern und schönen Landesteilen treffen sich die alten Christdemokraten zu lockeren Seminaren. Dort spüren sie eine wunderbare Leichtigkeit des Seins – wie ein Urlaub von den eigenen anstrengenden Scheuklappen der letzten Jahre. Man wendet sich aus tiefster Überzeugung, nicht nur den Hals. Endlich wieder auf der Sonnenseite der Mehrheit, an den Fleischtrögen der Macht – das schafft Seelenfrieden.
Mea Culpa auf christdemokratisch
Die letzten 13 Jahre waren eine wilde Zeit voller harter Worte und Gegenstände, die man sich an den Kopf geworfen hat. Die Brandmauergesellen und politischen Hilfsarbeiter müssen nun ihren Karren wenden. Bei abendlichen feucht-fröhlichen Gelagen wächst der Geist der neuen Zeit besonders gut.
Unter dem blauen Himmel der neuen Epoche werden die alten Attacken gegen die AfD mit herzlichem Lachen weggewischt. Die ehemaligen CDUler haben die besten und lustigsten Ausreden parat, um ihre gestrigen Positionen in einem verzeihenden Licht erscheinen zu lassen.
Nimmt man die Programme beider Parteien genau unter die Lupe, waren die Unterschiede ohnehin nur winzige Kleinigkeiten. Größere Fehler lassen sich bequem einer einzigen Person anlasten. Jetzt, wo die blaue Partei mit am Steuerrad sitzt, erkennt das CDU-Mitglied mit freudigem Erstaunen: Die politischen Koffer müssen kaum umgepackt werden. Man teilt dieselbe Liebe zum soliden Haushalt, zu günstiger Energie, zu Ruhe und Ordnung und denselben gesunden Patriotismus.
Ohne jeden Druck gleiten die alten CDU-Mitglieder in ihre neuen Rollen. Das Land atmet auf, und man stellt fest: Das neue Lied singt sich nicht nur leichter, sondern es klingt im Chor auch gleich viel fröhlicher. Doch die erste Strophe ist weiterhin tabu.
Scheiterhaufen werden nicht gebraucht. Möglicherweise wanderten manche rechtzeitig gen aus.
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