Unverhohlen kündigt EZB-Chef Draghi heute auf der Pressekonferenz an, alles zu tun, um die Geldentwertung voranzutreiben. Intern hat die EZB ein Geldentwertungs-Ziel von 2%. Außerdem soll verhindert werden, dass der Euro weiter steigt.
Von Investmentstrategie PRO IVS
Die EZB hat auf ihrer Mai-Sitzung den Refisatz unverändert belassen. Der Einlagensatz (0%) und der Spitzenrefinanzierungssatz (0,75%) wurden ebenfalls nicht angepasst. Zusätzliche unkonventionelle Maßnahmen wurden genauso wenig ergriffen. Damit hat die EZB die Erwartungen für die heutige Sitzung weitestgehend erfüllt.
In der anschließenden Pressekonferenz wiederholte EZB-Präsident Draghi jedoch nicht nur die Aussage vom letzten Monat, dass die EZB bereit sei, rasch zu handeln, falls sie dies für erforderlich halte, sondern wählte an einigen Stellen noch etwas aggressivere Formulierungen. So brachte er diesmal explizit zum Ausdruck, dass das angeführte rasche Handeln mit dem Ergreifen expansiver geldpolitischer Maßnahmen verbunden wäre, während er Letzteres im April lediglich nicht ausschließen wollte. Zudem verwies Draghi schon in dem vorbereiteten Pressestatement gleich zweimal auf die kommende Sitzung im Juni. Zum einen wären Anfang kommenden Monats weitere Informationen und Analysen hinsichtlich des Ausblicks für die Inflation und die Verfügbarkeit von Bankkrediten für den privaten Sektor verfügbar. Zum anderen verwies er auf die neuen EZB-Projektionen, die zur kommenden Ratssitzung vorliegen werden. In der anschließenden Diskussion wurde er dann noch deutlicher, nämlich dass sich der EZB-Rat wohlfühlen würde, auf der Juni-Sitzung tätig zu werden.
Ein wichtiges Thema im Rahmen der Frage-Antwort-Runde stellte der Außenwert des Euro dar. Zwar äußerte Draghi, dass der Wechselkurs kein eigenständiges Ziel bilde. Jedoch betonte er, dass ein stärkerer Euro hinsichtlich des Inflationsausblicks Anlass zu ernsthafter Besorgnis geben würde und dass die EZB diesen Besorgnissen Rechnung tragen müsse. Die Breite des Raums, den dieser Punkt einnahm, zeigt unserer Einschätzung nach, dass die derzeitige Stärke des Euro der EZB nicht nur ein erheblicher Dorn im Auge ist, sondern kurzfristig sogar zur entscheidenden Größe werden könnte, ob demnächst expansive geldpolitische Maßnahmen ergriffen werden oder nicht.
Unter dem Strich ist unserer Ansicht nach durch die Aussagen auf der heutigen Pressekonferenz die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die EZB auf der Juni-Sitzung expansive geldpolitische Maßnahmen beschließt. Dabei könnte sie es dann nicht nur bei eher weichen Maßnahmen belassen, wie z.B. einer vorzeitigen Verlängerung der Zusage, im Rahmen ihrer Refinanzierungsgeschäfte alle Gebote voll zuzuteilen. Auch eine nochmalige Senkung der Leitzinsen halten wir für nicht ausgeschlossen, falls die verbalen Interventionen der EZB weiterhin nicht ausreichen sollten, den Aufwertungstrend des Euro zumindest zu stoppen, wenn nicht umzukehren. Dass die EZB im Juni zusätzliche unkonventionelle Maßnahmen, wie z.B. den Ankauf von Unternehmensanleihen oder verbrieften Kreditforderungen beschließt, um auf diesem Wege die Kreditvergabe zu stimulieren, halten wird dagegen für unwahrscheinlich, weil sie das Problem des starken Euro nicht direkt adressieren würden und zudem der jüngste Benk Lending Survey durchaus Anlass zur Hoffnung gibt, dass sich die Kreditvergabe in näherer Zukunft leicht beleben könnte. Dies dürfte die EZB tendenziell dazu veranlassen, in dieser Hinsicht die weitere Entwicklung abzuwarten.