Ökonomen warnen vor Finanzmarktsanktionen gegen Russland. Otte: „Profilierungssüchtige Politiker wie Norbert Röttgen können Europa leicht in den Abgrund stürzen.“ - „Bei einer Unterbrechung der Rückzahlung russischer Auslandsschulden wären vor allem französische und österreichische Banken betroffen.“
Mehrere Ökonomen haben eindringlich davor gewarnt, im Zuge möglicher weiterer Strafmaßnahmen gegen Russland auch Finanzmarktsanktionen in Betracht zu ziehen. Sie reagierten damit auf eine entsprechende Forderung des Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Norbert Röttgen (CDU). Dieser hatte es am Montag als erforderlich bezeichnet, auf die dritte Stufe der Sanktionen zu gehen und dann auch den Zugang zum Finanzmarkt einzubeziehen, „weil er der fühlbarste Bereich der Sanktionen ist“.
Nach Einschätzung von Christian Dreger, Forschungsdirektor im Bereich International Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dürfte sich bei einer Verschärfung der Sanktionen die Flucht aus russischen Finanz- und Kapitalanlagen weiter beschleunigen. Die Refinanzierung der Auslandsverschuldung von Staat und Unternehmen werde dann immer schwieriger. „Wegen der Abwertung des Rubels müssen sich die russischen Haushalte, die die Wirtschaft derzeit noch stützen, auf höhere Inflationsraten einstellen“, sagte Dreger Handelsblatt Online. „Die ohnehin schwächelnde Wirtschaft dürfte in eine Rezession abstürzen.“
Aus EU-Sicht seien vor allem sinkende Exporte und steigende Energiepreise zu erwarten, vor allem in den mittel- und osteuropäischen Mitgliedsländern und in Deutschland, sagte Dreger weiter. „Bei einer Unterbrechung der Rückzahlung russischer Auslandsschulden wären vor allem französische und österreichische Banken betroffen.“
Der Frankfurter Ökonom Thorsten Polleit warnte im Gespräch mit Handelsblatt Online, „würden Wirtschaftssanktionen so weit getrieben, Russland finanziell-wirtschaftlich stark zu schädigen, wäre die Folgen schmerzlich für Europa – und natürlich schlimm für die russische Bevölkerung“. Deutschland würde von Sanktionen, die die EU gegenüber Russland erlassen könnte, „besonders hart getroffen“, fügte der Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance hinzu. So betrügen die Direktinvestitionen deutscher Firmen in Russland 19 Milliarden Euro. Deutsche Banken hätten zudem mehr als 50 Milliarden US-Dollar an Kreditforderungen gegenüber russischen Kreditnehmern.
Im Fall von Finanzmarktsanktionen stehe aber noch weit mehr auf dem Spiel, sagte Polleit weiter. Russland habe derzeit Auslandsschulden in Höhe von etwa 724 Milliarden US-Dollar. Davon hätten russische Banken Fremdwährungsverbindlichkeiten in Höhe von 214,6 Milliarden, der private Sektor von 438,5 Milliarden US-Dollar. „Es wären also nicht nur russische Schuldner - vor allem private -, die sich in Fremdwährung finanziert haben, und die auf Refinanzierung angewiesen sind, sondern vor allem auch die Kreditgeber im Ausland“, betonte der Ökonom. „Finanzmarktsanktionen kämen daher einer kollektiven Selbstschädigung gleich.“



