Der neue Präsident der US-Notenbank Fed, Kevin Warsh, steht heute vor seiner ersten großen Bewährungsprobe. Und die ganze Welt schaut gebannt zu – wie das Kaninchen auf die Schlange.
Von Meinrad Müller
Wird er die Leitzinsen senken, wie es Präsident Trump sich so sehr wünscht?
Oder bleibt erst einmal alles beim Alten, mit dem Leitzins weiter bei 3,5 bis 3,75 Prozent? Eine kleine Stellschraube in den USA und die Weltwirtschaft reagiert.
Stillstand mit Spannung
Die meisten Ökonomen rechnen mit keiner Veränderung. Die US-Wirtschaft wächst solide, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, doch die Inflation hält sich hartnäckig – angeheizt durch Energiepreisschocks und andere Belastungen. Eine Zinssenkung jetzt würde wie ein Signal wirken, dass die Notenbank die Kontrolle verliert. Kevin Warsh, der erst im Mai seinen Posten antrat, will genau das Gegenteil zeigen: Stabilität und Unabhängigkeit. Trump hat ihm bei der Vereidigung zwar „totale Unabhängigkeit“ gewünscht – doch jeder weiß, dass der Präsident tiefe Zinsen liebt, um die Konjunktur anzukurbeln.
Warsh ist kein Unbekannter. Der 56-Jährige war bereits früher Fed-Gouverneur und kennt das Spiel von innen. Er gilt als jemand, der weniger reden und mehr handeln will. Statt endloser Presseauftritte und vager Andeutungen soll die Kommunikation klarer werden. Heute liefert er seine erste echte Visitenkarte ab: das offizielle Statement, die neuen Wirtschaftsprognosen und die anschließende Pressekonferenz. Darin steckt mehr Sprengkraft als in einer bloßen Zinsentscheidung.
Was steht für uns Normalbürger auf dem Spiel?
Für den normalen Sparer klingt „Leitzins“ erst einmal abstrakt. Doch es geht um Ihr Geld auf dem Sparbuch, die monatliche Rate fürs Eigenheim, die Kreditkosten für Unternehmen und letztlich um die Preise im Supermarkt. Bleiben die Zinsen hoch, dämpft das die Nachfrage – gut gegen die Teuerung, aber hart für alle, die Kredite aufnehmen. Senkt die Fed, könnte das Wachstum anschieben, doch die Preise weiter steigen lassen. Im Moment überwiegt die Sorge vor zu starker Inflation. Energiepreise und andere Schocks machen die Sache unberechenbar.
Warsh tritt in große Fußstapfen. Jerome Powell hatte acht Jahre lang die Balance gehalten zwischen politischem Druck und ökonomischer Vernunft. Nun liegt der Ball bei einem Mann, der früher schon mal für niedrigere Zinsen plädierte, aber auch weiß, dass die Fed keine Wahlkampfmaschine sein darf. Die ersten Signale deuten auf Vorsicht hin: Kein Schnellschuss, keine Experimente.
Die Fed ist kein Orakel
Heute geht es nicht nur um diesen einen Tag. Die neuen Projektionen der Fed-Mitglieder verraten, wie viele Zinsschritte sie für den Rest des Jahres erwarten. Ein einziger Schnitt? Mehr? Oder gar keiner? Das sind keine trockenen Zahlen – sie bestimmen, ob die Konjunktur weiter brummt oder ins Stottern gerät. Für Europa, für Schwellenländer und für die Märkte weltweit hat jede Nuance Gewicht.
Warsh weiß: Die Fed ist kein Orakel. Sie kann Trends verstärken oder abfedern, aber keine Wunder vollbringen. Heute kräht der Hahn auf dem Misthaufen der globalen Wirtschaft. Ob er damit alles verändert oder ob erst einmal nüscht passiert – die Antwort kommt in den nächsten Stunden. Und sie wird uns alle betreffen, vom kleinen Sparer bis zum großen Konzern. Bleiben Sie dran. Diese Nacht wird spannend.
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