Die Losung ist ganz einfach: Wir schwenken auf eine Geldpolitik um, die in dieser Aggressivität noch niemals zuvor angewendet wurde – selbst in einem Zeitalter, wo alle Notenbanken die Bodenhaftung anscheinend verloren haben und sich gegenseitig mit neuen Ideen zur Steigerung der Aggressivität der Geldpolitik überbieten.
Von Carsten Englert
Es klingt schon märchenhaft. Da darbt ein Land über Jahrzehnte in einer Deflation und dadurch auch in einer wirtschaftlichen Stagnation. Das Land strampelt sich ab und kann sich nicht aus dem Sumpf befreien. Lähmende 21 Jahr hängt das Land in den Seilen. Doch dann kam der große Retter. Shinzo Abe war kein tapferer Ritter und auch kein tapferer Samurai. Doch Abe ist ein mutiger kleiner Kämpfer, der glaubt, den heiligen Gral der Wende gefunden zu haben! Die Losung ist ganz einfach: Wir schwenken auf eine Geldpolitik um, die in dieser Aggressivität noch niemals zuvor angewendet wurde – selbst in einem Zeitalter, wo alle Notenbanken die Bodenhaftung anscheinend verloren haben und sich gegenseitig mit neuen Ideen zur Steigerung der Aggressivität der Geldpolitik überbieten – und haben schon gewonnen!
Die völlige Hemmungslosigkeit der Notenbank löst Inflationsängste bei den Verbrauchern aus. Diese geben endlich ihre Konsumzurückhaltung auf und die Wirtschaft wächst wieder. Unterstützt wird das Ganze natürlich noch dadurch, dass der Japanische Yen ins Bodenlose fällt und die stark exportorientierte Wirtschaft dadurch einen zusätzlichen Schub erfährt. Angenehmer Nebeneffekt: Die Steuereinnahmen steigen und Japan kann ganzeinfach sogar noch seine wahnwitzige Rekordverschuldung von mehr als 200 Prozent des BIPs abtragen. Klingt zu schön um wahr zu sein!
Tatsächlich ist das ganze kein Märchen, der im Dezember neu gewählte Ministerpräsident Japans Shinzo Abe hat seine Idee zur Rettung der japanischen Wirtschaft in die Tat umgesetzt. Dabei hat diese Woche gezeigt, dass die Notenbank noch aggressiver vorgeht als zunächst erwartet und auch von der Notenbank selbst angekündigt. Dieser Überraschungseffekt hat diese Woche den Yen nochmals im freien Fall in die Tiefe stürzen lassen und den Nikkei ebenfalls weiter nach oben katapultiert. Diese strebt nun mit alle Macht sogar an den übergeordneten Abwärtstrend, der bei etwa 14.000 Punkten notiert und nun sogar schon 22 Jahre Bestand hat! Dass die Maßnahmen zumindest zunächst auch Wirkung zeigen, verwundert jedoch nicht, wenn man sich mal anschaut, wie beispielslos die Bank of Japan vorgegangen ist. Die BoJ hat doch glatt einen Kulturbuch gewagt und hat den Leitzins als Maßstab für die Geldpolitik beerdigt. Die BoJ will sich künftig ausschließlich an der Geldmenge ausrichten. Da ist die Vorgabe: Die Geldmenge soll sich bis 2014 – also in wenigen Monaten!!! – auf 270 Billionen Yen (etwa 2,1 Billionen Euro) verdoppeln. Zudem wird die Bankennotenregel aufgehoben. Diese Regel besagte, dass das Volumen der Staatsanleihen das Volumen der umlaufenden Banknoten nicht übersteigen darf.
Doch das ist ein Spiel mit dem Feuer, da sollte man sich nicht von den ersten kurzfristigen Erfolgen verblenden lassen. Was ist, wenn die Inflation tatsächlich ins Traben kommt? Die Gefahr ist groß, dass es, vor allem wenn der Plan funktioniert und die Wirtschaft dadurch gut in Schwung kommt, eher zu einer galoppierenden anstatt einer trabenden Inflation kommt. Doch dies ist auch Gift für eine Volkswirtschaft. Nur ein gesundes Maß an Inflation ist gut für die Wirtschaft. Doch da die Notenbank keine Glaubwürdigkeit mehr als Hüter der Geldwertstabiliät hat, bleiben ihr dann als Gegenmaßnahmen nur harte Einschnitte. Dann wird die Geldpolitik wieder den Leitzins als Werkzeug nutzen müssen. Die Zinsen werden massiv steigen. Doch das erhöht dann auch die Zinslast für den hoffnungslos überschuldeten Staat.
Am Anleihenmarkt könnte sich eine gigantische Blase bilden, die dann in einem fürchterlichen Inferno platzen würde. Denn wenn die Renditen steigen, müssen im Umkehrschluss die Kurse der laufenden Anleihen sinken. Neu emittierte Anleihen – und Japan muss jedes Jahr gigantische Volumen an Anliehen begeben – werden kaum noch bezahlbar sein. Doch wenn die Kurse der Anleihen implodieren, wird das wiederum auch die Wirtschaft in den Würgegriff nehmen. In keinem anderen Land spielen Staatsanleihen eine so große Rolle für die Altersvorsorge wie in Japan. Platzt die Blase, dürften viele ältere Japaner in Panik verfallen und ihre Anleihen schnell veräußern, um wenigstens einen Teil des eigenen Vermögens zu retten. Der Crash am japanischen Bondmarkt würde noch heftiger und noch blutiger ausfallen. Das wiederum würde auch in Japan, die Banken, die ja auch kräftig in Staatsanleihen investiert sind, reihenweise wie Dominosteine umpusten. Es ist keine schöne Vorstellung. Aber Abe geht einen gefährlichen Weg!
Sollte es tatsächlich zur größtmöglichen Komplikation mit dem Mega-Crash am japanischen Anleihenmarkt kommen, dürften die Folgen für Japan mindestens genauso massiv und langwierig werden wie 1991 die geplatzte Immobilienblase. Japans Wirtschaft ist dabei so groß, dass die Erschütterungen auch in New York; London und Frankfurt heftig zu spüren werden. Hoffen wir mal, dass uns diese nächste gigantische Krise erspart bleibt und es nur zu einer kontrollierten und kontrollierbaren Inflation kommt. Der Markt hat dieses Szenario übrigens in den letzten Tagen auch schon mal innerlich durchgespielt. Der japanische Anleihen-Future erlitt einen unüblichen Kursrutsch und rutschte innerhalb eines Handelstages um einen vollen Punkt, sodass der Handel ausgesetzt wurde. Ein erster Warnschuss?



