Die Begriffe »Esoterik« und »esoterisch« werden von ignoranten und arroganten Zeitgenossen als Totschlag- / Pseudo-„Argument“ mißbraucht – meistens leider mit Erfolg, weil die Bedeutungen dieser Begriffe allgemein nicht bekannt und nicht verstanden sind. Deswegen hier eine sachliche Aufklärung.
Von Norbert Knobloch
Da offensichtlich ist, daß die Bedeutungen der religions-philosophischen termini techniki (wissenschaftlichen Fachausdrücke) »Esoterik« und »esoterisch« allgemein nicht bekannt und nicht verstanden sind, hier die exakte, korrekte Definition dieser Begriffe. Dafür müssen jedoch zuerst die übergeordneten Begriffe »Religion« und »Spiritualität« geklärt werden:
»Religion« wird etymologisch von den lateinischen Wörtern »religari«: „verbunden sein mit“, »religare«: „wieder verbinden“, »relegere«: „sorgfältig beachten“ und »religere«: „eine kultische Pflicht erfüllen“ hergeleitet. Es geht also um (Rück-) Bindung durch Aufmerksamkeit und Achtsamkeit (vgl. die „Methode der Achtsamkeit“ in der Satipatthana-Sutra der Lehrreden des Buddho) sowie durch Übung und Praxis, z. B. Yoga. (Achtsamkeit und Übung = Disziplin! Siehe Norbert Knobloch, „Mündigkeit: Disziplin und Liebe“, 13. 10. 2012, http://www.mmnews.de/index.php/etc/11058-muendigkeit-disziplin-und-liebe)
„»Religion« ist erlebnishafte Begegnung des Menschen mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen“ – diese Definition des großen deutschen Religions-Wissenschaftlers Gustav Mensching ist substantiell (Gegenteil: funktional); sie erfaßt Wesen und Inhalt der Religion: Sinn zu stiften und zu helfen, Krisen zu bewältigen (mithilfe von Disziplin!). Betont werden in der substantiellen Definition der Bezug zur Transzendenz (von »transcendere«, lat: „(hin)übersteigen“, nämlich bestimmte Grenzen, z. B. die der körperlichen Sinne), der Glaube (nicht das Glauben!), die ideelle Sinnhaftigkeit und der individuelle, subjektive Aspekt dieser Kriterien: die persönliche Religiosität.
Die funktionale Definition dagegen betont die äußere Funktion und Leistung der Religion, nämlich die Legitimierung und Stabilisierung der Gesellschaft, ihrer Werte und Institutionen u. das Stiften sozialer Identität. Das geschieht vermittels einer dogmatischen Lehre innerhalb eines Glaubens-Systems einer organisierten Gemeinschaft wie z. B. der Institution der Kirche.
»Spiritualität« (von »spiritualis«, lat.: „geistlich“) ist eine Form der Religiosität, deren Schwerpunkt im eigenen inneren Erleben, der individuellen seelischen u. geistigen Erfahrung des Heiligen liegt – im Unterschied zu den äußerlichen, festgelegten, allgemein-verbindlichen Formen (Rituale, Zeremonien) der organisierten, institutionalisierten Religion (Kirche). »Spiritualität« ist eine vom Einzelnen praktisch gelebte, persönlich-verbindliche Religiosität.
Der Begriff »Esoterik« schließlich leitet sich von den beiden griechischen Wörtern »esoterikos«: „innerlich, nach innen gerichtet“ und »esoteros«: „das Innere“ ab (Gegenteil: »Exoterik« bzw. »exoterisch«; der „Normal-Zustand“ des durchschnittlichen Menschen ist exoterisch). Diese beiden Wörter haben zwei Bedeutungen: Ursprünglich bezieht sich »Esoterik« auf das Geheimwissen und die Geheimlehre eines „inneren“, nämlich (im positiven Sinne) elitären Kreises von Eingeweihten der antiken Philosophen-Schulen (deshalb hatte der jamaikanische Reggae-Musiker Bob Marley [†] eine seiner Bands „Inner Circle“ genannt!). Zweitens meint »Esoterik« das willentliche Richten der bewußten Aufmerksamkeit / Achtsamkeit nach innen u. die (nur) dadurch mögliche innere spirituelle, religiöse Erfahrung
Die Geheimhaltung der Esoterik hat nichts mit „Verschwörung“ zu tun – sie ergibt sich von selber: die esoterischen Lehren bleiben ohne äußeres Zutun nur einem auserwählten Kreis von Eingeweihten vorbehalten. Denn ein Mensch kann nur dasjenige Wissen erwerben, das seinem jeweiligen Entwicklungs-Grad und Bewußtseins-Stand entspricht. So kann z. B. ein mathematisch ungebildeter Mensch die Bedeutung einer mathematischen Formel nicht erkennen und verstehen; sie ist für ihn nichtssagend und damit sinn- und nutzlos, und zwar auch dann, wenn die Formel für die Mathematik (und für die Menschheit) von epochaler Bedeutung und elementarer Wichtigkeit ist. Die Formel hält sich also selber für den mathematisch Uneingeweihten geheim. Erst dann, wenn der betreffende Mensch sich durch eigene Bemühungen ein entsprechendes Maß an mathematischem Wissen angeeignet hat, wird die Formel für ihn wertvoll und kann ihn einen großen Schritt in seinem mathematischen Verständnis und in seiner mathematischen Erkenntnis weiterbringen. Genauso verhält es sich mit den sogenannten esoterischen Geheimlehren und mit dem esoterischen Wissen.
Das Wissen der Esoterik ist in verschlüsselter Form zwar Jedem zugänglich, doch kann es von dem exoterischen Unwissenden nicht erkannt, von dem exoterischen Uneingeweihten nicht verstanden werden. Gerade deswegen halten die „normalen“ Menschen, die Exoteriker, die Esoterik für vermeintlich „nutzlosen Unsinn“. Doch das ist ein Irrtum und ein Fehler. Man muß erst sehen lernen, um die Dinge unterscheiden zu können: „Das Licht kam in die Finsternis, doch die Finsternis erkannte es nicht.“ (Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 5)
Wenn ich keine Noten lesen kann, so habe ich nicht das Recht, von den Musikern zu verlangen, sie mögen zur Notation der Musik gefälligst Symbole verwenden, die ich lesen und verstehen kann. Vielmehr muß ich mir entweder die Mühe machen, Noten lesen zu lernen – oder aber für immer auf das tiefere Verständnis der Musik verzichten. (Beispiel nach Thorwald Dethlefsen, „Schicksal als Chance“, Kapitel I) Dann kann ich mir aber auch keine Meinung dazu bilden und darf mir ebenfalls kein Urteil darüber erlauben! Ebenso hat der Exoteriker überhaupt kein Recht (und natürlich auch nicht die Fähigkeit), sich ein Urteil über die Esoterik und die Esoteriker zu erlauben! Es ist auch nicht Aufgabe der Wissenden / Eingeweihten (Esoteriker), sich auf das Niveau der Unwissenden / Uneingeweihten (Exoteriker) herab zu begeben; es verhält sich genau umgekehrt: Die Unwissenden / Uneingeweihten müssen sich aus eigener Anstrengung auf das Niveau der Wissenden / Eingeweihten herauf begeben. Dabei wird ihnen durchaus Hilfe zuteil, wenn sie einen Guru (spirituellen Lehrer) darum bitten. Doch diese Anstrengung scheuen die meisten Menschen. Das ist der erste Grund für die unverschämte, geringschätzende Abwertung der Esoterik.
Der zweite Grund ist die Verbindlichkeit der Esoterik. Den esoterischen Weg zu beschreiten heißt jede, auch die geringste esoterische Erkenntnis im Alltag umzusetzen. Die modernen „Wissenschaften“ dagegen sind unverbindlich. Ein Chemiker kann eine epochale Entdeckung machen, aber gleichzeitig trotzdem weiterhin seine Frau schlagen oder betrügen, einen Prozeß gegen jemanden führen usw. (Beispiel nach T. Dethlefsen, „Schicksal als Chance“, Kap. I) Sein praktisches Leben bleibt von seiner wissenschaftlichen Erkenntnis völlig unberührt.
Vollkommen anders hingegen verhält es sich mit der geringsten esoterischen Erkenntnis. Sie hat sofortige und direkte Auswirkungen auf das Leben des Esoterikers, erfordert eine entsprechende Änderung seines Denkens, Redens und Tuns. Diese Verbindlichkeit ist der zweite Grund dafür, daß Exoteriker die Esoterik so aggressiv diffamieren und diskreditieren: Sie spüren unbewußt diese verpflichtende Verbindlichkeit u. wollen sie unbedingt vermeiden.
Die Praxis der Esoterik heißt in der Religions-Philosophie »Mystik« (von »myein«, griech.: „Augen und Lippen schließen“). Der Mystiker zieht die Aufmerksamkeit von den äußeren Körpersinnen und damit von der Materie ab und richtet sie willentlich konzentriert nach innen – im wörtlichen Sinne, denn „konzentrisch“ bedeutet „auf einen gemeinsamen Mittelpunkt bezogen“. Andere Begriffe dafür sind »Meditation« (von »meditari«, lat.: „über etwas nachdenken, reflektieren“) und »Kontemplation« (von »contemplatio«, lat.: „das Richten des Blickes auf etwas“; zu »contemplari«: „betrachten“ [daher „Tempel“!]) sowie »Theorie« (von »theōría«, griech.: „heilige Schau“; zu »theōreín«: „schauen“; zu »theós«: „Gott“). Es gibt u. a. alt-indische (Yoga), alt-persische (Magie), alt-ägyptische (Hermetik), alt-jüdische (Qabbalah), alt-christliche (Gnosis) und alt-islamische (Sufismus) Mystik bzw. Esoterik.
(Im Yoga, der „Kunst, ein Pferde-Gespann zu lenken“, heißt es: „Erkenne dein Selbst als den Besitzer des Wagens, deinen Körper als den Wagen, deinen Verstand als Wagenlenker und das Denkprinzip als Zügel [und die Rosse als die Sinne].“ [Katha Upanischad, II, 3, 3]!)
Der Zweck, das Ziel der Übung/en (Disziplin) ist die Rückbindung (s. o.) des körperlich, seelisch und geistig isolierten, vom Ganzen getrennten Menschen an das Ganze („Gott und die Welt“) durch (Selbst-) Erkenntnis, die als gleichbedeutend mit Erkenntnis des Göttlichen („Erleuchtung“, „Unio Mystica“, „Hieros Gamos“, „Nirwana“) verstanden wird. „Erkenne dich selbst, dann erkennst du Gott“ stand deshalb über dem Tempel des griechischen Gottes Apollon zu Delphi, in dem die Seherin Pythia in Trance den „Willen des Gottes“ kundtat.
Es geht also um Erweiterung der Bewußtheit und um Veränderung (Transmutation), nämlich Entfaltung, Entwicklung und Vollendung der Persönlichkeit, des Selbst des Menschen, letztlich um Heilung (Heil-Sein = Ganz-Sein!) und (Selbst-) Erlösung des Menschen während seines Lebens im physischen Körper auf Erden. Und dieses spirituelle Wachstum und diese Heilung sind nur durch willentliche und aktive Überwindung von Widerständen (Bequemlichkeit / Trägheit / Faulheit und Feigheit / Furcht / Angst sowie Schwäche, das heißt selbstverschuldeter Unmündigkeit), also mit willentlich tätiger Anstrengung und Arbeit unter „Schmerzen“ (im übertragenen Sinne), das heißt mit (Selbst-) Disziplin zu erreichen.
»Esoterik« ist also nicht nur nichts Negatives, ist also nicht nur etwas Positives, sondern sogar das Wichtigste im Leben des Menschen. Denn der Sinn des menschlichen Lebens ist Bewußtwerdung und Selbsterkenntnis: „Der Zweck des Lebens auf der Erde ist die Entdeckung unseres wahren Wesens und das Handeln nach dieser Erkenntnis.“ (Henry Valentine Miller, Nexus) Dementsprechend bedeutet auch das altgriechische Wort für „Sünde“, »hamartía«, ursprünglich und wörtlich „das Ziel verfehlen“: Wer seine ihm angeborene, allein menschliche Eigenschaft der Erkenntnis-Fähigkeit, die die ebenso allein menschliche Eigenschaft der Entscheidungs-Freiheit überhaupt erst möglich und so das Tier, den „nackten Affen“ (Desmond Morris), erst zum Menschen macht, aus Feigheit, Schwäche und Faulheit, also aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, nicht trainiert, entwickelt und nutzt, hat das Ziel, nämlich das wahre Menschsein, den „Gottmenschen“, verfehlt, ist also der wahre Sünder: „Die Sünde ist weniger eine Herausforderung Gottes als eine Leugnung der Seele, weniger eine Verletzung des Gesetzes als ein Verrat gegen sich selbst.“ (Sarvepalli Radhakrishnan, Die Weltanschauung der Hindu; vgl Arno Gruen, Der Verrat am Selbst) Der selbstverschuldet unmündige, exoterische Mensch bleibt gewissermaßen freiwillig auf der Stufe des Tieres oder zumindest der des Kleinkindes stehen und ist daher der eigentliche Sünder, dessen Leben sinnlos und vertan ist, und der deshalb vergebens gelebt hat.



