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Wahl in Italien: Was erlaube Volk?

Italienische Populisten begehen schweres Verbrechen: Sie wählen an Brüssel vorbei. - Wer jetzt noch immer nicht begriffen hat, dass über Jahrzehnte angehäufte Schuldenberge – obendrein im Schnellkochtopf einer fehlkonstruierten Währungsunion zu einem explosiven Süppchen verdichtet – sich nicht einfach houdinisieren werden, der wird aus seinem Koma wohl nicht mehr erwachen.

 

von Axel B.C. Krauss

„Die Italiener sagen ‚Basta‘ zu Europa“ – wen überraschen solche Totschlagzeilen unserer Medienschänder eigentlich noch? Nein, sie sagen eben nicht nein zu „Europa“. Sie sagen nein zu Brüssel, sie sagen nein zu einer EU, die wie ein mit Helium gefüllter, riesiger Zeppelin weit über den Europäern schwebt, der sie, ganz wie die Luftschiffe aus Ridley Scotts düsterer Zukunftsvision „Blade Runner“, einer Verfilmung von Philip K. Dicks „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“, aus Lautsprechern und von Videoleinwänden herab unablässig mit Propagandabotschaften beduselt. Ein Filmkritiker schrieb einmal über Scotts genreprägendes Scifi-Meisterwerk, seine Inszenierung mache einen so überzeugenden Eindruck, dass man fast meinen könnte, es handele es sich um einen Dokumentarfilm aus der Zukunft, keine Fiktion, keinen Spielfilm.

 

Womit er im übertragenen Sinne auch völlig richtig lag. In der Geschichte ging es um einen allmächtigen Konzern, der so gut wie alle Lebensbereiche der Menschen beherrscht. Diese „Tyrell-Corporation“ ist zudem der weltgrößte Produzent sogenannter „Replikanten“, synthetischer Menschen beziehungsweise Androiden, die durch Implantierung künstlicher Erinnerungen eine menschliche Vergangenheit vorgespiegelt bekommen. Der Protagonist, ein Kopfgeldjäger namens Rick Deckard, bekommt im Verlauf der Handlung – auf der Jagd nach abtrünnigen Replikanten – immer größere Zweifel an seiner Identität: Bin ich ein Mensch oder ein Android, ein synthetisches Geschöpf mit ebensolchen Erinnerungen? Scott und sein Produktionsdesigner Lawrence G. Paull visualisierten die Omnipräsenz und Omnipotenz des Konzerns kongenial, indem sie strukturelle Elemente des zentralen, riesigen Firmenkomplexes, der wie eine gigantische Pyramide in den Himmel ragt, auch in die Innenarchitektur von Deckards Wohnung einarbeiteten, um die erdrückende Allgegenwärtigkeit des Machtmonsters fühlbar zu machen.

 

Ersetzt man „Tyrell“ durch „Brüssel“, kommt man der heutigen Situation in Europa schon recht nahe. Man braucht zum Beispiel nur das alberne Propagandafilmchen der EU unter die Lupe zu nehmen, das vor kurzem veröffentlicht wurde: Künstliche, falsche Erinnerungen, mit denen man zu suggerieren versuchte, Europa habe sich vor EU und Euro noch in urzeitlichen Schleimtümpeln gesuhlt, als hätten erst die technokratischen Machteliten etwas Licht und Fortschritt in einen dunklen Kontinent gebracht. Der politische Einfluss ist bereits bis in die Wohnzimmer und Heizungskeller spürbar; demnächst wohl auch im Badezimmer, fehlen nur noch Küche und Garten.

 

Viele Italiener haben der Technokratenherrschaft nun eine klare Absage erteilt. Sie haben vermutlich auch die Nase voll davon, schwerkriminelle Goldman-Sachs-Banker als Premierminister vorgesetzt zu bekommen, die sich mit ihren Kollegen darüber absprechen, wie man Steuerzahler möglichst geschickt abzocken kann – so wie im Falle des jüngsten, großen Skandals um die Banca Monte Dei Paschi geschehen, in dem die „Mario Bros.“ wenig überraschend zwei tragende Rollen spielten. Kein Wunder, dass Monti von deutschen Blättern aus garantiert politisch kontrolliertem Abbau kritischen Denkvermögens überwiegend als armer, unschuldiger Verlierer der Wahl porträtiert wird. Wer gerade ein Glas Limonade trinkt oder an einer Tasse Kaffee nippt, möge sicherheitshalber erst schlucken: Hochfinanz- und EU-Muppet Monti sei ein „ehrlicher Reformer“, hieß es im Feuilleton (muss hier übersetzt werden mit „Fauler Ton“) eines bekannten deutschen Klatsch- und Quatschblattes.

 

Ebenso wenig überraschend natürlich, dass hierzulande sofort das übliche Zeigefingergefuchtel die lauwarme Luft in den Köpfen ganz erschrockener Zeitungsmacher durchschnitt, um in gewohnt seelenloser Diffamierungsrobotik einem Beppe Grillo zu bescheinigen, ein – Achtung Kreativitätswettbewerb, jetzt komm ich – „Populist“ zu sein. Macht aber nichts, schließlich kann heutzutage schon Ballettregie „populistisch“ sein (sic!). Vergesst den McCarthyismus. Der McPopulismus ist um Welten durchgeknallter, aber irgendwie auch lustiger.

 

Überaus verständlich auch, dass man „den Italienern“ nun für ihr politisch unkorrektes Wahlverhalten die Schuld an den dadurch ausgelösten „Turbulenzen“ an den Börsen gibt, an der „Angst“ und der „Nervosität“ vor einem Zerfall der Eurozone, der längst keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann ist. Wer jetzt noch immer nicht begriffen hat, dass über Jahrzehnte angehäufte Schuldenberge – obendrein im Schnellkochtopf einer fehlkonstruierten Währungsunion zu einem explosiven Süppchen verdichtet – sich nicht einfach houdinisieren werden, der wird aus seinem Koma wohl nicht mehr erwachen.

 

Und falls es immer noch Leute geben sollte, die sich die Augen reiben, weil sie das seltsame Verhalten von Massenmedien zur politischen Enthaarungszeit (und zum finanziellen Offenbarungseid) einfach nicht fassen können, dann dürfte denen ein Zitat des Nahost-Experten und Publizisten Christoph Hörstel sicher Linderung verschaffen. Der Mann war mehr als 20 Jahre lang für die Öffentlich-rechtlichen als Auslandskorrespondent tätig, hatte also ausgiebig Gelegenheit, die Strukturen aus der Nähe kennenzulernen.

 

Hörstel: „Also, eine Tatsache im öffentlich-rechtlichen System, und inzwischen auch in unseren Mainstreammedien, ist nur das, was vom Kanzleramt gewünscht ist, vom Chefredakteur befohlen wird und was auf der Linie Washingtons liegt. Wir sind im Prinzip medienmäßig längst ein Sowjetsystem geworden. Wenn wir uns jetzt also diese Sachen anhören“ – Hörstel bezieht sich damit auf die Werbekampagne von ARD und ZDF „Wir sind ...“, in der es hieß, guter Journalismus bedeute, die Fakten zu kennen – „dann müssen wir deshalb herzlich lachen, weil es ein Thema gibt, auf dem diese Herren garantiert nicht sattelfest reiten können – und das sind Fakten. Nur wenn man Fakten geflissentlich übersieht, kommt man zu der Sorte Berichterstattung, die wir heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen haben. Wenn Sie als junger Redakteur erkennen lassen, dass Sie sich für Tatsachen interessieren und dass Sie möglicherweise sogar besser informiert sind als Ihr Chef, was die tatsächliche Faktenlage angeht, dann werden sie nicht mehr befördert. Also solche Leute drückt das System zur Seite, und wenn sie nicht aufhören zu arbeiten, dann drückt es sie auch raus. Sie kommen gar nicht nach oben. Sollten Sie als Chefredakteur sozusagen plötzlich die Wahrheit entdecken durch irgendeinen Anlass, und sollten sie anfangen zu versuchen, ehrlich zu arbeiten, dann wird man Sie zunächst absetzen und dann wird man auch versuchen, Sie aus dem System herauszubefördern, denn das System hat eine hohe innere Geschlossenheit und es hat auch Pfründe, also ganz gute Gehälter zu verteilen. Und dann haben Sie ja das berühmte System von ‚Teile und herrsche‘, das heißt, Sie kommen ja sowieso nur hoch, wenn Sie irgendeiner großen politischen Partei, SPD, CDU, sagen: Ich bin euer Mann. Sie müssen aber schon 100-mal gelogen haben, bevor Sie, wie soll man sagen, ernstgenommen werden auf dem Sektor, für diese Partei. Und dann müssen Sie auch schon Nachrichten unterdrückt haben, die dieser Partei nicht angenehm waren, Sie müssen einen ganzen ‚Record‘, eine Karriere der Fehlberichterstattung haben. Dann bekommen Sie solche Posten. Und dann passiert es Ihnen, dass Sie plötzlich was Wahrheitsgemäßes behaupten und versuchen, wie soll man sagen, das Ruder herumzureißen oder sonst irgendwie gegenzusteuern; dann werden Sie Ihre politischen Feinde, die Sie im Sender haben, die Leute, die gerne Ihren Posten hätten, ohnehin schon am Hals haben. Niemand interessiert sich in diesen Läden für die Wahrheit.“

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