Bei uns streitet man gerade darüber, ab wann eine Krankmeldung vorgelegt werden muss. Im Vergleich mit den USA ist diese Sorge geradezu lächerlich. Der Kollege in USA bekommt meist nur fünf bis sieben bezahlte Krankheitstage pro Jahr genehmigt. Diese heißen Sick Leave. Sind sie verbraucht, gibt es keinen Cent mehr.
Von Meinrad Müller
Keine sechs Wochen Lohnfortzahlung, stattdessen schnell blank
In Amerika existiert kein gesetzlicher Anspruch auf sechs Wochen Lohnfortzahlung wie bei uns. Wer länger krank wird, steht oft von einem Tag auf den anderen ohne Einkommen da. Der Chef zahlt nur die paar festen Sick Leave Tage. Danach ist Sendepause.
Das klingt für deutsche Ohren wie im Horrorfilm. Der Familienvater, der sich ein Bein bricht, liegt sechs Wochen zu Hause, doch nach wenigen Tagen ist der Lohn gestoppt. Die Miete aber läuft weiter, Autoleasing muss bezahlt werden, ebenso Strom und Essen für die Kinder auch. Die Krankheit trifft nicht nur ihn. Sie trifft die ganze Familie.
Krankheitstage fressen die Urlaubstage
Viele US-Firmen werfen einfach alles in einen Topf: z.B. 20 freie Tage fürs ganze Jahr. Egal ob Urlaub oder Grippe. Jeder Krankheitstag frisst einen Urlaubstag auf. Wer sieben Tage krank ist, hat danach sieben Tage weniger Urlaub. Bei längerer Krankheit ist der ganze Jahresurlaub ratzfatz weg. Und dann fehlt auch noch das Geld, die Krankheit wird zur doppelten Strafe.
Deutsche Arbeitnehmer leben vergleichsweise wie im Paradies
Bei uns diskutiert die Politik, ob man künftig schon am ersten Tag eine ärztliche Bescheinigung braucht. Das klingt streng, bis man über den Atlantik schaut. In Deutschland zahlt der Arbeitgeber sechs Wochen lang voll. Danach übernimmt die Krankenkasse 70 Prozent des Bruttolohns. Keine Familie muss nicht nach ein paar Tagen um Wohnung, Auto oder Erspartes bangen.
Amerika nennt sich stolz „Land of the Free“. Im Krankheitsfall ist der Arbeiter dort alles andere als frei. Erst wenn man nach Wildwest-Amerika blickt, merkt man, wie wertvoll unser System wirklich ist.


