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Das große Schweigen

Angesichts der historischen Vorgänge in der Eurozone, gewaltiger Umverteilungsmaßnahmen und zunehmenden Demokratieentzug ist es verdächtig ruhig auf den Straßen. Doch am Ende kann niemand sagen, er hätte das, was uns bevorsteht, nicht kommen sehen können.

 

Von Julian-Gabriel Konopka (ehemals Occupy Düsseldorf)

Als Wilhelm Hankel und Joachim Starbatty als D-Mark Nationalisten beschimpft wurden, habe ich geschwiegen, denn ich wollte kein D-Mark Nationalist sein.

 

Als Heiner Flassbeck vor den Ungleichgewichten innerhalb der Eurozone warnte, habe ich geschwiegen, denn ich wollte kein Anhänger eines Gutmenschen-Ökonomen sein.

 

Als Hans-Olaf Henkel als Euro-Sarrazin verunglimpft wurde, habe ich geschwiegen, denn ich wollte mich nicht mit Rechtspopulisten gemein machen.

 

Als Albrecht Müller vom Versagen unserer Medien, von Meinungsmache und Gehirnwäsche sprach, habe ich geschwiegen, denn ich wollte kein Verschwörungstheoretiker sein.

 

Als die Linkspartei unter die Beobachtung des Verfassungsschutzes gestellt wurde, habe ich geschwiegen, denn ich hatte Vorbehalte gegen die SED-Nachfolgepartei.

 

Als Stefan Homburg mit Griechenland-Anleihen spekulierte, habe ich geschwiegen, weil ich nicht an die grenzenlose Haftungsbereitschaft der Bundesregierung glaubte.

 

Als Hans-Werner Sinn das Target-Problem aufdeckte, welches ursächlich war für die offiziellen Rettungsschirme, habe ich geschwiegen, denn ich glaubte, wir retten unsere europäischen Freunde – nicht deren Geldgeber.

 

Als Wolfgang Bosbach von seiner eigenen Partei gemobbt wurde, nachdem er sich der Stimme für die Bankenrettungsschirme verweigerte, habe ich geschwiegen, denn ich glaubte, er betreibe Profilierung auf eigene Rechnung.

 

Als der Euro-Mitgliederentscheid von Frank Schäffler erkennbar manipuliert wurde, der drastische Schulden- und somit Gewinnschnitte für die Anleihebesitzer der Randstaaten vorsah, habe ich geschwiegen, denn meine Kanzlerin behauptete: „Scheitert der Euro, scheitert Europa“.

 

Als die Fraktionen des Deutschen Bundestags Norbert Lammert bedrängten, er möge den Kritikern innerhalb der Bundesregierung nicht länger das Wort erteilen, habe ich geschwiegen, denn ich hatte mich längst damit abgefunden, dass wir nicht mehr in einer Demokratie leben.

 

Als Max Otte schrieb, wir leben mittlerweile in einer Finanzoligarchie, begann ich, die Handlungsfäden miteinander zu verknüpfen, mein Schweigen zu brechen und auf die Straße zu gehen. Doch als ich das Spiel von „Teile und Herrsche“ hinlänglich begriff, mir die Dimensionen unserer Belastungen vergegenwärtigte und erkannte, wessen Vermögen wir über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) in Verbindung mit dem Fiskalpakt tatsächlich retten, gab ich mich wieder „Brot und Spielen“ hin. So wie es all jene tun, die den Leidensdruck entweder (noch) nicht spüren oder für die der Leidensdruck unerträglich geworden ist.

 

In den USA gehen die Professoren Chomsky, Stiglitz, Zizek und Graeber auf die Straße, unter weitaus gefährlicheren Bedingungen als bei uns. Und hier? „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“ (Johann-Wolfgang von Goethe). Das einstige Land der Dichter und Denker liegt im Tiefschlaf, während sich seine letzten wackeren Bundestagsabgeordneten und seine renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler im ideologischen Grabenkampf befinden. Unsere Begriffe sind verwirrt, unsere intellektuellen Bindekräfte versiegt, die Bevölkerung weithin verzagt, verblödet oder verzweifelt.

 

In wenigen Wochen werde ich meinen Wahlbogen für NRW in Händen halten. Ich werde ihn mitnehmen und als Lesezeichen für die Bücher all jener Kritiker verwenden, die nicht den Mut aufgebracht haben, auf der Straße Präsenz zu zeigen, ihre Worte zu wiederholen und gemeinsam das Schweigen in diesem Land zu brechen. Strecken wir die Waffen – die Gouverneure mögen übernehmen. Das ist der Preis für unsere Indifferenz.

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