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Die Schlafwandler

Buchbesprechung: "Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog". - Der Autor zeichnet das Bild eines nach und nach entstehenden, unentwirrbaren gordischen Knotens. Als der fertig geschürzt ist, meinten alle Beteiligen, dass nur noch durch einen (kurzen!) Krieg seine Entwirrung zu bewerkstelligen sei.

 

Von Andreas Tögel

Am 28. 7. 1914, mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, beginnt der dritte Balkankrieg, der sich bereits nach wenigen Tagen zu einem europäischen Flächenbrand ausweitet.

Ob Hundertjähriger oder Dreißigjähriger Krieg, ob amerikanischer Bürgerkrieg oder russisch-japanischer Krieg 1904/05 - die Frage nach einer Kriegsschuld wird nie gestellt. Auch bei den sehr zahlreichen Nahostkriegen der zurückliegenden Jahrzehnte wird die Benennung eines Schuldigen stets vermieden. Der Erste Weltkrieg bildet in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Ausnahme: Insbesondere für Historiker deutscher Zunge besteht kein Zweifel daran, den Furor teutonicus für den Ausbruch der Feindseligkeiten verantwortlich zu machen. Der Kaiser war ́s!

 

So gesehen, legt der australische Historiker Christopher Clark mit seinem viel beachteten Buch zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs ein revisionistisches Werk vor. Denn er kommt er zu keiner eindeutigen Schuldzuweisung. Vielmehr beschreibt er die Geschehnisse, die zu dieser europäischen Katastrophe geführt haben, als eine hochkomplexe Gemengelage von einander widerstrebenden Zielen, persönlichen Befindlichkeiten, Fehleinschätzungen, Verbindlichkeiten und unglücklichen Zufällen.

 

Clark misst den Ereignissen auf dem Balkan – anders als viele seiner Kollegen – aus vielerlei Gründen größte Bedeutung zu. Die Politik Serbiens bildet für ihn keine unbedeutende Randerscheinung, sondern ist ein zentrales Element der am Ende zum Krieg führenden Ereignisse. Nicht zufällig beginnt er seine fast 900 Seiten umfassenden Ausführungen mit dem Mord am Österreich freundlich gesinnten serbischen König Alexander Obrenović und dessen Frau anno 1903.

 

Russland konzentriert seine außenpolitischen Ambitionen – nach dem Debakel im Krieg gegen Japan – auf Europa. Die „türkischen Meerengen“, die Dardanellen, waren und sind für Russland von größter Bedeutung. Eine Blockade dieser wichtigen Meeresstraße – durch welche Macht auch immer – bedeutet schweren wirtschaftlichen Schaden. Somit erlangt der Balkan große Bedeutung, zumal das Osmanische Reich sich durch den Kauf britischer Schlachtschiffe eben anschickt, die Kräfteverhältnisse im Schwarzen Meer entscheidend zulasten Russlands zu verändern. Auf diesem Pulverfass muss es folglich zur Kollision russischer und österreichisch-ungarischer Interessen kommen (Bosnien-Herzegowina wird 1908 von der Donaumonarchie annektiert, was zu einer veritablen Krise führt).

 

Auch die gerne kolportierte Sage von der angeblichen Herausforderung der britischen Seemacht durch das ambitionierte deutsches Flottenbauprogramm wird von Clark zurechtgerückt: Niemals werden die deutsche Schiffe zu einer ernsthaften Bedrohung für die Royal Navy. Daß bald nach der Jahrhundertwende die deutsche Industrie die britische im Hinblick auf die Produktion von Kohle, Eisen und Elektrizität überrundet und das Reich auch im internationalen Handel auf der Überholspur ist, beeinflusst die britische Deutschlandpolitik zweifellos weitaus stärker.

 

Den 1887 von Bismarck initiierten deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag auslaufen zu lassen, ist zweifellos ein schwerer Fehler der deutschen Regierung, der auf einer krassen Fehleinschätzung ihrer außenpolitischen Optionen beruht. Damit ist der Weg zur „Einkreisung“ des Reiches frei – die auch prompt folgt. Die Aussicht darauf, Deutschland einen Zweifrontenkrieg aufzwingen zu können, bestimmt fortan die militärischen Überlegungen aller später am Krieg beteiligten Mächte.

 

Clark analysiert die politischen Strukturen der beteiligten Mächte und stellt deren wichtigste Protagonisten vor. Österreich-Ungarn, oder besser: dessen komplizierte politische Ordnung, seine Schwerfälligkeit und seine beklagenswerte militärische Verfassung, kommen dabei nicht gut weg. Die auf österreichischer Seite handelnden Akteure sind weniger entschlossen und in ihren Einschätzungen weniger treffsicher als jene auf englischer oder der französischer Seite. Daß – auf dem Weg zur Kriegserklärung an Serbien – ausschließlich ein lokaler Konflikt ins Auge gefasst und der „Plan R“ – also ein Kriegseintritt Russlands – nahezu vollständig aus den Überlegungen der politischen und militärischen Führung ausgeblendet wird, ist erstaunlich. Wie sich alsbald zeigt, ist Österreich-Ungarn einer derartig großen Auseinandersetzung auch in keiner Weise gewachsen.

 

Der Autor zeichnet das Bild eines nach und nach entstehenden, unentwirrbaren gordischen Knotens. Als der fertig geschürzt ist, meinten alle Beteiligen, dass nur noch durch einen (kurzen!) Krieg seine Entwirrung zu bewerkstelligen sei. Clark weist darauf hin, dass es ein Fehler ist, die Ereignisse von 1914 und die Jahre zuvor nur aus der Perspektive des nachgeborenen Wissenden zu betrachten. Die Politik jener Zeit ist eben – auf allen Seiten - durch Prognosen und Erwartungen geprägt, die zum Teil auf krassen Fehleinschätzungen beruhen. Hätten die Hauptakteure gewusst, dass ein europäischer Krieg zu diesem Ergebnis führt (20 Millionen Tote, 21 Millionen verwundete, drei zerstörte Reiche und der Aufstieg der schlimmsten Totalitarismen des 20 Jahrhunderts), wären sie mit Sicherheit zu politischen Lösungen gekommen. Denn nicht nur die Mittelmächte, sondern ganz Europa erleidet in diesem Krieg eine verheerende Niederlage.

 

Der Preußen-Experte Clark präsentiert keine Apologie für Deutschland und Österreich-Ungarn. Aber er macht deutlich, dass einseitige Schuldzuweisungen an deren Adresse verfehlt sind. Daran, dass der folgende „Friedensvertrag“ von Versailles den Keim für die zwanzig Jahre später folgende Katastrophe bildet, steht für ihn außer Frage. Prädikat: lesenswert!

Die Schlafwandler Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog Christopher Clark
Deutsche Verlags-Anstalt 2013
895 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-421-043959-7 € 39,99,-

 

Nachtrag und Update zu diesem Text 

1914: Kriegsschuld WK I nicht bei Deutschland!

Es wird verschiedentlich die Meinung vertreten, mit einem Kriegseintritt Russlands sei seitens Deutschlands/Österreich-Ungarns 1914 nicht gerechnet worden. Das stimmt zumindest für das Deutsche Reich keinesfalls: Genau von diesem aufgezwungenen Zweifrontenkrieg ging der Schlieffenplan aus: Die Mobilisierung der Russen wurde mit 4 Monaten angesetzt. So war der Plan, mit 7 West-Armeen Frankreich blitzartig niederzukämpfen, bis dahin die Russen mit 1 Ost-Armee (Befehlshaber: Generaloberst v. Prittwitz) abzuwehren und dann Teile der frei werdenden West-Armeen nach Osten zu werfen.

 

Dies war reine Theorie, denn 4 Monate vor der offiziellen Kriegserklärung (01.08.1914) hatte Russland unbemerkt mobil gemacht (Beweis: erbeutete Mobilmachungsakten) und so konnten schon im August 1914 zwei kampfstarke russische Armeen mit Macht in Ostpreußen einmarschieren (die Njemen-Armee unter Rennenkampf und die Narew-Armee unter Samsonow), beide einzeln an Truppenzahl der deutschen Ost-Armee deutlich überlegen, an Kampfkraft jede einzeln zumindest gleichwertig.

 

Die ostpreußische Bevölkerung floh panikartig. Gegen die Njemen-Armee wurde bei Stallupönnen und Gumbinnen hinhaltend gekämpft, danach setzte sich die deutsche Armee unbemerkt über das Eisenbahnnetz ab, baute sich überraschend vor der Narew-Armee auf und vernichtete die heldenmutig kämpfenden russischen Armeeeinheiten in der sechstägigen „Schlacht von Tannenberg“ gänzlich (26.08.1914 – 31.08.2014). Allein das I. AK unter General v. Francois (dem eigentlichen Entscheider dieser Schlacht) nahm 60.000 Gefangene und erbeutete 231 Geschütze.

 

FAZIT: Die Entscheidung zum Krieg stand bei Frankreich und seinem Verbündeten Russland längst fest. Die russische Mobilisierung viel zu spät erkennend, forderte  schließlich Deutschland von Russland die Demobilisierung und als diese nicht gestoppt wurde erfolgte am 01.08.1914 gegenüber Russland (die erste deutsche) Kriegserklärung. Von – noch dazu ausschließlicher – Kriegsschuld Deutschlands kann keine Rede sein – im Gegenteil!  

 

 

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