Berlin im Ausnahmezuistand. Blackout seit Samstag. Ein Augenzeuge berichtet über die Zustände. "Ist wie im Krieg". Angeblich soll der Strom bis Donnerstag wieder da sein. Aber auch das ist nicht sicher.
Manchmal reicht ein einziges Gespräch, um die Distanz zwischen Statistik und Wirklichkeit zu zerreißen. Dieses Video tut genau das. Kein Studio. Keine wohltemperierte Sprache. Sondern ein Mann im Dunkeln, frierend, wütend, fassungslos. Und genau deshalb sehenswert.
Michael Mross spricht mit einem Betroffenen aus dem Berliner Südwesten, mitten aus dem Krisengebiet. Was dort geschildert wird, ist keine Randnotiz, sondern ein Lehrstück über Verwundbarkeit, politische Verantwortung und das fatale Auseinanderdriften von offizieller Erzählung und erlebter Realität.
Der Mann berichtet von stockdunklen Straßen, kreisenden Hubschraubern, klirrendem Frost. Von Wasserrohren, die platzen. Von alten Menschen, die aus Hochhäusern getragen werden müssen und auf Feldbetten landen. Von Einbrüchen, die im Schutz der Dunkelheit stattfinden. Von einem Alltag, der binnen Stunden außer Kraft gesetzt wird. Nicht in einem fernen Krisenstaat, sondern in Berlin.
Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem er beschreibt, wie die Kälte zum eigentlichen Gegner wird. Minus zehn, minus fünfzehn Grad. Mehrere Nächte. Eine Situation, die kein romantisches Blackout-Szenario ist, sondern ein schleichender Angriff auf Substanz, Gesundheit und Würde. Wer medizinische Geräte braucht, wer allein lebt, wer alt ist, der wird hier nicht abstrakt „betroffen“, sondern konkret gefährdet.
Der Gesprächspartner widerspricht auch der beruhigenden Zahlensprache. 45.000 Haushalte, sagt man offiziell. Er rechnet anders. Haushalte sind Menschen. Familien. Betriebe. Pflegeheime. Schnell kommt man auf 200.000 Betroffene. Und auf einen wirtschaftlichen Schaden, der weit über verdorbene Tiefkühltruhen hinausgeht.
Scharf fällt die Kritik an der politischen Führung aus. Der Berliner Senat habe versagt. Der neuralgischste Punkt des Stromnetzes sei mit einem Zaun geschützt gewesen. Kein Kameraauge, kein wirksamer Schutz. Eine Formulierung, die im Gespräch für ungläubiges Lachen sorgt, ein Lachen ohne Humor. Lob bekommen dagegen Polizei, THW und Netztechniker. Sie arbeiten. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist.
Ein besonders bitterer Punkt ist die Frage der Vorsorge. Notstromaggregate, so heißt es, seien knapp. Gleichzeitig wurden Tausende davon ins Ausland geliefert. Für den Betroffenen ist das kein Zufall, sondern eine politische Entscheidung mit Konsequenzen. Pflegeheime mussten geräumt werden. Menschen wurden verlegt, zurückverlegt, organisiert, desorganisiert. Ein logistischer Kraftakt, der viel Leid produziert.
Auch das Thema Entschädigung bleibt düster. Versicherungen sprechen von höherer Gewalt. Schäden bleiben an den Betroffenen hängen. Lebenslang Steuern gezahlt, im Ernstfall allein gelassen. Das ist der Satz, der im Raum stehen bleibt.
Dieses Gespräch ist kein fein ausbalancierter Kommentar. Es ist ein Stimmungsbild. Roh. Ungefiltert. Gerade deshalb wertvoll. Es zeigt, wie dünn die Komfortschicht geworden ist, auf der unsere Städte ruhen. Und wie schnell aus Verwaltung eine Bewährungsprobe wird.
Am Ende bleibt ein Satz hängen, fast leise gesagt. Die Quittung werde kommen. Bei den nächsten Wahlen. Ob das so ist, wird sich zeigen. Sicher ist nur eines: Wer dieses Video gesehen hat, wird das Wort „Blackout“ nicht mehr als technisches Problem verstehen.



