Die Börse frohlockt darüber, dass die EZB die letzten Patronen verballert. DAX auf Rekord. Größte Gewinner: Commerzbank, Conti, Adidas. Euro auf Tauchstation. Gold ebenfalls schwächer. Droht Deflation?
Die Aussicht auf billiges Geld führte heute zu neuen Rekordständen an der deutschen Börse. Der DAX erreichte ein neues Rekordhoch von 9102 Punkten. Größter Geiwnner die Commerzbank, die mit positiven Zahlen überraschte. Banken waren insgesamt die Gewinner der EZB-Zinssenkung, die offentsichtlich in Hinblick einer drohenden Deflation geschah. Das ist auch der Grund, warum Gold von dem virtuellen Geldsegen nicht profitieren konnte. Ein Ziel wurde jedoch erreicht: der Euro stürze auf 1,33 - was von der EZB offenbar auch so gewollt war.
Von Postbank Research
Die Europäische Zentralbank hat heute ihren Hauptrefinanzierungssatz entgegen der Erwartungen um 25 Basispunkte auf das neue Rekordtief von 0,25% gesenkt. Der Einlagensatz blieb unverändert bei 0,00%. EZB-Präsident Draghi begründete den Zinsschritt im Wesentlichen mit dem jüngsten Rückgang der Inflationsrate auf unter 1% und den Anzeichen, dass sich der unterliegende Preisdruck auf mittlere Frist weiter abgeschwächt hat. Zugleich seien die Inflationserwartungen auf mittlere und lange Sicht weiterhin fest verankert und vereinbar mit dem EZB-Ziel einer Inflationsrate von "unter, aber nahe bei 2%". Diese Konstellation lässt, so Draghi, erwarten, dass die Inflation für eine längere Periode auf niedrigem Niveau bleiben sollte, bevor sie sich nachfolgend allmählich der Zielmarke nähert. Insofern sieht die EZB die neuerliche Senkung des Leitzinses als konsistent mit ihrem Stabilitätsauftrag an.
Neben der Zinsentscheidung hat die EZB hat ihre bereits seit Jahren gültigen Sondermaßnahmen vorzeitig verlängert. Die Gebote bei den Hauptrefinanzierungsgeschäften und den 1-Monatstendern werden bis Mitte 2015 voll zum jeweils gültigen Hauptrefinanzierungssatz zugeteilt. Dies gilt grundsätzlich auch für die 3-Monatstender, wobei sich deren Zinssatz aber, wie derzeit auch, aus dem durchschnittlichen Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte während ihrer Laufzeit ergibt. Mit der vorzeitigen Verlängerung hat die EZB klar signalisiert, dass sie gewillt ist, den Märkten mittelfristig die gewünschte Liquidität zur Verfügung stellen.
Noch wichtiger ist aber die Überprüfung der Forward Guidance der EZB. Im Juli hatte sie erstmals angekündigt, dass der Refisatz für eine ausgedehnte Periode auf dem aktuellen oder aber einem niedrigeren Niveau bleiben würde. Diese Aussage bestätigte Draghi auch vor dem Hintergrund der aktuellen Zinssenkung, was unserer Einschätzung nach nur bedeuten kann, dass der Leitzins bei 0,25% bleiben wird oder aber nochmals abgesenkt wird. Dass die EZB Letzeres nicht ausschließt, bekräftigte Draghi durch die Aussage, dass die Untergrenze für die Leitzinsen noch nicht erreicht sei. Zudem wies er, wie bereits in der Vergangenheit, darauf hin, dass die EZB technisch in der Lage sei, den Einlagensatz auch unter Null zu senken. Wir gehen nicht davon, dass die EZB diese Option zieht und demnach auch den Refisatz nicht weiter senkt, obwohl auch das nicht mehr ausgeschlossen erscheint. Auf jeden Fall aber hat die EZB mit der heutigen Entscheidung sehr klar gestellt, dass ihre Forward Guidance ernst zu nehmen ist. Im Kontext mit der vorzeitigen Verlängerung der Sondermaßnahmen gehen wir deshalb davon aus, dass der Refisatz bis mindestens Mitte 2015 nicht erhöht wird.
Mit ihrem Überraschungscoup hat die EZB kräftige Bewegungen an den Märkten ausgelöst, die sie wohl mit Wohlwollen registrieren wird. Die Renditen von italienischen und spanischen Staatsanleihen sind gegenüber gestern je nach Laufzeit um 8 bis 15 Basispunkte gesunken. Der Euro fiel binnen kürzester Frist gegenüber dem Dollar um mehr als 1% auf das niedrigste Niveau seit sieben Wochen. Zwar betreibt die EZB nach ihrem Selbstverständnis keine Wechselkurspolitik. Aufgrund der Auswirkungen des Euro-Außenwertes auf Inflation und Konjunktur dürfte ihr ein schwächerer Euro derzeit aber in die Karten spielen. Wir rechnen aufgrund der Wachstumsdifferenz zwischen den USA und der EWU auf Jahressicht ohnehin mit einer deutlichen Abwertung des Euro gegenüber dem Greenback. Die heutige EZB-Entscheidung sollte diese Entwicklung noch beschleunigen.