Reise nach Tel Aviv. Kaum ein Land steht so im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen wie Israel. Von den Konflikten merkt der Besucher zunächst kaum etwas. Alltag in Israels Hauptstadt.

Am Strand von Tel Aviv
„Es ist Winter, der Strand ist leer“, klärt mich Abraham auf. Der 25jährige aus Eritrea ist Herr über 50 Liegen am Strand von Tel Aviv. Der Blick aufs Thermometer zeigt 29 Grad. Für einen Israeli ist das kalt.
Abraham ist kein Jude sondern Christ, wie er mir auf Nachfrage zu verstehen gibt. Mit ihm sind noch 20000 andere aus Eritrea nach Israel geflohen. Überhaupt ist Tel Aviv alles andere als eine „jüdische“ Stadt – eher ein Schmelztiegel sehr unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Kulturen und gegensätzlicher Glaubensrichtungen. Ich höre viel russisch, sehe Araber, Palästinenser. Der feine Unterschied: Es sind Palästinenser mit israelischem Pass. Insgesamt eine Million Palästinenser haben einen solchen Pass. Hinzu kommen noch mal zwei Millionen, welche im Westjordanland leben.
Der arabische Einfluss ist überall spürbar. Auf dem Markt in Zentrum Tel Avivs herrscht orientalisches Flair. Am Strand dagegen ausgeflippte Ibiza-Atmosphäre mit chilliger Musik und Party.
Eigentlich könnte Tel Aviv ein verschlafenes Nest am Mittelmeer sein. Die Stadt macht eher einen legeren Eindruck, wirkt leicht schmuddelig und verblättert – aber nicht unsympathisch. Überall kleine Geschäfte, Lokale, Cafes. Keine Gigantonomie. In den 20iger Jahren haben deutsche Einwanderer den Bauhaus-Stil eingeführt und diese kubischen Bauten bestimmen auch heute noch das Stadtbild.
Wenn ich so durch Tel Aviv schlendere, spüre ich kaum, dass die Stadt, dass Israel im Zentrum eines Konfliktes steht, der bis heute ungelöst ist. Doch dieser Konflikt ist in Tel Aviv scheinbar weit weg. Die Menschen hier leben friedlich und freundlich miteinander. Unbegreiflich, dass dies nicht auch jenseits der Grenzen so ist. Doch Gaza ist keine 60km entfernt, ins Westjordanland sind es 50km.
Von den Unruhen dort erfahren die Menschen hier allenfalls aus dem Fernsehen. Wer in Tel Aviv wohnt, der fährt nicht in die Krisengebiete. Das ist eine andere, ferne Welt. Die Diskussion über die Zukunft dagegen wird in jedem Cafe geführt. „Es läuft auf eine Zweistaatenlösung hinaus“, meint Yossef und schlürft dabei nachdenklich an seinem Cafe Afur (Milchkaffee). Aber der Weg dorthin werde nicht einfach sein.
Unterdessen rücken andere Gefahren in den Vordergrund. Es geht um den Iran und die Frage, ob es zu einem Krieg kommt. Die Menschen in Tel Aviv glauben, dass ein Angriff nicht mehr fern sei. Vor kurzem hat das Gesundheitsministerium an alle Bürger einen Brief geschickt. Inhalt: Eine Aufforderung, Gasmasken abzuholen. Diese liegen beim Bezirksamt bereit. Auch an Schulen wurden sie bereits verteilt. Für viele hier ein sicheres Indiz dafür, dass ein Krieg bevorsteht.



