Der ältere deutsche Wutbürger ist in seiner übergroßen Mehrheit akademisch gebildet, kommt meist aus technischen und Ingenieurberufen und ist großenteils männlich, kinderlos, konfessionslos.
Kommentar in der "WELT"
Der Rebell, wir meinten ihn zu kennen: junger Hitzkopf auf der Barrikade. Dann sahen wir den Aufstand gegen Stuttgart 21 und ähnliche Aktionen überall im Land: soignierte ältere Herren, wohlformulierte Protestnoten vortragend, voller Wut auf die „Scheindemokratie“.
Aha, dachten wir, die 68er sind alt geworden, nun wollen sie ihre Ruhe und revoltieren gegen alles, was diese Ruhe stört: gegen den tiefer gelegten Stuttgarter Bahnhof, gegen Fluglärm über den stillen Villen von Berlin-Wannsee, gegen Stromtrassen und Belästigungen aller Art. Ihr wollt ein Deutschland als Seniorenresidenz, dachten wir.
Wäre es so, es wäre bloß albern. Ist es aber nicht. Es ist nämlich nicht der als Oberstudienrat oder Soziologieprofessor ergraute 68er, der in Stuttgart und anderswo auf den Putz haut, es ist der bislang so stille Held des deutschen Welterfolgs: Es ist der deutsche Ingenieur. Eine neue Studie beweist es schlagend. „Bürgerproteste in Deutschland“ heißt sie und hat im Auftrag des Göttinger Instituts für Demokratieforschung dieses völlig neue Phänomen untersucht: Alte im Aufstand.
Grob gesagt, lautet die Göttinger Erkenntnis: Der ältere deutsche Wutbürger ist in seiner übergroßen Mehrheit akademisch gebildet, kommt meist aus technischen und Ingenieurberufen und ist großenteils männlich, kinderlos, konfessionslos. Wenn wir den ersten Impuls („Ja, dann kauft euch halt einen Dackel!“) unterdrücken, geraten wir ins Staunen. Kein Gott, kein Kind, kein Stuttgart 21 – was für eine traurige, trostlose Parole. Wer will so leben?



