WTI ÖL fiel gestern erstmals seit über einem Jahrzehnt wieder unter die Marke von 30$ / Barrel. Goldman Prognose: WTI geht 2016 auf 20 Dollar. - Böses Omen für die Börsen?
Raimund Brichta zu Öl und Börsen
Oft ist in den Börsenkommentaren diese Begründung für den Kursdämpfer an den Börsen zu lesen: Der Ölpreis falle, und dies deute auf eine bevorstehende Konjunkturschwäche hin. Tatsächlich gehört der anhaltende Ölpreisrutsch zu den Top-Ereignissen des alten und neuen Börsenjahres. Wer aber unterstellt, die Richtung des Ölpreises sei ein Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung, muss die letzten Jahre verschlafen haben. Sonst wäre ihm unschwer entgangen, dass der Ölpreis zum Beispiel bis Mitte 2008 rasant anstieg, obwohl noch im selben Jahr eine Rezession begann. Ihm wäre auch nicht entgangen, dass der aktuelle Ölpreisrutsch schon seit anderthalb Jahren anhält, sich seither aber keine Rezession einstellt. Kurzum: Den Ölpreis auf diese Weise als Konjunkturindikator einzusetzen, halte ich für abwegig.
Ölmarkt mit Wasserkopf
Der Ölpreis steigt und fällt vielmehr aus einem ganz anderen Grund: Hauptsächlich wegen der riesigen Summen, die Anleger und Spekulanten an den Ölterminmärkten bewegen. Ihre Geschäfte haben sich von der realen Angebots- und Nachfragesituation beim Öl längst abgekoppelt. Sie sind wie ein riesiger Wasserkopf, der auf den Ölmarkt aufgepfropft ist.
Um das zu erkennen, genügt ein Blick auf die Statistik, die zeigt, wie viel Öl tatsächlich gefördert und verbraucht wird: In den vergangenen 15 Jahren sind sowohl das reale Angebot als auch die reale Nachfrage um durchschnittlich 1 bis 2 Prozent pro Jahr gestiegen. Eine gemächliche Entwicklung also. Was aber hat der Ölpreis in dieser Zeit gemacht? Er stieg zunächst um mehrere hundert Prozent, um sich danach zu dritteln, wieder zu verdreifachen und anschließend erneut zu dritteln. Das alles, während sich Angebot und Nachfrage stetig und nur im kleinsten Prozentbereich veränderten.
Somit steht fest: Die horrenden Preisschwankungen werden ausschließlich durch virtuelles Angebot und virtuelle Nachfrage am Finanzmarkt für Öl verursacht. Die dort vorherrschenden Trends werden zwar mit Argumenten befeuert, die sich auf den realen Markt beziehen. Die Finanzakteure kreieren damit aber nur eine Scheinwelt, die suggeriert, sie wäre die Realwirtschaft. Tatsächlich ist sie bloß ein Zerrbild derselben.
Anmerkung: Raimund Brichta und die Experten vom "Wahre Werte Depot" haben kürzlich alle Aktien rausgeschmissen. Die einzige verbliebene Position ist Gold - das in letzter Zeit trotz sinkender Rohstoffpreise erstaunlich stabil ist. - Ein wichtiger Indikator für die weitere Börsenentwicklung sind die Bankenkurse: Deutsche Bank und Commerzbank notieren in der Nähe ihrer Krisen-Tiefstände von 2008 / 2009 - kein gutes Zeichen.



