Bundesregierung rechnet mit steigenden Flüchtlingszahlen aus Afghanistan. Kunduz-Krise verschärft Auszug. Eine Million Afghanen wartet auf Pässe.
Die Bundesregierung fürchtet wegen der Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan einen drastischen Anstieg der Flüchtlingszahlen. Einem vertraulichen Lagebild deutscher Sicherheitsbehörden zufolge verlassen nach schon jetzt monatlich etwa 100.000 Afghanen ihre Heimat, das sind 30.000 mehr als in den vergangenen Monaten. "Die kurzzeitige Eroberung der Provinzhauptstadt Kunduz durch die Taliban könnte dazu führen, dass noch mehr afghanische Staatsangehörigkeit eine Migration in Betracht ziehen", heißt es nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen in dem sogenannten Gasim-Bericht.
Der Report des Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrum Illegale Migration (Gasim) schildert regelmäßig neue Entwicklungen in der Flüchtlingskrise. An dem Zentrum sind die Bundespolizei, das Auswärtige Amt, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst beteiligt. In dem Papier warnen die Behörden vor nicht weniger als einem neuen Exodus aus Afghanistan, der die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge noch einmal steigern würde.
Schon jetzt sind unter den Flüchtlingen sehr viele Afghanen. Die Zahl der illegal nach Deutschland eingereisten Afghanen habe sich in den ersten acht Monaten 2015 im Vergleich zum Vorjahr verachtfacht, heißt es in dem Papier. Im laufenden Jahr wurden demnach bis Ende September rund 52.000 Flüchtlinge aus Afghanistan registriert. Damit sei das Land hinter Syrien und Irak das "drittzugangsstärkste Herkunftsland", es sei davon auszugehen, dass Afghanistan als "Herkunftsland illegaler Migration" für Deutschland von "herausragender Bedeutung" bleiben werde.
Die Sorge vor dem sogenannten Kunduz-Effekt teilt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch die Bundeswehr. Wegen der tagelangen Besetzung der Provinzmetropole durch die Taliban, warnt ein internes Papier, werde das Vertrauen der Afghanen in die eigenen Sicherheitskräfte "weiter sinken und Abwanderungsbewegungen - nicht nur aus Kunduz - nochmals zunehmen". Von einer verheerenden Signalwirkung ist die Rede. Schon jetzt, so eine bisher nicht veröffentlichte Nato-Umfrage unter Tausenden Afghanen, fühle sich nur noch jeder Fünfte in Nordafghanistan sicher, in der Hauptstadt Kabul sei es nur noch jeder Vierte.
Als Beleg für die Fluchtplanungen führt das Gasim-Papier zudem an, dass derzeit rund eine Million Afghanen auf ihre bereits beantragten Pässe warten - viele von ihnen würden vermutlich anschließend den gefährlichen Weg nach Europa wagen. In Kabul bestätigte der Leiter der Passstelle SPIEGEL ONLINE diesen Trend. "Die Zahlen der Anträge auf einen Pass haben sich seit 2014 versiebenfacht", sagt Omar Saabor. Er bestätigte, dass seine Behörde bis zu 7000 neue Pässe pro Tag ausstellt. "Die meisten der Menschen hier wollen sich mit dem Pass auf die Suche nach einem guten Leben außerhalb Afghanistans machen", so Saabor.



