Wie wahrscheinlich ist es, dass die US-Notenbank schon frühzeitig aus dem Programm aussteigt? Wird die Fed Quantitative Easing 3 (QE3) im Sommer bereits von 85 Milliarden Dollar herunterfahren und gegen Ende des Jahres sogar vollständig beenden?
von Carsten Englert
Letzte Woche gab der Dow Jones zunächst leicht nach. Der Grund war auch schnell gefunden: Es wurde spekuliert, dass die Fed ihr Programm zur Unterstützung der US-Wirtschaft, im Fachjargon Quantitative Easing 3 (QE3) genannt, im Sommer bereits von 85 Milliarden Dollar herunterfahren und gegen Ende des Jahres sogar vollständig beenden wolle. Diese Befürchtungen haben schon einmal ganz kurz und nur vorsichtig angedeutet, was passieren würde, wenn die Federal Reserve und ihr Chef Ben Bernanke früher als gedacht aus der exzessiven Geldpolitik aussteigen würden: die Rallye wäre vorbei. So viel ist sicher. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die US-Notenbank schon frühzeitig aus dem Programm aussteigt?
Warum die Befürchtungen
Letzte Woche haben sich gleich drei Chefs von regionalen Notenbanken in den USA skeptisch zu einem Fortbestand des QE-Programms geäußert. Jeffrey Lacker, Präsident der Federal Reserve in Richmond, der als geldpolitischer Falke bekannt ist, hat gefordert, das 40 Milliarden Dollar schwere Hypotheken-Anleihen-Kaufprogramm zu beenden. Sein Kollege aus Dallas hat gestern dieselbe Forderung gestellt. Soweit so gut, denn beide sind ja schon seit jeher als Skeptiker des Kurses von Ben Bernanke bekannt. Doch dann hat sich zudem noch John Williams von der Fed aus San Francisco geäußert. Er geht sogar noch weiter und will das Gesamtprogramm schon im Sommer zurückfahren. Seine Argumentation: die wirtschaftlichen Indikatoren verbessern sich stetig.
Wird es so kommen?
Es ist zu spüren, dass die skeptischen Stimmen innerhalb der Federal Reserve lauter werden. Allerdings spricht dennoch wenig dafür, dass die Fed frühzeitig QE3 und damit auch die Börsenparty beenden könnte. Zum einen ist John Williams, der gestern am lautesten gefordert hat, derzeit gar nicht stimmberechtigt im Board of Governors. Zudem zeigt die jüngste Entwicklung der Indikatoren, dass eine Beendigung von QE3 noch nicht nötig ist und dass das Programm noch nicht ausreichend Wirkung zeigt. Denn die Arbeitsmarktdaten präsentierten sich zuletzt wieder überwiegend negativ. Dazu kamen andere Indikatoren, die auf eine Abschwächung der wirtschaftlichen Tätigkeit hinweisen: So ist am Mittwoch der viel beachtete New York Empire State Index von 3,1 Punkte in den negativen Bereich auf -1,4 Punkte gefallen, obwohl ein Anstieg auf 4,0 Punkte erwartet wurde. Oder die ebenfalls vielbeachteten MBA Hypothekenanträge – nachdem diese im Vormonat noch um 7,0 Prozent gestiegen sind, brachen sie nun um 7,3 Prozent ein. Weiterhin ging die Industrieproduktion in den USA deutlicher zurück als erwartet und der wichtige Philadelphia Fed Index (PhillyFed) brach von 1,3 Punkte auf -5,2 Punkte ein, obwohl auch hier ein Anstieg auf 2,4 Punkte erwartet wurde. Dazu kommen, wie schon angesprochen, die Arbeitsmarktdaten – der Kernindikator für die Fed – die durch die Reihe negativ überrascht haben.
Es kann also keine Rede davon sein, dass QE3 nicht mehr nötig sei. Eine Aussetzung ist ebenfalls nicht nötig, weil noch immer weit und breit nicht einmal das kleinste Anzeichen von Inflation zu erkennen ist. Das hat auch mehrere Gründe, die kurzfristig nicht zu ändern sind. Neben der großen Arbeitslosigkeit – in den USA ist sie immer noch fast doppelt so hoch wie vor dem Ausbruch der Krise – spricht natürlich die immer noch wacklige Entwicklung der US-Wirtschaft dafür. Doch den wichtigsten Grund für die sogar rückläufigen Preissteigerungsraten liefert der Rohstoffmarkt: Die USA erleben gerade eine Energierevolution, da sie durch neue – allerdings sehr umstrittene – Methoden, das sogenannte Fracking, sich über stark sinkende Energiekosten freuen können. Das verbilligt natürlich die Güterproduktion. Einige strahlende Optimisten haben sogar schon das Zeitalter der Re-Industrialisierung der USA ausgerufen, weil sie durch diesen Wettbewerbsvorteil wieder wettbewerbsfähig werden. Unterstützt wird dieser Trend noch von der allgemeinen Baisse am restlichen Rohstoffmarkt; hier haben schon einige Auguren das Ende des Super-Zyklusses bei den Rohstoffen ausgerufen. Diese Theorie könnte sogar stimmen: In den letzten Jahren haussierten die Rohstoffe, da durch den Boom in China und den anderen Schwellenländern die Nachfrage massiv anstieg. Mit Zeitverzögerung wurden die Kapazitäten bei den Förderern ausgebaut und somit auch das Angebot. Doch durch die Rezession in weiten Teilen Europas, der Wachstumsabschwächung in den USA und in China sinkt nun die Nachfrage. Die Anpassung der Produktionskapazitäten wird wieder nur zeitversetzt erfolgen. Es besteht also ein Angebotsüberschuss, der noch eine ganze Weile auf die Rohstoffpreise drücken wird. Dadurch wird trotz massiver Geldflut der Notenbanken derzeit kein inflationärer Impuls zu erwarten sein. Auch auf absehbare Zeit nicht. Daher kann man getrost davon ausgehen, dass die muntere Gelddruckerei vorerst weitergeht.
Auch für Aktionäre setzt sich die Gelddruckerei damit auf absehbare Zeit – natürlich mit kleineren Zwischenkorrekturen– fort. Es dürfte noch viel höhere Höchststände in den kommenden Monaten geben! Allerdings gibt es ein Restrisiko, dass die ganze Party noch sprengen dürfte: Der Syrien-Konflikt. Kommt es tatsächlich soweit, dass Israel und die USA mit hineingezogen werden, droht ein Flächenbrand in Nahost. Das wiederum dürften die Spekulanten als willkommenes Geschenk sehen, um den Ölpreis in astronomische Höhen zu treiben. Dann dürfte sich das Inflationsgespenst äußerst schnell materialisieren und es droht der Welt eine heftige Stagflation.
Schwung mitnehmen
Doch das wissen natürlich auch die Politiker in den USA. Sie werden daher alles tun, um zu vermeiden, dass sie in einen Krieg in Syrien involviert werden. Daher sollte man das Risiko zwar im Auge behalten, ihm aber vorerst kein übermäßiges Gewicht beimessen. Vielmehr heißt die Devise weiterhin: Den Schwung des Marktes mitnehmen, solange es geht.
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