Beides sind Schwergewichte, doch während der erste die Friedfertigkeit in Person ist, geht es bei der Wahl (mit „h“ in der Mitte) mit Hauen und Stechen zu.
Von Meinrad Müller
Die friedlichen Riesen der Meere
62 Arten von Walen soll es geben. Kleine, große und ganz große. Der größte ist der Blauwal. Er kann über 30 Meter lang werden und ein Gewicht von mehr als 150 Tonnen erreichen, was nicht einmal Kanzler Kohl schaffte. Er lebt friedlich und ganz ohne Ratschläge vom Festland, speziell aus Berlin.
Einmal im Jahr macht so ein Wal gewissermaßen Urlaub. Er schwimmt dorthin, wohin ihn seine innere Uhr führt. Ganz ohne GPS und ganz ohne Navi. Dort frisst er sich den Bauch voll mit Krill und kleinen Fischen. Danach zieht er weiter, leise, gewaltig und ohne Pressekonferenz.
Wenn Schiffe seine Route stören
Ansonsten ist so ein Wal ein friedlicher Zeitgenosse. Er beißt keine Delfine und jagt keine Haie. Er ist einfach nur da und genießt die Ruhe des Meeres. Wenn da nicht die Geräusche der Schiffe wären. Das Dröhnen der Motoren, das Hämmern der Schiffsschrauben und der Lärm unter Wasser können selbst ein großes Tier aus dem Takt bringen.
Dann verliert er die Richtung. Er wird von seiner Route abgebracht. Plötzlich wird er hingescheucht, wo er eigentlich nicht hingehört. Von der Nordsee bis in die Ostsee. Zwischen Fähren, Frachtern, Ausflugsbooten und Menschen, die sofort wissen, was zu tun ist. Die einen wollen retten, die anderen warnen, die nächsten filmen.
Auch Deutschland im politischen Flachwasser
Der Wahl-Timmy in der Ostsee hat uns eindringlich gezeigt, wie schnell Menschen ihre Hilfsbereitschaft aktivieren können. Kaum liegt ein großes, hilfloses Wesen am falschen Ort, sind Boote, Helfer, Experten und Schaulustige zur Stelle. Da wird gezogen, geschoben, beraten und gehofft. Jeder versteht sofort: Dieses Tier gehört nicht auf die Sandbank. Es muss zurück ins freie Wasser.
Deutschland gestrandet auf der Sandbank
Genau diese Hilfsbereitschaft täte auch unserem Land gut. Deutschland scheint ebenfalls von seiner Route abgekommen zu sein. Unfähiger Kapitän und unfähige Mannschaft. Zu viele Geräusche, zu viele Parolen, zu viele Sirenen aus Berlin. Hier ein Alarm, dort ein Programm, da ein Sondervermögen, dort wieder eine neue Erklärung, warum alles genau so bleiben müsse. Wer so lange beschallt wird, verliert irgendwann den Kurs.
Nur erleben wir keine hilfsbereiten europäischen Nachbarn, die uns am Schopf aus dem Schlamassel ziehen würden. Kein dänischer Fischer, kein schwedischer Seenotretter und kein beherzter Küstenbewohner von den vielen Stränden Europas wird kommen und Deutschland zurück in tiefes Wasser schieben. Dieses Land muss sich selbst helfen.
Neuwahlen als Rückweg ins freie Wasser
Eine Neuwahl wäre die Lösung, um das Land wieder flottzumachen. Doch anscheinend wartet man lieber auf einen neuen Wal (ohne „h“ in der Mitte), der sich verirrt. Dann hätte man wieder ein Medienthema, der von den größeren Problemen ablenkt. Doch wer politisch auf Grund gelaufen ist, sollte nicht die Sandbank zur neuen Heimat erklären. Er sollte fragen, wie er wieder ins Wasser kommt.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht nur neue Wale, sondern tatsächlich Neuwahlen. Der Wal hatte wenigstens Helfer am Strand.
Deutschland hat nur Berlin, und das ist bereits der eigentliche Notfall.
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