Die Schöpfung ist die Eigen-Verwirklichung des absoluten Willens (Gottes), sich seiner selbst / seines Selbst durch den kontinuierlichen Prozeß der Evolution im Menschen bewußt zu werden. Die Schöpfung ist die offenbarte (Eigen-) Liebe Gottes: Gott erschafft, indem er liebt, und er liebt, indem er erschafft.
Von Norbert Knobloch
Der Kosmos (kosmos, griech.: Schmuck, Ordnung, [Welt-] All) ist der sich nach seinen eigenen, ewigen Ordnungsgesetzen vor-stellende Geist, aus Chaos 1) ewig werdend, sich formend und wandelnd: ein Vexierbild (vgl. die „Kipp-Figur“ Yin-Yang!), das sich (im Spiegel seiner Schöpfung [so, wie in Platons / Plichtas Raumspiegel]) ewig selbst betrachtet („Der Nous ist das Auge Gottes, das sich selber anschaut“ [Aristoteles]) und sich so seiner selbst / seines Selbst bewußt wird: „tat tvam asi“ (sanskrit: „Das bist du“). So, wie die Welt Selbst-Offenbarung Gottes ist (Theophanie, griech. theophanía, von theós: Gott und pháinein: [sich] zeigen), ist alles Gewußte Selbst-Offenbarung des wieder in sich zurückkehrenden Geistes (Nicolaus Cusanus). Das Absolute (Gott) ist Geist, der sich selber weiß: „Der Mensch weiß nur von Gott, insofern Gott im Menschen von sich selbst weiß; dies Wissen ist Selbstbewußtsein Gottes, aber ebenso ein Wissen desselben vom Menschen, und dies Wissen Gottes vom Menschen ist Wissen des Menschen von Gott. Der Geist des Menschen, von Gott zu wissen, ist nur der Geist Gottes selbst.“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Philosophie der Religion). Die einzig mögliche Weise, auf die das Unendliche im Endlichen der Schöpfung so erscheint, daß es sich selber erfährt und erkennt, ist der Mensch als Person (von lat. per-sonáre: hindurch-tönen und etruskisch φersu: Maske)
Das Wissen des Geistes von sich selber ist „das (sich selber denkende) Denken des Denkens“ (nóesis noéseos oder theoría: Heilige Schau [Aristoteles]) und „das (sich selber wissende) Wissen des Wissens“ (Hegel). Im absoluten Wissen weiß das Absolute (Gott) sich selber. Das Absolute ist Geist, der sich selber weiß. Der Geist erkennt sich somit selber in seinem eigenen Denken als Ursprung und Ziel oder Zweck (Alpha und Omega) all dessen, was seiend ist, wieder (tat tvam asi) und zugleich als vorgängige Einheit von Subjekt und Objekt („Ich bin, der Ich bin“ oder „Ich bin der Ich-Bin“): Der Geist, der sich und die Welt denkend schafft, fällt mit der Substanz (lat. substántia: das darunter [Be-] Stehende; griech. hypokeímenon: Unterlage) der Welt zusammen. Hier findet sich bei Hegel die Identität von Denken und Sein des Parmenides wieder („Denn ein- und dasselbe ist das, was denkt, und das, was gedacht werden kann“ [Bettina Jasz-Freit]), denn die Substanz ist der sich selber entfaltende Geist als selbst-bewußtes Ganzes: „Er ist an sich die Bewegung, die das Erkennen ist – die Verwandlung jenes An-Sichs (das An-Sich-Sein als In-Sich-Bleibendes) in das Für-Sich (das Aus-Sich-Heraus-Getretene und Sich-Auf-Sich-Beziehende), (…) des Gegenstands des Bewußtseins in den des Selbst-Bewußtseins, d. h. (…) in den Begriff.“ (Hegel, Dialektik)
Der Geist („Gott“) ist reines Denken, und alles, was (geworden) ist, ist sein von ihm Gedachtes als Objektion und Projektion zum Zwecke der Selbst-Erkenntnis durch Spekulation (Spiegelung) und Reflexion (Rückbeziehung auf sich selber [siehe weiter unten]).
Wahrheit ist nach Aristoteles das Übereinstimmen der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande. Erkenntnis wiederum ist nach Kant die Anwendung der Begriffe auf Erfahrung, und Erfahrung ist Anschauung der Gegenstände. Der Begriff, das Be-griffene, ist das sich-vor-sich-selber-stellende, vor-sich-selber-stehende, sich-selber-ver-stehende Sein (Wesen) im Seienden, in der Ex-sistenz (ex[s]ístere, lat.: heraustreten, sich zeigen), dessen (dialektische) Selbst-Bewegung, das Denken, der Gang des Geistes zum Wieder-Erkennen, zum Wieder-Erinnern seiner selbst / seines Selbst ist. Dieses Wieder-Erkennen, dieses Wieder-Erinnern ist dann als Gewußtes, als Wissen (sanskrit: veda; von: vid: schauen) die Selbst-Offenbarung des in sich zurückkehrenden Geistes (Nicolaus Cusanus): „Das Geistige allein ist das Wahre [im Original: Wirkliche], (…) es ist an und für sich. (…) Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch die Entwick[e]lung sich vollendende Wesen.“ (Hegel)
„Das Wesen ist das Prinzip von allem.“ (Aristoteles). `Wesen´ (ahd. wesan: Sein; substantivierter Infinitiv zu wesen: sein) ist das an-wesende Prinzip (lat. princípium, griech. arché: Uranfang, Anfangsgrund, das Erste und Ursprüngliche) des Seins in einem Seienden, in dem, mit dem und durch den das Seiende teilhat (méthexis, griech.: Teilnahme, Teilhabe) am Sein (Platon). Alles Sein (griech. ousía, lat. esséntia: Essenz) im Seienden (griech. to on, lat. ens oder existéntia: Existenz) ist Eines. (Sein und Seiendes unterscheiden sich wie Wahrheit und Wahres oder Wirklichkeit und Wirkliches: Es gibt vieles, das wahr ist, aber das Wahrsein [die Wahrheit] an diesem vielen Wahren ist ein und dasselbe; auch gibt es vieles, das wirklich ist, aber das Wirklichsein [die Wirklichkeit] an diesem vielen Wirklichen ist ein und dasselbe. Ebenso verhält es sich mit Seiendem und Sein [nach Nicolai Hartmann])
Das Sein des Seienden ist an sich wahr, insofern es dem Seienden sowohl immanent (als Wesen) als auch transzendent (als Sein) ist und so mit sich selber übereinstimmt. Es ist für sich wahr, insofern sich das transzendente Sein im Seienden als immanentes An-Wesendes sich selber offenbart. Und es ist an und für sich wahr, insofern es selber sowohl Ausgangs- (Alpha) als auch Endpunkt (Omega) allen Erkennens, das heißt des sich selber bewußt werdenden Seins, ist. (Vgl. die Transzendentaliën der scholastischen Ontologie [„Ens et vérum convertúntur“] und beachte die eidetische Differenz von Seiendem und Wesen sowie die ontologische Differenz von Wesen und Sein [Martin Heidegger]!)
Das Sein gebiert aus sich selber heraus die ewige, höchste Idee (giech. idéa: Urbild, Vorbild; von ideín: sehen), die „Idee des Guten“ oder „Idee der Ideen“; diese bringt wiederum die „Idee des Wahren“ und die „Idee des Schönen“ sowie alle übrigen Ideen aus sich hervor (Platon [objektiver Idealismus]; vgl. Plotin, Enneaden [Emanation]). Es gibt soviel Gattungen von Seiendem, wie es Ideen gibt: unendlich viele (Abaelard / Knobloch [Konzeptualismus; vgl. Universaliën-Streit]). Die Ideen sind also als Universaliën (Abaelard) Inhalt des göttlichen Geistes und vor allen Dingen (allem Seiendem). Die Zahlen haben Realexistenz und sind Ideenträger (Pythagoras / Platon / Plichta). Alles Seiende (Wirkliche) ist nur die Abbildung (mímesis, griech.: Darstellung) der Ideen und hat an ihnen teil (méthexis, griech.: Teilhabe [Platon]). Die „Idee-An-Und-Für-Sich“ ist der Logos (griech.: Sammlung, Wort, Rede, Sinn; von: légein: sammeln) als unendlicher, ewiger Seins-Grund alles endlichen, zeitlichen Seienden, nämlich als der alle Ideen in sich enthaltende und verwirklichende Schöpfungsgedanke Gottes / des Geistes:
„Im Anfang (griech.: „en arché“) war das Wort (griech.: „ho lógos“), und das Wort war auf den Gott zu (griech.: „en prós ton theón“), und [ein] Gott [göttlich, von göttlicher Art, von göttlichem Wesen] war das Wort (griech.: „kai theós en ho lógos“, ohne Artikel vor „theós“, im Gegensatz zu „ton theón“ im selben Satz!). Dieser [`eine Gott´] war im Anfang bei [dem] Gott.“ (Johannes 1: 1; vgl. Goethe, Faust I, Studierzimmer-Szene). Auch bei Heraklit ist der Logos in diesem Sinne die vorgängige, vereinende Gesammeltheit alles Seienden im Sein, das also nicht identisch ist mit dem Logos!
Das griechische Wort `theós´ erscheint im Originaltext vor dem konjugierten Verbum als singularisches Prädikatsnomen ohne vorangehenden bestimmten Artikel. Einen unbestimmten Artikel hatte das Griechische des ersten Jahrhunderts jedoch nicht. Dennoch muß diese Stelle korrekt mit „ein Gott“ oder „göttlich“ übersetzt werden. Im mittleren Teil des Satzes wird der Gott, bei dem der Logos oder das Wort im Anfang war, nämlich mit dem vorangestellten bestimmten Artikel bezeichnet: `ho theós´, hier natürlich in der deklinierten Form `ton theón´. Diese grammatikalische Konstruktion, der Gebrauch des Substantivums mit dem bestimmten Artikel, weist im Bibelgriechischen auf eine Person hin, wohingegen ein singularisches Prädikatsnomen ohne Artikel, das dem Verbum vorangeht, eine qualitative Eigenschaft bezeichnet, die etwas oder jemand hat. Es wird eine bestimmte Eigenschaft des Logos oder Wortes, nämlich seine göttliche Natur, zum Ausdruck gebracht; er / es wird aber ausdrücklich nicht als identisch mit Gott ausgewiesen. Folglich bedeutet die Aussage des Johannes, daß das Wort / der Logos göttlich war, aber nicht, daß es / er der Gott selber wäre, bei dem es / er war.
Das wird belegt durch eine Bibelübersetzung in einen sahidischen Dialekt des Koptischen, der in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten in Ägypten gesprochen wurde. Die griechischen christlichen Schriften wurden bereits im 3. Jahrhundert ins Altsyrische, Lateinische und Koptische übersetzt, beruhen also auf Handschriften, die wesentlich älter sind als die aller-meisten heute noch verfügbaren Quellen. Das Altsyrische und das Lateinische hatten, wie das Altgriechische, keinen unbestimmten Artikel; das Koptische dagegen schon, und beide Artikel wurden im Koptischen ähnlich gebraucht wie im Deutschen oder Englischen heute. Der sahidisch-koptische Text (Papyrus Chester Beatty 813) lautet in wörtlicher Interlinear-Übersetzung: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei dem Gott und ein Gott war das Wort“. Das Wort war göttlich, aber nicht identisch mit Gott, war nicht Gott selber.
Von dem Wort heißt es weiter im Evangelium des Johannes: „Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfaßt.“ (Joh 1: 3 – 5) „Und das Wort wurde Fleisch und weilte unter uns;…“ (Joh 1: 14) Schon an dieser Stelle wird nach Johannes 1: 1 – 3 eindeutig klar, daß Jesus nicht mit Gott gleichzusetzen ist. In der gesamten Heiligen Schrift wird ausdrücklich ein Unterschied zwischen Jesus und Gott (s. bes. 2. Petrus 1: 1, 2; Römer 9: 5 u. Titus 2: 13) sowie zwischen Gott und dem `Logos´ oder `Wort´ gemacht (vgl. auch die Bedeutung des Begriffs Memra [Logos / Wort] in der Targum [aram. Übersetzung der hebr. Schriften]).
Aber auch zwischen Jesus und `Logos´ ist zu differenzieren. In der zur Zeit der Niederschrift des Johannes-Evangeliums entstandenen aramäischen Übersetzung der hebräischen Schriften, der Targum, wird mit dem Begriff Memra (Logos / Wort) Gottes Wirken und Wirkung in der Welt beschrieben. Der Begriff Memra hatte dieselbe Funktion wie andere spezielle Termini, z. B. „Heiliger Geist“ und Schechina, die den Unterschied zwischen dem unbegreiflichen Sein Gottes und Gottes Gegenwart in der Welt beschrieben. So wie der Begriff Sophia (göttliche Weisheit) meint auch der Begriff Memra / Logos den ursprünglichen Schöpfungs-Plan Gottes. Noch die frühen Kirchenväter Philon, Clemens von Alexandria und Origines setzten den Begriff `Logos´ mit `Sophia´ gleich und verbanden beide mit der Genesis (Schöpfung). Erst im vierten Jahrhundert erhob die Kirche einen exklusiven Absolutheits-Anspruch auf „religiöse Wahrheit“ und die Gleichsetzung des Begriffes `Logos´ mit der Person Jesu.
Der historische Mensch Jesus, der nur dem Fleische nach von den Juden abstammte, war dem Wesen nach göttlicher Natur und damit Christus (griech. christós, hebr. maschíasch). Er war einer der wenigen Menschen, die Christus-Bewußtsein je verwirklicht haben (andere waren z. B. Krischna und Buddha). `Christus´ ist kein Mensch, keine Person, sondern der Bewußtseins-Zustand eines Menschen, einer Person (s. o.), durch die Gott in dieser Welt tönt, klingt, „spricht“, wirkt. Es ist ein Zustand, in dem Ideelles und Materiëlles, Selbst und Ego, innere Göttlichkeit und äußere Persönlichkeit in vollkommenem Gleichgewicht sind. Das Erlangen dieses Bewußtseins-Zustandes ist das einzige Ziel, der einzige Zweck des menschlichen Lebens (vgl. die jüdische Mystik der Qabbalah). Wer dieses Ziel verfehlt, ist Sünder (hamartía, griech.: Sünde, wörtl.: „das Ziel verfehlen“ !): „Die Sünde ist weniger eine Herausforderung Gottes als eine Leugnung der Seele, weniger eine Verletzung des Gesetzes als ein Verrat gegen sich selbst.“ (S. Radhakrishnan, Weltanschauung der Hindu)
(Christós ist die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes maschíasch [„Messias“] und bedeutet svw. „der [mit dem Geist Gottes] Gesalbte“. Es stammt von chrío: salben [um zu heiligen, zu beauftragen und zu bevollmächtigen] ab und ist verwandt mit chrísma: Salbung, Gesalbtsein. Chrísma zeigt die bleibende Wirkung des Salbens, das Erfülltsein mit dem Heiligen Geist [s. u.], an. Das Erfülltwerden mit dem aus Gott ausfließenden Heiligen Geist wird auch als „Gnade“ (griech. cháris, lat. grátia) und als (wahre) „Taufe“ bezeichnet.)
Gott wird in jedem Menschen Mensch, aber das ist nur der halbe Weg. Der ganze Weg ist, daß der Mensch wieder `Gott´ (göttlich) werden soll: das ist der Zustand des Christus-Bewußt-Seins, des vollendeten Mensch-Seins, die Verwirklichung der Ideen des Guten, Wahren und Schönen (Platon). Erst dann ist Wahrheit (Erkennen des [göttlichen] Selbst), und erst dann hat der Mensch den (spirituëllen) Tod überwunden und ewiges Leben (die immateriëlle Information als göttliche Essenz). Deshalb konnte Jesus sagen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14: 6)
Er meinte damit nicht seinen physischen Leib, den Menschen aus Fleisch und Blut, sondern sein göttliches Wesen, das durch das Wort (den Logos) in seiner Person als Christus-Bewußtsein in dieser Welt verwirklicht worden war. Und da das Wort schon immer bei Gott war, ist und sein wird, also ewige Gegenwart, ewige An-Wesen-Heit ist, konnte Jesus, wiederum sein göttliches Wesen meinend, ebenfalls (in Joh 8: 58) sagen: „Ehe Abraham ins Dasein kam, bin ich [gewesen]“ („prin Abraám genésthai egó eimí“ ).
(Der Zustand, der im Hauptsatz ausgedrückt wird, bestand schon vor der im Nebensatz einsetzenden Handlung und dauert darüber hinaus weiter an. Deshalb steht die Form eimí, also 1. Person Singular Praesens [Gegenwart {An-Wesen-Heit}] Aktiv Indikativ, die jedoch korrekt ins Perfekt [vollendete Gegenwart] übersetzt werden muß: Das [bibel-] griechische Praesens kann das Praeteritum [Vergangenheit] mit einschließen, wenn ein früher begonnener, aber noch immer fortdauernder Zustand, ein Zustand in seinem [ewig] dauernden Währen, bezeichnet werden soll [siehe auch Joh 15: 27].)
Und genau das ist die wahre Bedeutung des griechischen Substantivums parousía (Parusie), z. B. in Matthäus 24: 3 („to seméion tes ses parousías“: „das Zeichen Deiner Gegenwart“). Das Wort parousía bedeutet wörtlich „[Da]beisein“ oder „[Da]nebensein“ und ist von der Präposition pará ([da]bei, [da]neben) sowie dem Substantivum ousía (Sein) abgeleitet. Das damit verwandte Verbum páreimi bedeutet wörtlich „[da]beisein“ oder „[da]nebensein“. Beide Ausdrücke erscheinen je 24mal in den griechischen christlichen Schriften – immer in der eindeutigen Bedeutung von der „wirksamen Gegenwart“ oder „An-Wesen-Heit“ des göttlichen Wesens, des Göttlichen, in diesem Fall in der Person Jesus als Christus.
Es unterscheidet sich grundlegend von dem griechischen Wort éleusis: Kommen, das im griechischen Text einmal belegt ist, und zwar in der Apostelgeschichte 7: 52 in der Form eléuseos (lat. advéntu). Die beiden Vokabeln parousía und páreimi werden im gesamten Neuen Testament niemals auf das Kommen Christi ins Fleisch angewandt; ebenso nimmt parousía nie die Bedeutung „Wiederkunft“ an. „Kommen“ oder „Advent“ drücken die Bewegung des Herannahens zu uns hin aus; „Anwesenheit“ oder „Gegenwart“ hingegen ist ein zeitloses, mithin ewiges Bei-Uns-Sein. Der Bedeutungsgehalt der beiden ersten Wörter endet mit der Ankunft; der der beiden letzteren dagegen beginnt damit. Die Handlung der beiden ersten Wörter ist zeitlich begrenzt, also endlich; die der beiden letzteren hingegen unbegrenzt, also ewig. Es ist auch unsinnig, von mehreren Parusien zu sprechen, weil es mehr als eine Gegenwart logischerweise nicht geben kann (so, wie es auch nur je eine Wirklichkeit und eine Wahrheit [s. o.] geben kann). Und diese Gegenwart ist das an-wesende (da[bei]-seiende) göttliche Sein als Wesen des Seienden (so wird der Eigenname Gottes [Jahwe oder JHWH {fälschlich auch „Jehova“}] auch mit „Er ist da“ u. „Ich bin da“ übersetzt [s. u.]).
Die Selbstbezeichnung Gottes in 2. Mosis 3: 14 lautet: ´ehjéh ´aschér ´ehjéh: „Ich werde sein, der Ich sein will“ (S. R. Hirsch, 1920) oder „Ich werde sein, der Ich sein werde“ (Elberfelder Studiënbibel, Textst. Nr. 21, 1. Auflage 2005, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal). Die Form´ehjéh leitet sich von dem hebräischen Verbum (Infinitivum) hajáh: werden, wirksam sein ab und ist die 1. Person Singular Imperfekt, das einen unbegonnenen, unvoll-endeten, also ewig (an-) dauernden Prozeß bezeichnet; diese Form bedeutet in diesem Kontext etwa „Ich bin das ewig werdende Sein“. (Die Einheitsübersetzung im Verlag Herder von 1980 übersetzt an dieser Stelle „Ich bin der `Ich-bin-da´“, was im Kontext Sinn macht, bezieht sich in der Fußnote aber unverständlicherweise auf den Gottesnamen „Jahwe“, der dort gar nicht steht). Der Eigenname Gottes, das Tetragrammaton („Vier Buchstaben“) JHWH, kommt das erste Mal in 1. Mosis 2: 4 vor; er ist ein Verbum, und zwar eine Kausativform in der 3. Person Singular Imperfekt des Infinitivums hawáh: werden, das mit hajáh eng verwandt ist. Danach bedeutet der Name Gottes „Er veranlaßt ewig zu werden“ oder „Er verwirklicht ewig“.
(Das hebräische Verbum besitzt zwei Aktionsarten [die Beschaffenheit oder der Zustand einer Handlung]: das Perfekt und das Imperfekt [nicht mit den gleichnamigen Formen in den indo-germanischen Sprachen zu verwechseln!]. Das Perfekt zeigt eine abgeschlossene Handlung oder einen vollendeten Vorgang an. Das Imperfekt bezeichnet einen unvollendeten Prozeß, eine nicht abgeschlossene, [noch] andauernde Handlung oder eine Handlung in ihrem Verlauf [in 1. Mosis 1 gibt es mehr als 40 Belege für eine fortlaufende Handlung, die durch ein hebräisches Verbum im Imperfekt ausgedrückt wird]. In der semitischen Sprache des Hebräischen kann also eine Handlung, die in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft stattfindet, durch Verba im Imperfekt angezeigt werden, falls die Handlung als nicht abgeschlossen betrachtet wird, während eine Handlung in denselben Zeiten, die als abgeschlossen betrachtet wird, durch Verba im Perfekt ausgedrückt werden kann. Dabei zeigt der Kontext die Zeit an und auch, ob das Imperfekt etwas Andauerndes, Fortlaufendes oder etwas sich Wiederholendes, immer wieder Geschehendes beschreibt.)
Den eben ausgearbeiteten Bedeutungen der beiden Namen Gottes in der Heiligen Schrift entsprechend sind die Aussagen des Johannes Scotus Eriugena (Frühscholastik) und von Baruch (Benedictus) de Spinoza (Rationalismus). Johannes Scotus unterscheidet in seinem Hauptwerk „Über die Einteilung der Natur“ vier Naturformen: 1. Die Natur, die schafft und nicht geschaffen ist: Gott als absolutes Sein aus sich (a se) und Schöpfer. 2. Die Natur, die geschaffen ist und schafft: die göttlichen Ideen als Urbilder für 3. die Natur, die geschaffen ist und nicht schafft: die Schöpfung der Welt. 4. Die Natur, die weder geschaffen ist noch schafft: der nach vollendeter Schöpfung wieder in sich selber ruhende Gott (vgl. 1. Mosis 2: 2: „… und er begann am siebenten Tag von all seinem Werk zu ruhen“ [hebräisch wajjischbóth steht im Imperfekt, das im Hebräischen eine unvollendete oder in ihrem Verlauf andauernde oder ewig währende Handlung ausdrückt {s. o.}]).
Benedictus de Spinoza definiert Gott als Substanz (lat.: „das darunter Stehende“; griech. hypokeímenon: Unterlage), die er wiederum bestimmt als „dasjenige, dessen Begriff des Begriffs eines anderen Dinges nicht bedarf, um daraus gebildet zu werden“. Von da aus gelangt er zu dem Unterschied zwischen natúra náturans und natúra naturáta : „Gott ist die schaffende Natur (natúra náturans), und alles, was ist, ist durch ihn geworden (natúra naturáta) und wird durch ihn im Sein erhalten.“ (Ethik, „dëus sive natúra“ [„Gott oder {auch} Natur“ ]). Die schaffende Natur ist bei ihm nicht identisch mit der geschaffenen Natur – aber: „Alles, was ist, ist in Gott, und nichts kann ohne Gott sein noch begriffen werden.“ (Ethik). Baruch de Spinozas Weltanschauung ist kein Pantheïsmus, sondern Panentheïsmus.
Die Schöpfung, das Erschaffen der Welt, ist das Verwandeln des An-Sich in das Für-Sich: Die Welt ist die Selbst-Offenbarung Gottes und „das Andere seines Selbst“ (Jakob Böhme). Natur als das, was uns in Raum und Zeit [Kant] und Zahl [Plichta] erscheint, ist „die Idee in der Form des Anders-Seins“ (Hegel), das in seinem Anders-Sein verwirklichte Absolute. Wirklichkeit (von mhd. würcken; zuerst bei Meister Eckhart für lat. actuálitas; vgl. den Eigennamen Gottes in 1. Mosis 2: 4: JHWH: „Er [be-] wirkt ewig“ [s. o.]), also das Bewirkte, ist abgebildete Idee (vgl. Platon): Die Schöpfung ist das Ent-Wickeln der Ur-Bilder (Ideen) zu ihren Ab-Bildern (als [wie in einem Raumspiegel nicht seitenverkehrte] Spiegelbilder der immateriëllen Ideen), die Selbst-Verwirklichung des absoluten (vier-dimensionalen) Bauplanes an sich zur relativen (dreidimensionalen) Welt für uns (Plichta), „die Allgegenwart des Einfachen in der vielfachen Äußerlichkeit“ (Hegel), das Entfalten des einen, ewigen, unendlichen Seins zur Vielzahl von zeitlichem, endlichem Seienden: in die zeitliche, endliche Vielheit entfaltete ewige, unendliche Einheit (Nicolaus Cusanus). Die Vielheit der Welt gründet in der Einheit des ewigen, unendlichen „Urgrundes“ (F. W. J. von Schelling), „Ungrundes“ (Jakob Böhme) oder „Abgrundes“ (Meister Eckhart), in dem alle Gegensätze der zeitlichen, endlichen Dinge aufgehoben sind: Gott (bei dem Gnostiker Valentino [† um 160 n. Chr.] unoffenbart als „propátor kai proarché“ [„Urvater und Urgrund“ ], offenbart als „páter kai arché“ [„Vater und Grund“]).
In Gott ist alles Sein eingefaltet (complicátio); die Vielheit der Welt ist seine Ausfaltung (explicátio): Alle Geschöpfe sind so eingefaltet in Gott Gott, wie sie ausgefaltet in der Schöpfung der Welt Welt sind (das ist kein Pantheïsmus, denn die Dinge sind in Gott und in der Welt nicht von gleicher Seinsweise). In der Welt ist die Unendlichkeit zu unterschiedenen Einzeldingen zusammengezogen (contráctio). Wahrheit (sanskrit advaïta: Nicht-Unter-schiedenheit) ist demnach das Zusammenfallen und Aufheben der endlichen, zeitlichen Gegensätze in der Einheit des unendlichen und ewigen Absoluten, also im Geist oder in Gott (coïncidéntia oppositórum [Nicolaus Cusanus / Giordano Bruno]): „Man erkennt Gott an der Vereinung (nicht Vereinigung!) der gegensätzlichen Eigenschaften, die sich auf ihn be-ziehen.“ (Sufi Hafis [Sufismus ist die arabisch-persische Esoterik bzw. Mystik des Islam])
Gott ist Subjekt und Objekt zugleich in eins. Gott ist das Wesen (ahd. wesan: Sein; substantivierter Infinitiv zu wesen: sein), das alles ist, was es sein kann (possest: Können-Sein [Nicolaus Cusanus]), alles sein kann, was es sein will (vollest: „Wollen-Sein“ [Norbert Knobloch]), alles sein will, was es schon ist (entelecheía: „das, was die Vollendung als Ziel in sich hat“), und daher alles wird, was es ist (Meister Eckhart: „Gottes Gewerden ist sein Wesen“): Gott ist das ewige Werden dessen, was Er immer schon (gewesen) ist (werden, griech. gígnesthai, lat. fíëri, ahd. werdan, german. Wurzel werþ, etymol. zusammenhängend mit lat. vértere: wenden [vgl. Uni-versum: das In-Eins-Gewendete!], altslaw. vratiti: drehen und altind. vrt: rollen [Grundbedeutung „sich wenden“, „das sich aus sich selbst ent-wickelnde Geschehen“ ]; vgl. den Eigennamen Gottes in 1. Mo 2: 4 und 2. Mo 3: 14 [s. o.]).
Und Gott ist Geist: „pneumá ho theós.“ („[Ein] Geist [ist] der Gott.“ [Joh 4: 24]). Analog zu Joh 1: 1 an der Stelle vor theós (s. o.) steht hier kein Artikel vor pneumá. Es ist also nicht irgendein Geist von vielen Geistern gemeint; vielmehr soll ausgesagt werden, daß Gott geistiger Natur ist. Und der das sagt, ist der inkarnierte (in cárne, lat.: ins Fleisch) Geist Gottes, der „einziggezeugte Gott“ (Joh 1: 18), der Gott-Mensch Jesus Christus.
Daher rührt auch der christliche Trinitätsgedanke (Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiliger Geist) der Dreifaltigkeit: 1. „Gott-Vater“ als absolutes, ewig unwandelbares, aus sich selber heraus bestehendes Sein (Aseïtät: Aus-Sich-Selbst-Sein). 2. die Gegenwart, An-Wesen-Heit des göttlichen Wesens (Parusie) in jedem Menschen potentiëll; aktuëll oder aktual (ver-wirklicht) in Erscheinung (Theophanie) getreten durch die Person Jesu Christi als „Gottes Sohn“. 3. als wirksame Kraft Gottes (hebr. we-rúach: Atem, Hauch, Wehen; eigtl.: „unsichtbare, wirksame Kraft“; s. 1. Mo 1: 2; 1. Mo 3: 8 u. 1. Mo 8: 1) sowie als Helfer und Tröster der Menschen (griech. ho parákletos; s. Joh 14: 16, 26; Joh 15: 26; Joh 16: 7) und als „Geist der Wahrheit“ (Joh 14: 17; Joh 15: 26; Joh 16: 13), der Heilige Geist (Joh 14: 26).
Eine der drei Wirkungen oder Funktionen des Heiligen Geistes (griech. pneumá, lat. spíritus; hier nicht nous oder ánimus) ist, neben Glaube (griech. pístis) und Hoffnung (griech. elpís), Liebe (griech. agápe, lat. cáritas; hier nicht éros oder ámor): „… denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren worden und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht kennengelernt, denn Gott ist Liebe. Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, daß Gott seinen einziggezeugten Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn Leben erlangen könnten.“ (1. Joh 4: 7 – 9; s. 1. Kor 13: 13) Johann Wolfgang (von) Goethe faßt zusammen: „Denn das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist.“.
`Lieben´ ist die Aktualisierung (Verwirklichung) des absoluten (nicht bedingten) Willens, das eigene Selbst und das eines anderen Wesens zu ent-wickeln, zu ent-schleiern und als identisch, nämlich von derselben Quelle (Gott) stammend, (wieder-) zu erkennen. 2) (Vgl. 1. Mosis 4: 1: „Und Adam erkannte sein Weib“ [das hebräische Verbum jada: kennen, {wieder-} erkennen, vertraut sein mit, verstehen, wissen bezeichnet u. a. ein Erkennen mit dem Herzen {5. Mo 8: 5; 29. Mo 3; Jos 23: 14; Dan 2: 30}]; Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen wirklich gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“; Nicolai Hartmann: „Der Liebende ist dem Geliebten Spiegel und Sinnerfüllung seines persönlichen Wesens.“; Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Das Gefühl des Lebens, das sich selbst wieder findet, ist die Liebe.“ und Fjodor M. Dostojewski: „Lieben heißt, den anderen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat“)
Dann und nur dann ist Wahrheit als Ent-Schleierung, Ent-Bergung, Offenbarung (griech.: alétheia; dem griechischen Wahrheitsbegriff entspricht im christlichen Denken die Offenbarung!), als Nicht-Verschiedenheit, Nicht-Zweiheit (sanskrit: advaïta), als Zusammen-Klang, Ein-Klang (griech. symphonía [Plotin]), als Harmonie (griech. harmonía: „das passend Zusammengefügte“) und als Resonanz (resonántia, lat.: Widerhall; [Mitschwingen {zweier Körper} bei gleicher Frequenz]; aus re: wider, zurück, u. sonáre: klingen, tönen, schallen) – eben Identität (idéntitas, lat.: Übereinstimmung [einer Person oder einer Sache] mit sich selber; aus ídem: dasselbe, u. ens [Genitiv: éntis]: seiend, das Seiende; zu esse: sein).
Stellen wir nun die beiden Definitionen der Schöpfung und der Liebe nebeneinander und setzen sie wie in einer mathematischen Gleichung zueinander in Beziehung:
a) `Lieben´ ist c) das Verwirklichen (Aktualisieren) des absoluten (nicht bedingten) Willens zur Evolution (Ent-Wick-e-lung) des (göttlichen) Bewußtseins (von der Identität) des eigenen Selbst und des Selbst anderer Wesen.
b) Die Schöpfung ist c) die (Eigen-) Verwirklichung (Aktualisierung) des absoluten Willens (Gottes), sich seiner selbst / seines Selbst durch den (Entwicklungs- und Erkenntnis-) Prozeß der Evolution im Menschen bewußt zu werden.
Es folgt daraus mathematisch stringent logisch (wenn a = c und b = c, dann gilt: a = b):
Schöpfung ist gleich Liebe – die Schöpfung ist die offenbarte Liebe Gottes:
Gott erschafft, indem er liebt, und er liebt, indem er erschafft.
1) hebr. tóhu wa bóhu: Unordnung und Leere; griech. cháos: klaffender, gähnender Raum; zu cháinein: gähnen, klaffen; indogermanisch ghii-a: gähnen (onomatopoëtisch); altnordisch ginungagap: das Gähnende; bei Hesiod (Theogonie 116, 700) „der unermeßliche Raum, der vor allen Dingen war“; erst später bei Anaxagoras (Diels 46, B. 1. 12), Platon (Timaios 30 A ff.) und Ovid (Metamorphosen I 7) dualistisch der ungeformte, ungestaltete Urstoff, der durch den Geist / Demiurgen („Baumeister“) geordnet wird. (Das ist also keine Schöpfung aus dem Nichts [creatio ex nihilo], wobei sich die Frage erhebt, woher der Urstoff stammt…)
2) Vgl. „Die verschleierte Göttin zu Saïs“: „Ich bin alles, was da ist, was da war und was da sein wird, und meinen Schleier hat kein Sterblicher aufgedeckt“ (was Immanuël Kant in einer Fußnote seiner „Kritik der Urteilskraft“ den „erhabensten Gedanken, der je ausgedrückt worden“ sei, genannt hat), und Friedrich [von] Schiller : „Das verschleierte Bild zu Saïs“



