Champagnerlaune an den Weltbörsen. Banken weiter mit Problemen. EZB-Zinssenkung führt zu einem DAX-Allzeit-Hoch. Notenbanken mit gefährlicher „Drogenpolitik“. Fiskalbremse adé? Reflation statt Inflation. Great Rotation ante portas. G 20-Vorsitz Russlands mit neuen Impulsen?
von Andreas Männicke
Die Sektkorken knallen! Nach der erwarteten Zinssenkung der EZB von 0,75 auf den historischen Niedrigststand von 0,5% erklomm der DAX nun endlich auch ein neues Allzeit-Hoch, was der MDAX schon lange vorher vorgemacht hatte. Das alte DAX-Allzeithoch lag bei 8152 Indexpunkten. Jetzt liegt der DAX schon bei über 8250 Indexpunkten und es werden jetzt neue Kursziele von 9000 noch in diesem Jahr aufgerufen. Bei aller Freude wird dabei immer vergessen, dass der DAX ein Performanceindex ist, wo die Dividendenerträge mit einberechnet werden. Würde man diese abziehen so wie beim Dow Jones oder S&P-Kursindex, dann wäre der DAX erst bei etwa 6000 Indexpunkten. Umso besser performen aber die US-Indices im Vergleich zum DAX.
Der DAX Rekord darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Aktien nahe ihrer Tiefststände notieren. So beispielsweise die Commerzbank. Deutschlands zweitgrößte Bank notierte heute umgerechnet sogar unter einerm Euro auf Rekordtief. Ob die Kapitalerhöhung die Bank retten kann, wird die Zukunft zeigen. Solange die Euro-Krise nicht gelöst ist, dürften es Finanzinstiute weiter schwer haben. Bei der Deutschen Bank sieht es zwar etwas bessser aus, aber auch diese Aktien ist meilenweit von Rekordständen entfernt - genauso wie die Telekom oder die Versorger.
Das große Kapital fließt jetzt mehr in die etablierten Weltbösen und nicht in die Emerging Markets, obwohl diese schneller wachsen und geringer verschuldet sind. Man sucht die Sicherheit in der Liquidität. Alle diese Kursbewegungen an den großen Weltbörsen aus den USA, Asien und Europa sind zum großen Teil den Notenbanken durch das fortgesetzte Geldrucken (neudeutsch: „quantitative easing“, kurz: QE), also unkonventionellen Notenbankmaßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft zu verdanken. Dazu gehören auch Anleihenkäufe von Schrottanleihen zur Vermeidung von Staatsbankrotten, was die Bilanzsummen enorm erhöht, aber auch mehr Risiken in die Bücher der Notenbanken verbringt. Dieses frische Geld fließt zum Teil auch an die Börse, aber nicht in die Wirtschaft. So verpuffen die Effekte von Zinssenkungen – zur Freude der Aktionäre.
Dabei sind schlechte Nachrichten im Moment gute Nachrichten für die Weltbörsen, denn die Anleger setzen dann weiter auf die Fortsetzung des QE, so dass es eine liquiditätsgetriebene Hausse gibt. So malte der EZB-Chef Draghi ein sehr düsteres Konjunkturbild in Südeuropa, was auch einer der Gründe für die Zinssenkung ist. Dabei nähert sich Frankreich immer mehr dem Südeuropa-Dilemma an, weniger zu wachsen und sich mehr zu verschulden und das bei steigender Jugendarbeitslosigkeit. Der Nord-Süd-Konflikt nimmt damit in Europa immer mehr zu und ob Deutschland als einzige Konjunktur-Lokomotive den zukünftigen Belastungen standhalten wird, muss abgewartet werden. Der IFO-Geschäftsklima-Index war zuletzt gefallen.
Dabei hat Draghi sein Pulver noch nicht verschossen. Er droht zur Not auch Negativ-Zinsen bei der EZB an. Damit steht Draghi aber nicht im Einklang mit der Deutschen Bundesbank, die auch gegen die Zinssenkung votierte. Anders als bei der FED gibt es bei der EZB aber keine veröffentlichten Sitzungsprotokolle, was für Intransparenz und Unbehagen sorgt.
Die meisten Industrieländer sind überschuldet und freuen sich über die niedrigen Zinnsätze und die finanzielle Repression, also den fast unmerklichen Schuldenabbau über negative Realzinsen und bzw. einer Inflationsrate, die über den durchschnittlichen Zinssätze liegt. Damit verliert der Sparer an Kaufkraft und fast unmerklich auch an realem Vermögen. Allein dadurch werden sich die Schuldenprobleme aber nicht auflösen können. Wir sind bei einer Rendite von etwa über 1% im 10-jährigen Bereich im Moment fast am Ende des Anleihen-Bubbles in den USA und in Deutschland, was zu einem Anlagennotstand bei Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen führt. Dies führt auch wieder zu der Überlegung der „Great Rotation“, die möglicherweise schon in den USA und in Deutschland begonnen hat.
Hinzu kommt nun die Dividendensaison und die Rekord-Unternehmensliquidität bei vielen Top-Unternehmen (bei Apple alleine 170 Mrd USD!). Dies könnte die Aktienmärkte weiter stützen. Gefährlich wird es erst, wenn die Droge „QE“ von den Notenbanken nicht mehr verabreicht wird. Dann erwarte ich einen Crash oder einen Baisse, zumindest aber erhöhte „Volatilität“, die jetzt so niedrig ist wie schon lange nicht mehr. Das wird sich ändern. Noch werden schlechte Nachrichten aber als gute Nachrichten interpretiert, weil dann mit einer Fortsetzung der Drogenpolitik der Notenbanken gerechnet wird.
Die G20 hätte eigentlich die jetzt wichtig Aufgabe, für eine Art Weltpolizei zu sorgen und selbst ein „Rat der Weisen“ zu sein, der zu einer Stabilisierung der globalen Kapitalmärkte beitragen kann oder zumindest dafür Anregungen machen wird. Russland hat in diesem Jahr den Vorsitz der G 20 und kann damit auch eigene Impulse geben.
Zu diskutieren wäre, was passiert, wenn die Drogenpolitik der Notenbanken ein Ende hat, wenn die Inflation wieder zunimmt, wenn das Wachstum unterdurchschnittlich bleibt, wenn Protektionismus wieder zunimmt, wenn der Spagat Schuldenabbau (Fiskalbremse) und Wachstum nicht gelingt (wie in Südeuropa) bzw. wie der Spagat besser gelingen kann, wie die Bilanzsummenausweitung der Notenbanken wieder zurückgeführt werden kann, was bei einem Schuldenschnitt von überschuldeten Ländern à la Griechenland passiert (Dominoeffekte), wie Banken ausreichend zu kapitalisieren und zu stabilisieren sind, noch wichtiger: wie ein Bankenrun vermieden werden kann, wie Schattenbanken und Hedgefonds besser zu kontrollieren sind, wie der 700 Billionen USD-Derivate Markt unter Kontrolle zu kriegen ist, der zu 90% ein OTC Markt ist, wie der 22 Billionen USD Steueroasen-Markt zu regulieren ist (Stichwort Datenaustausch, Vermeidung eines Kollaps à la Zypern), wie Währungskriege und Protektionismus zu vermeiden sind, wie soziale Ungleichgewichte besser in Balance zu bringen sind, wie Verteilungskonflikte besser zu lösen sind, wie die Eigenkapitalbildung gefördert werden kann, wie Wohlstandsteigerungen herbeigeführt werden können und vor allem wie der Weltfrieden erhalten bleiben kann ohne geopolitischen Machtspiele (Iran-Atomproblem, Nordkorea, Syrien etc).
Putin, es ist fünf vor 12!
Putin sollte auf dem G 20-Gipfel ein Machtwort sprechen, denn die Instabilität der unkontrollierten Finanzmärkte kam vom Westen und nicht dem Osten. Auch die Kooperation der Emerging Markets untereinander sollte verstärkt werden. Das Motto des nächsten G 20-Gipfels sollte sein: es gibt viel zu tun – packen wir es gemeinsam an, denn die Weltwirtschaft steht vor großen Herausforderungen, die nur gemeinsam zu lösen sind. Dabei sollten die finanzstarken Länder den finanzschwachen Ländern helfen. Russland selbst ist durch die Rohstoffabhängigkeit sehr verwundbar und müsste daher auch im eigenen Interesse ein präventives Anti-Krisenmanagement entwickeln. Das globale Finanzsystem ist sehr fragil und wird im Moment durch die Drogenpolitik der Notenbanken vor dem Auseinanderbrechen bewahrt.
Man sollte jetzt einen Rat der Weisen schaffen und Ausschüsse bilden, die dem Rat der Weisen der Welt zuarbeiten und innovative, auch unkonventionelle Vorschläge für die dringendsten Finanzprobleme der Welt machen. Zudem sollte es ein regelmäßiges Reporting geben, wie sich die Dinge in verschiedenen Bereichen entwickeln, wo sie sich verbessern und wo verschlechtern, um dem gemeinsam entgegenzuwirken. Zudem sollte ein globales Frühwarnsystem entwickelt werden, dass auf Fehlentwicklungen rechtzeitig aufmerksam macht. Dies könnte beim IWF angesiedelt werden.
Ich schlage zudem vor, dass der Rubel mit dem Euro mergen sollte und dass ein EU-Länderfinanzausgleich formell eingeführt werden sollte, den es faktisch jetzt schon durch die Transferunion gibt. Welche unkonventionellen Vorschläge haben Sie diesbezüglich? Bitte melden Sie sich bei mir, denn wir wollen gemeinsam die Welt retten, bevor es zu spät ist!
Noch aber sind die Weltbörsen in Champagnerlaune, obwohl der Kater irgendwann kommen wird. In Osteuropa entwickeln sich in diesem Jahr aber nur einige Börsen wie aus dem Baltikum, und Südeuropa (Sofia +15%, Zagreb +10%, Tallinn +9%) vorteilhaft, während die Börsen aus Zentralosteuropa (Ungarn, Tschechien, Polen), aus Russland, der Ukraine und Kasachstan noch im Minus sind. Aber auch hier gibt es selektiv Chancen wie bei der russischen Konsumkette Magnit, dessen Kurs sich seit Anfang 2009 mittlerweile verzehnfacht hat und die in diesem Jahr auch ein neues Allzeit-Hoch erreichte. Hier beträgt das Wachstum aber auch über 30% und das schon einige Jahre lang. Daher war Magnit auch mit Favorit in meinem Muster-Depot.



