Mehr als 100.000 Euro Jahresumsatz statt Jobcenter oder Grundsicherung: Die Bundesregierung lockt in das Sanitär-Handwerk. Geradezu ideal als Rettungsanker für langzeitarbeitslose Akademiker.
Von Meinrad Müller
Berlins Fördergelder machen den Abfluss frei
Was hilft das schönste Studium der Philosophie über 24 Semester, wenn man anschließend trotz Doktorgrad keine Anstellung findet? Was hilft die tiefste Deutung von Kant, Hegel oder Foucault, wenn am Monatsende nicht einmal die WG-Miete bezahlt werden kann? Ziel ist die Turbo-Umschulung vom Hörsaal ins Sanitär-Handwerk. Allemal besser als Taxi zu fahren.
Während viele Akademiker beim Jobcenter anstehen, herrscht bei Installateuren der nackte Notstand. Zehntausende Installateure fehlen, Tausende gehen in Rente. Aber Heizungen wollen gewartet werden. Spülkästen wollen funktionieren. Abflüsse wollen frei sein. Deutschland braucht keine politischen Ratschläge, wenn im dritten Stock das Wasser aus dem Bad läuft.
Verkürzte Ausbildung von 18 Monaten für schnelle Denker
Das neue Programm verkürzt die reguläre Ausbildungszeit von drei auf eineinhalb Jahre deutlich. Grundlage ist die Förderung beruflicher Weiterbildung. Die Botschaft ist einfach: Wer jahrelang komplizierte Texte verstanden hat, sollte auch schnell begreifen können, in welche Richtung ein Gewinde gedreht wird.
Auch die Anwesenheitspflicht am Arbeitsplatz wirkt auf einige Teilnehmer zunächst ungewohnt. Im Bad des Kunden gilt Präsenzpflicht. Wenn das WC verstopft ist, erwartet der Bürger, dass ihm geholfen wird.
Kulturelles Wissen als Vorteil beim Kunden
Der umgeschulte Installateurmeister Dr. Sven Habegg berichtet begeistert von seinem neuen Berufsfeld. Sein tiefes kulturelles Wissen erweist sich im Kundengespräch als handfester Vorteil. Gerade in Akademikerhaushalten trifft der akademische Handwerker auf angenehme Gesprächspartner.
Wenn Schulze mit der Rohrzange unter der Heizung liegt, entsteht rasch eine besondere Atmosphäre. Der Kunde wollte eigentlich nur wissen, warum der Heizkörper gluckert. Wenige Minuten später sprechen beide über Goethe, Nietzsche und die Frage, ob der moderne Mensch noch eine innere spirituelle Leitung besitzt.
So werden neben Dichtungen auch alte Dichter diskutiert und das kann sich in die Länge ziehen. Besonders seine politischen Analysen finden bei manchen Kunden großen Zuspruch. Sie haben selten einen Handwerker erlebt, der zugleich den Siphon zerlegt und die Weltlage erklärt. Dr. und Meister Schulze weiß, wo der Hammer hängt, in jeder Hinsicht.
Der Stundenzettel wird länger und länger
Der selbständige Meister rechnet die Stunden, die er beim Kunden zubringt, als Arbeitszeit ab. Ob er dabei gerade eine Zange in der Hand hält oder mit dem Hausherrn über die Zumutungen der Berliner Politik spricht, ist für den Stundenzettel zweitrangig.
Bei 75 Euro Stundensatz und rund 50 abrechenbaren Stunden pro Woche kommt ein selbständiger Meister rechnerisch auf etwa 180.000 Euro Jahresumsatz. Das ist kein Angestelltengehalt und kein Nettogewinn. Es ist das, was auf Rechnungen an Kunden steht. Davon gehen Fahrzeug, Werkzeug, Versicherung, Büro, Steuern und der übliche Papierkrieg ab. Trotzdem klingt diese Zahl für manchen früheren Doktoranden wie Musik aus einer besseren Welt.
Auch auf dem Heiratsmarkt verbessern sich die Chancen beträchtlich. Statt Monatsticket und WG-Zimmer stehen plötzlich Geländewagen und Dachterrasse als Trumpfkarte im Raum. Meister-Doktor wird zur guten Partie.
[1] Förderung beruflicher Weiterbildung (§ 81 SGB III)
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