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Sitzenbleiber gerettet

Der Plan der rot-grünen Koalition in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, entfacht bundesweit eine Debatte über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern.

 

Der Plan der rot-grünen Koalition in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, entfacht bundesweit eine Debatte über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Die Abschaffung ist blanker Unsinn, das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus." Damit tue man jungen Leuten nichts Gutes, "man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten. Das hat nichts mit Strafe zu tun".

Spaenle koordiniert die Unionsminister in der Kultusministerkonferenz (KMK). Jahr für Jahr wiederholen zwei Prozent aller Schüler eine Klasse - etwa 170.000. In den vergangenen Jahren sind bereits einige Länder dazu übergegangen, das Durchfallen ganz oder für bestimmte Schulformen oder Stufen zu streichen. In Bremen etwa drohen Schülern erst in Klasse acht Ehrenrunden, in Berlin nur Gymnasiasten. Andernorts gibt es Modellprojekte, die das Sitzenbleiben nicht mehr als Automatismus sehen. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) plädiert für eine komplette Abschaffung.

"Sitzenbleiben verschwendet Lern- und Lebenszeit - es ist längst nicht mehr zeitgemäß", sagt er. Es sei "völlig unangemessen", wie viele Schüler zur Zeit zur Wiederholung einer Klasse gezwungen würden. Hamburg schafft das Sitzenbleiben gerade stufenweise ab, es ist nur noch als Ausnahme möglich, etwa auf Antrag der Eltern. Leistungsschwache Schüler werden stattdessen zu Förderstunden verpflichtet. Durchfallen sei "mit Schmerzen und Tränen verbunden", sagt Rabe, der selbst Lehrer ist. Auch an den Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen wird in der Regel auf Durchfallen verzichtet, "die Erfahrungen sind insgesamt positiv", sagt die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann.

Generell abgeschafft ist das Instrument nicht, durch individuelle Förderung könne es aber "möglichst überflüssig" werden. "Meistens haben die Schüler Schwächen in einzelnen Fächern und nicht generell." Dies sieht  auch Stephan Dorgerloh (SPD) so, Minister in Sachsen-Anhalt und amtierender KMK-Präsident. In seinem Land ist Durchfallen theoretisch möglich, Schulen können aber davon abweichen.

Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, erwidert: "Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist." Leistungsansprüche würden in dem Fall reduziert, Schulabschlüsse zu "Schecks, die durch nichts gedeckt" seien: "Da kann man gleich eine Abitur-Vollkasko-Garantie anbieten." Ein nennenswerter Teil der Schüler, vor allem in der Pubertät, würde sich dann zurücklehnen. Die Ehrenrunde biete im Bedarfsfall dagegen "eine echte Chance zur Stabilisierung", sagt Kraus. Bereits 2009 hatte eine Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm Kontroversen erzeugt. Sitzenbleiben ist demnach "teuer und unwirksam".

Dem Staat entstünden für eine weitgehend nutzlose Maßnahme Kosten von fast einer Milliarde Euro im Jahr. "Bildung ist kostenintensiv - aber ein Schüler darf nicht als Kostenfaktor gesehen werden", kontert Spaenle. "Es ist nicht zu vermeiden, dass ein junger Mensch auch Defizite beim Lernstoff anhäuft. Wenn das der Fall ist, muss man ihm zusätzliche Zeit eröffnen."
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