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DAX-Konzerne verfehlen immer häufiger ihre Prognose: Hat dies Methode? (Daimler, Commerzbank, Deutsche Bank, E.ON, Infineon, BASF, Siemens, Munich Re, Fresenius, Adidas)

Liebe Leser,

wenn Sie die Daimler-Aktie Anfang des Monats verfolgt haben, wird Ihnen vermutlich folgender Zusammenhang aufgefallen sein: Daimler-Boss Zetsche gab eine sehr verhaltende Prognose für 2017 bekannt, woraufhin die Aktie sofort um etliche Prozentpunkte nachgab. Es ist nicht auszuschließen, dass Daimler seinen Jahresausblick noch ein oder zwei Mal in diesem Jahr leicht korrigieren wird – nach oben. Dafür sprechen einfach die bisherigen Prognosen für die Absatzentwicklung der deutschen Autoindustrie. Das Vorgehen hat aber offensichtlich Methode, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young belegt.

Die Unternehmungsberatung hat nämlich die offiziellen Konzernprognosen aller Firmen aus dem Prime Standard für die Jahre 2011 bis 2016 unter die Lupe genommen. Zum Prime Standard der Frankfurter Börse zählen mehr als 300 börsennotierte Unternehmen. Verblüffendes Ergebnis: Insbesondere die DAX-Konzerne liegen mit ihren Prognosen immer häufiger daneben. Das ist überraschend, weil diese Unternehmen die mit Abstand größten Ressourcen und Erfahrungen besitzen, um einigermaßen verlässlich einen kurzfristigen Ausblick vorzunehmen. Die Kandidaten aus den kleineren Indizes sind jedoch sichtbar treffsicherer in ihren Voraussagen.

Zu den Zahlen

Im vergangenen Jahr musste rund die Hälfte der Unternehmen (154) eine Prognoseanpassung vornehmen. In 87 Fällen übertraf ein Konzern die eigenen Vorgaben. 67 Mal war hingegen eine Warnung vor niedrigeren Umsätzen oder Gewinnen vonnöten. Am unzuverlässigsten präsentierten sich die DAX-Konzerne, von denen 63 % daneben lagen. Sie veröffentlichten 8 Mal eine Gewinnwarnung, aber 16 Mal eine positive Kurskorrektur. Die Treffergenauigkeit nahm in den vergangenen Jahren im Übrigen beharrlich ab.

Der zuständige IPO-Bereichsleiter bei Ernst & Young, Martin Steinbach, interpretierte die erstaunliche Entwicklung wie folgt: „Es ist derzeit enorm schwer, belastbare Prognosen abzugeben. Die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen ändern sich derzeit sehr rasch, und staatliche Eingriffe in den Markt können in einem ohnehin sehr volatilen Umfeld Marktprognosen schnell obsolet machen.“

Des Pudels Kern

Das mag sein. Aber schwierige politische und wirtschaftliche Rahmenumstände gab es auch schon in früheren Tagen. Martin Steinbach: „Viele Unternehmen sind derzeit sehr vorsichtig mit ihrem Ausblick und bewerten offenbar die Risiken höher als die Chancen – auch auf die Gefahr hin, bei Investoren an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Denn Anleger erwarten vom Unternehmen eine plausible und realistische Ergebnisprognose und machen diese auch zur Grundlage von Investitionsentscheidungen.“

Aha, jetzt nähern wir uns des Pudels Kern. Entscheidet sich ein Vorstand für die konservativere Variante, droht zwar ein Kursverfall. Doch diese Verluste können meist über das Jahr wieder ausgeglichen werden, insbesondere bei einer eventuellen Anhebung der Prognose. Der umgekehrte Fall ist weitaus schwieriger zu managen. Ein Unternehmen verspricht einen starken Jahresausblick und weckt Erwartungen bei den Aktionären. Doch wehe, die Sache geht schief. Dann drohen an der Börse extreme Kursabschläge, die weitaus heftiger ausfallen, als die Kursverluste nach einer defensiven Prognose. Und sie sind nur schwierig wieder aufzuholen.

Von Fröschen und Enten

Auch hierzu liefert Ernst & Young konkrete Zahlen: Erfolgt eine Gewinnwarnung, sackten die Kurse am folgenden Handelstag um durchschnittlich 6 % ab. Eine Woche später hatte sich die Lage meist noch verschlimmert. Hier mussten die Anleger mit durchschnittlich 7 % Kursabschlägen rechnen. Im umgekehrten Fall konnte sich der Aktienkurs am Folgetag um durchschnittlich 4 % verbessern, auf Wochensicht gar um 5 %.

„Nach wie vor werden Gewinnwarnungen von den Anlegern stärker bestraft, als Anhebungen der Prognosen belohnt werden“, kommentierte Steinbach die ermittelten Zahlen. Deswegen fahren Aktionäre auf lange Sicht mit vorsichtiger agierenden Unternehmen wohl unterm Strich besser. Das wird auch der Grund sein, warum sich dieses Prinzip derzeit in den Vorstandsetagen DAX-Konzerne großer Beliebtheit erfreut. Das Entlein, das sich in einen ansehnlichen Schwan verwandelt, ist eher nach dem Geschmack der Anleger als ein Prinz, der plötzlich zum Frosch verpufft.

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