Hoeneß hat dem Aufsichtsrat nicht angeboten, die Ämter ruhen zu lassen. Der Aufsichtsratsvorsitzende des FC Bayern München hat die Entscheidung direkt ans Gremium delegiert. – Corporate Governance-Experten kritisieren das Vorgehen des Bayern-Aufsichtsrats.
Entgegen der offiziellen Pressemitteilung vom vergangenen Montag hat Bayern-Präsident und Aufsichtsratschef Uli Hoeneß den übrigen Mitgliedern des Kontrollgremiums nicht unmittelbar angeboten, seine Ämter ruhen zu lassen. Nach Informationen der „Welt“ aus dem Umfeld des Aufsichtsrates soll Hoeneß vielmehr gesagt haben: Wenn der Aufsichtsrat es wolle, werde er sein Amt ruhen lassen, bis die Behörden entschieden haben.
Die Pressemitteilung vom vom frühen Montagabend noch aus der laufenden Aufsichtsratssitzung konnte zumindest zweideutig verstanden werden. Darin hieß es: „Uli Hoeneß hat dem Aufsichtsrat angeboten, das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden ruhen zu lassen, bis die zuständigen Behörden über die strafbefreiende Wirkung seiner Selbstanzeige entschieden haben." Der Aufsichtsrat habe daraufhin nach intensiver Diskussion einvernehmlich entschieden, dass Uli Hoeneß das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der FC Bayern München AG weiter ausüben soll.
Hoeneß hat allerdings nicht zunächst für sich eine Entscheidung getroffen und ist dann vom Aufsichtsrat umgestimmt worden. Vielmehr hat er sofort die Entscheidung an den Aufsichtsrat delegiert und somit kein Angebot unterbreitet. Die Mitglieder des Gremiums haben jederzeit das Recht, ihren Vorsitzenden abzuwählen, wenn sie es denn wollen. „Da hat der Aufsichtsrat bei der Kommunikation nicht aufgepasst“, sagt eine mit den Vorgängen vertraute Person: „Die Pressemitteilung gibt nicht richtig wieder, wie es wirklich war.“
Nach Informationen der „Welt“ war die Pressemitteilung schon weitgehend formuliert, als die Aufsichtsratssitzung am Montag, 16.00 Uhr, in einer Loge in der Allianz-Arena begann. Schon um 17.40 Uhr lief die Nachricht über die Ticker. Vieles spricht dafür, dass die Vorentscheidung im Gesellschafterausschuss bereits getroffen war, bevor die Sitzung begann. Dem gehören Hoeneß selbst sowie Adidas-Chef Herbert Hainer und Rupert Stadler, der Vorstandschef von Audi, an.
Mit den Informationen der "Welt" konfrontiert, lehnte der Sprecher des FC Bayern jeglichen Kommentar ab.
Der PR-Coup könnte allerdings noch zum Eigentor werden. „Das ist eine unglückliche Entscheidung“, sagt Corporate-Governance-Experte Christian Strenger. „Es ist nicht gut, wenn ein Aufsichtsrat zu erkennen gibt: So schlimm ist eine zugegebene Steuerhinterziehung ja nicht“. Strenger ergänzt: „Es ist nicht konsequent, wenn Vorstandschefs in den großen Konzernen auf Sauberkeit achten und dann als Aufsichtsräte beim FC Bayern die Zügel locker lassen.“ Gemeint sind damit neben den Unternehmenschefs Hainer und Stadler auch Timotheus Höttges (Deutsche Telekom) und Martin Winterkorn (VW).
Andere Experten pflichten bei: „Es wurde die Chance verpasst, eine professionelle und angemessene Aufsichtsratskultur zu pflegen“, beklagt Axel Smend, Beiratsvorsitzender der Deutschen Agentur für Aufsichtsräte: „Der Aufsichtsrat hätte Hoeneß dazu bewegen müssen, sein Amt ruhen zu lassen, bis die Dinge geklärt sind. Jemand, der in einem laufenden Strafverfahren steckt, hat einfach an der Spitze eines Aufsichtsratsgremiums nichts zu suchen.“ Birgit Galley, Direktorin der School of Governance, Risk & Compliance an der Steinbeis-Hochschule Berlin, sagt, ohne damit mit dem Finger allein auf Uli Hoeneß zeigen zu wollen: „Man kann nicht glaubhaft dafür eintreten, dass Mitarbeiter bestimmte Regeln einhalten, wenn Verstöße an der Spitze durchgewinkt werden.“



