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Prof. Starbatty: Offener Brief an Münchau wegen Euro-Bruch

Prof. Joachim Starbatty klärt in einem offenen Brief SPON-Besserwisser Münchau auf. Dieser hatte zuvor seinen verblüfften Lesern erklärt, das Eurosystem sei wie der Goldstandard und werde deshalb zerbrechen.

 

Offener Brief


Sehr geehrter Herr Münchau,

in Ihrem Artikel „Daran wird der Euro zerbrechen“ (SPIEGELONLINE, 25. Dezember 2015) sagen Sie voraus, dass das Eurosystem wie der Goldstandard in den Dreißiger Jahren zerbrechen werde. Auslösendes Element sei die prozyklische Haushaltspolitik, zu der die Schuldnerstaaten sowohl im Goldstandard also auch im Euro-System gezwungen seien. Insofern ist für Sie der Euro ein moderner Goldstandard. Es lohnt sich, Ihrer Schlussfolgerung anhand der Wirkungsweise des Goldstandards und des Eurosystems nachzugehen.


Im Goldstandard waren die nationalen Währungen in Gold definiert, die umlaufende Geldmenge war abhängig von den Goldbeständen und die Wechselkurse wurden durch Goldbewegungen zwischen den beteiligten Zentralbanken stabilisiert. Hatte ein Mitglied des Goldclubs ein Leistungsbilanzdefizit, so stieg die Nachfrage nach Währungen der Exportländer. Deren Währungen wurden aufgewertet.

 

Überschritt die Aufwertung einen bestimmten Punkt, so lohnte es sich für die Importeure, bei ihrer Zentralbank nationale Währung gegen Gold einzutauschen und dieses Gold der Zentralbank anzubieten, deren Währung gesucht wurde. Diese Goldarbitrage setzte ein, wenn die Kosten für die Versendung des Goldes – Fracht und Versicherung – unter dem Aufwertungssatz der gesuchten Währung lagen.

 

So wurden die Währungen der Mitglieder des Goldclubs innerhalb einer bestimmten Menge – etwa +/- 2,5% – stabilisiert. Die Zentralbanken in den Überschussländern erhöhten über den Goldankauf die umlaufende Geldmenge; umgekehrt sank im Defizitland die Geldmenge aufgrund des Verlusts an Goldreserven.

 

Zusätzlich konnte die Zentralbank des Abwertungslandes den Zinssatz erhöhen, um dem Schwund an Goldreserven entgegenzuwirken. So wurde der restriktive Kurs noch verstärkt. Es sorgten also nicht die Finanzpolitiken, sondern die gegenläufigen Geldpolitiken für einen Ausgleich der Leistungsbilanzen und für eine Stabilisierung der Wechselkurse. Man kann in diesem Vorgang auch eine Art Konjunkturschaukel sehen.


Im Eurosystem vollzieht sich der Anpassungsprozess dagegen über gegenläufige Finanzpolitiken; es gibt keine nationalen Geldpolitiken mehr.

 

Wir erinnern uns: Wegen des gemeinsamen Geldes sanken die Zinsen im Euroraum auf das niedrige deutsche Niveau. Das war für die Mitgliedstaaten insbesondere im Süden der Eurozone ein positiver Konjunkturschock; im Zeitraum 2002 bis 2007 waren dort bei überhitzter Konjunktur die Realzinsen – Refinanzierungssatz bei der EZB unter Berücksichtigung der nationalen Preissteigerungsraten für den privaten Verbrauch – sogar negativ.

 

Die Konsequenzen waren ausufernde private und öffentliche Verschuldung, steigende Lohnstückkosten und Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit. So entstand in der Eurozone ein Riss: international wettbewerbsfähige Länder im Norden, international nicht mehr wettbewerbsfähige im Süden.


Im System flexibler Wechselkurse würde die unterschiedliche Entwicklung über gegenläufige Wechselkursbewegungen kompensiert, im Goldstandard hätten unterschiedliche Geldpolitiken für einen rechtzeitigen Ausgleich gesorgt, im Eurosystem müssen unterschiedliche Finanzpolitiken für einen Ausgleich sorgen – restriktiv im Süden und expansiv im Norden.

 

Eine interne Abwertung im Süden – Steuererhöhungen, Kürzungen von Staatsausgaben einschließlich Sozialleistungen und Lohnabschläge – und eine interne Aufwertung im Norden – Steuersenkungen, Anstieg von Staatsausgaben einschließlich Sozialleistungen und aggressive Lohnpolitik – müssten auf einen Ausgleich der unterschiedlichen Wettbewerbsfähigkeit hinwirken.

 

Doch ist die deutsche Bundesregierung nicht bereit, ihre internationale Konkurrenzfähigkeit zu mindern – siehe die neuesten Prognosen für den Export in 2016. Die Regierungen im Süden der Eurozone sind immer weniger bereit, die ihnen im Eurosystem aufgezwungene Politik der internen Abwertung mitzumachen.


Auch wenn die Anpassungslasten im Goldclub und im Eurosystem unterschiedlich sind, stimme ich Ihrer Schlussfolgerung grundsätzlich zu: Souveräne Mitgliedstaaten sowohl im Goldstandard als auch im Eurosystem verlassen das System, wenn es ausgedient hat. Doch bleibt im Eurosystem noch eine dritte Option: Während im Goldclub Transferleistungen ausgeschlossen waren, arbeitet derzeit die EU- Kommission an der Vergemeinschaftung von Sicherungssystemen. Das läuft auf einen supranationalen Finanzausgleich hinaus.

 

Freilich ist zweifelhaft, ob über solche Transfers die internationale Konkurrenzfähigkeit im Süden der Eurozone gestärkt und genügend Arbeitsplätze für die Jugendlichen geschaffen werden. Es ist bemerkenswert, dass im Europäischen Parlament von der Gruppe „Vereinigte Europäische Linke“ folgender Antrag eingebracht wurde: Schieden Eurostaaten aus dem Eurosystem aus, weil es die Erholung ihrer Wirtschaft behindere, sollten sie während der Übergangszeit Anpassungshilfen von der EU erhalten.

 

Ginge es nach Maßstäben der wirtschaftlichen und letztlich auch der politischen Vernunft, so wäre ein Ende des Eurosystems oder – positiv gewendet – dessen Neuanfang in absehbarer Zeit zu erwarten.

Professor Dr. Dr. h.c. Joachim Starbatty, MdEP ALFA

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