Dem Autor dieser Betrachtung, mittlerweile 72, beschleicht zunehmend das Gefühl, dass die Einschüchterung der Gesellschaft mutwillig geschieht.
Von Meinrad Müller
Erinnern wir uns an einen alten Schlager aus dem Jahr 1952 von Peter Alexander. Er wirkt beinahe zeitlos und formuliert, was wir auch heute erleben: „Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere“. Ein Satz, der wie eine Erklärung daherkommt und sagt, dass die süßen Kirschen für uns Kleine nicht bestimmt seien.
Hoffnungslosigkeit wird zur neuen Normalität erklärt, wodurch jene, die noch wagemutig große Schritte einschlagen könnten, sich ebenfalls zurückziehen. In summa zeugt dies von einer Welt, lebensschwer und frustrierend.
Heute erleben wir, dass nicht nur die süßesten Früchte ganz oben hängen, sondern zunehmend auch die ganz normalen. Dinge, die vor zwanzig Jahren selbstverständlich waren, gelten plötzlich als ehrgeizige Ziele. Ein sicheres Auskommen, eine bezahlbare Wohnung, das Gefühl, mit eigener solider Arbeit noch voranzukommen, Sicherheit im Alltag, werden nicht mehr als Normalität beschrieben, sondern als Anspruch. Und gleichzeitig wird uns erklärt, dass wir uns daran gewöhnen müssten, dass vieles davon für uns unerreichbar sei.
Es muss sich etwas ändern, damit alles bleibt, wie es war.
Die Früchte hängen ganz oben, so die Erzählung, und wer kleiner ist, muss eben warten und alle Hoffnung fahren lassen, wie Dante schrieb. Es ist ein Lied ohne Aufruhr, ohne Forderung, eines, das Akzeptanz nahelegt und uns Kleine einlullt. Das Tor zur Hölle ist weich gepflastert.
Doch wenn die Früchte oben hängen, bedürfte es nur einer Leiter. Einer langen Leiter, stabil genug, um den Graben zum Glück zu überwinden. Diese Leiter steht sinnbildlich für vieles, was auch heute noch existiert: für Bildung, für Engagement, für politische Teilhabe. Doch bereits der Versuch, Missstände zu beseitigen und ein Klima zu schaffen, in dem Wohlbefinden kein Ausnahmezustand ist, birgt Gefahren en masse.
Das hat Gründe.
Unsere Herkunft spielt eine Rolle, die soziale Lage ebenso. Wer aus einem Umfeld stammt, in dem Sicherheit wichtiger ist als Aufbruch, lernt früh, vorsichtig zu sein. Familien können Halt geben, aber auch bremsen, wenn der Wunsch nach Veränderung als Risiko empfunden wird. Und wer aus bestimmten Milieus stammt, kennt den spöttischen Blick, wenn jemand von anderen Höhen spricht. Man wird nicht offen aufgehalten, aber subtil erinnert, woher man kommt und wohin man angeblich gehört.
So wird der Gedanke an die Leiter stets begleitet von der Angst vor dem Fallen. Nicht nur vor dem eigenen Sturz, sondern vor dem Urteil der anderen. Wer scheitert, scheitert sichtbar. Also bleibt man lieber unten, erklärt sich selbst, warum das vernünftig ist, und akzeptiert, dass diese Früchte vielleicht gar nicht für einen selbst bestimmt seien.
Die süßesten Früchte sind selten nur für den Einzelnen gedacht.
Sie könnten der Familie zugutekommen, den Freunden, am Ende der Gesellschaft insgesamt. Fortschritt ist oft kein persönlicher Luxus, sondern ein kollektiver Gewinn.
Doch das öffentliche Klima erzählt etwas anderes.
In den Medien überwiegt das Scheitern, der Absturz, das Nicht-Gelingen. Was versucht wird, bleibt im Hintergrund, was misslingt, wird ausführlich behandelt. So entsteht eine Atmosphäre, in der Mut schnell als Leichtsinn gilt und Zurückhaltung als Klugheit. Die Leiter wird nicht als Werkzeug gesehen, sondern als Risiko.
Wer sich politisch äußert, in Wort und Schrift, wie der Autor es seit Jahren tut, begibt sich heute auf dünnes Eis. Deshalb ist gerade hier die Konkurrenz geringer, weil offenes Eintreten gefährlich werden kann. Und an Orte ohne WLAN möchte niemand deportiert werden.
Gerade im Politischen zeigt sich diese Haltung besonders deutlich
Es gäbe Wege, Dinge zu verändern, Ungleichgewichte abzubauen, Lebensbedingungen zu verbessern. Doch viele ziehen sich zurück, weil Politik als rutschige Leiter erscheint, auf der man nur verlieren kann. Also schaut man zu, wie andere scheinbar mühelos an die Früchte gelangen, als bräuchten sie keine Leiter, sondern hätten einfach einen längeren Hals. Diese „großen Leute“ wirken dann wie eine eigene Kategorie, während die Mehrheit unten bleibt und erklärt, warum all das unvermeidlich sei.
Dabei ist die Welt voller Beispiele von Menschen, die trotz schwieriger Umstände den Aufstieg gewagt haben. Nicht weil sie keine Angst hatten, sondern weil sie den Nutzen höher gewichteten als das Risiko. Oft nicht für sich allein, sondern für andere. Ohne Pathos, ohne Heldenerzählung, einfach, weil jemand irgendwann beschlossen hat, die Leiter doch anzulehnen.
Dieser Schlager ist kein Vorwurf, sondern ein Spiegel. Er zeigt, wie leicht wir akzeptieren, dass die Früchte nichts für uns Kleine bestimmt sind.
Nicht jeder wird oben ankommen. Nicht jede Leiter hält. Aber vieles, was heute als unerreichbar gilt, bleibt vor allem deshalb außer Reichweite, weil wir zu früh gelernt haben, dass es normal sei, unten zu bleiben.
Und das kann politisch auch so gewollt sein.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



