Beirut ist eine der interessantesten Städte auf diesem Planeten. Der Libanon ist auf jeden Fall eine Reise wert. Erlebnisse im ehemaligen Paris des Nahen Ostens.
Von Michael Mross
Ankunft am Flughafen von Beirut. Die ersten Abhängigen stecken sich in aller Seelenruhe eine Kippe an. So geht es genüßlich vorwärts zur Passkontrolle in einem "failed state" - einem gescheiterten Staat (nein, der Libanon ist natürlich nicht zu vergleichen mit Libyen. Aber es geht in die Richtung).
Der Flughafen von Beirut macht eher einen desolaten Eindruck. Er war während der Kriegshandlungen in der Vergangenheit auch mehrmals unter Beschuss und das sieht man dem Gebäude auch an. Mich wundert es, dass es überhaupt noch Einreisekontrollen gibt, angesichts der wenigen Flugzeuge. Denn der Tourismus ist im Libanon praktisch tot.
Vor dem Airport stehen ein paar verrottete Taxis. Ich habe zur Sicherheit ein Hoteltransfer bestellt. Da weiß man wenigstens vorher, dass man betrogen wird. Bei einem normalen Taxi wird man zwar als Neuankömmling auch betrogen, aber erst hinterher.
Es geht über eine verrottete Schnellstraße ins Herz von Beirut. Der Airport liegt im Süden der Hauptstadt. Dort regiert die Hisbollah, eine Art Staat im Staate mit eigenem Militär. Die Gegend sieht aus wie ein Slumviertel. Teilweise ausgebombt und völlig verarmt. Auf der Schnellstraße überholen wir Panzerkolonnen. Die Kettenfahrzeuge rasseln über den Betonboden. Wohin sie wollen weiß der Fahrer nicht. Alltag in Beirut.
Aus Sicherheitsgründen habe ich mich im "Four Seasons" einquartiert. Bestes Haus am Platz. Der Hotelbunker hat seine besten Tage jedoch auch schon hinter sich.
Dennoch: Herrlicher Blick über die Stadt und das Meer. Kaum zu glauben, dass hier vor Kurzem Krieg herrschte. Doch viele zerstörte Häuser zeugen davon. Beirut ist durchzogen von alten und neuen zerbombten Ruinen. Hotelruinen, Hochhaussklette, die nicht mehr weitergebaut wurden. Aber auch prachtvolle orientalische Altbauten, von denen teils nur noch Fassaden übrig blieben.
Es gibt aber auch Gebäude, die von der Blüte des "Paris des Nahen Ostens" zeugen. Denn der Libanon wurde nach dem Ersten Weltkrieg den Franzosen zugeschachert. Davon zeugen heute französische Straßennahmen und Cafes. Mancherorts wird man sogar noch mit einem "Bonjour" begrüßt.
Das war die Zeit, in der noch unterschiedliche Kulturen - Moslems, Juden, Christen - friedlich an der Levante zusammen lebten und den Libanon zu einer Traumgegend machten. Die Küste erinnert an die französische Riviera. Bis zu 3000 Meter hohe Berge laden zum Skifahren ein. Der Libanon war bis in die frühen 70iger Jahre "the place to be", ein Ort, wo man sein musste. Doch Mitte der 70iger ging der große Krieg los.
Moslems gegen Christen. Christen gegen Christen. Moslems gegen Moslems. Am Ende das totale Chaos: jeder gegen jeden. Ein Wunder, dass es später wieder friedlich wurde - aber erst nach 20 Jahren. Ich erspare an dieser Stelle die Kausalitäten für die kriegerische Wirrnis. Aber der Libanon zeigt, dass aus einem friedlichem Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Kulturen plötzlich das Gegenteil passieren kann. Natürlich wurde der Konflikt auch durch die damaligen Supermächte forciert, welche die von religiösem Wahn Getriebenen mit Waffen ausstatteten. Friedlicher wurde es erst wieder, als die UdSSR zerfiel.
Der Libanon wirkt heute wie ein "failed state", ein Staat, den es praktisch nicht gibt. Denn hier machen immer noch zahllose religiöse Gruppen praktisch, was sie wollen. Beirut, teilweise verfallen und chaotisch - und trotzdem ist die Stadt gerade deshalb äußerst liebenswürdig. Ich liebe Staaten ohne Regierung. Wie sowas aussieht kann man in Beirut fühlen.
Beim Gespräch mit den Menschen überwiegt der Wille zum Frieden und Kooperation, egal welcher Glaubensrichtung sie angehören. Unterschwellig dominieren aber Ängste, dass islamische Extremisten möglicherweise wieder die Oberhand gewinnen und das Land in den den Krieg stürzen.
Eine "Regierung" existiert praktisch nicht. Es mag zwar Gesetze geben, aber es hält sich niemand dran. Rote Ampeln, Regularien, Vorschriften - alles auf dem Papier. In Beirut bei grün eine Straße zu überqueren, ist lebensgefährlich. Denn in dieser Stadt gilt: Gesetze sind dazu da, sie zu durchbrechen. Niemand hält bei rot an einer Ampel an. Entsprechend chaotisch ist der Verkehr. - Das gilt auch für alles andere.
Die Menschen in Beirut sind äußerst liebenswürdig. Sie sprechen zwar kaum englisch, sind aber dennoch offen und hilfsbereit. Sie freuen sich über jeden Touristen, denn diese sind hier wirklich rar. Wer fliegt schon nach Beirut?
Dabei ist eine Reise dort hin auf jeden Fall empfehlenswert. Zunächst einmal ist es äußerst wohltuend, außerhalb der EU-Jurisdiktion zu sein. Für alle selbstbestimmte Menschen ist Beirut ebenfalls das Reiseziel Nummer eins: Hier kann mal sehen, wie Leben aussieht, wenn Staatsstrukturen zerfallen. Um es vorwegzunehmen: Das Leben geht trotzdem weiter und es ist sogar sehr schön.
Natürlich ist Beirut sehr chaotisch. Aber im Chaos blüht die Kreativität. Hunderte Kneipen und ein völlig unkontrolliertes Nachtleben machen die Stadt zum Paradies im Nahen Osten. Der "Rote Libanese" gilt als Qualitiätsprodukt für Freunde des Rausches ohne Alkohol, der ebenfalls in allen Variationen im Angebot ist.
Und für alle, die auf Brautschau sind: Es gibt wohl keine Stadt auf diesem Planeten mit attraktiveren Frauen als in Beirut. Diese Mischung aus Orient und Occident ist einmalig. Die Stadt ist jung, aufmüpfig und lebendig. Es riecht nah Ibiza in den 70iger Jahren: wild, unbändig, bunt.
Ab und zu mal ein Stromausfall. Macht aber nichts. Viele Straßen sind eh unbeleuchtet. Nur Schaufenster oder Werbung werfen ein schales Licht. Das heißt aber nicht, dass man sich in Beirut unsicher fühlen muss. Im Gegenteil: während man zum Beispiel in Südafrika, Johannesburg, an einer roten Ampel abgeknallt wird, kann man in Beirut selbst mitten in der Nacht völlig unbehelligt durch die Stadt marschieren - ohne jede Angst.
Beirut ist wunderschön. Ein Hauch von Anarchie weht über der Stadt, besonders wenn der Strom ausfällt. Die Menschen sind einiges gewohnt und begegnen Fremden extrem freundlich. Aber irgendwie schwebt der dunkle Schatten des Ungewissen über dem Land.
Momentaufnahme: Michael Mross in Beirut



