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Endlich frei!

Die letzten zehn Jahre waren überaus anstrengend, aber auch sehr lehrreich. Die zahlreichen Gespräche und Diskussionen über unser Geld- und Wirtschaftssystem, die ich mit vielen verschiedenen Menschen geführt habe waren teils deprimierend.

 

Von Helmut Reinhardt

In den unzähligen Unterhaltungen über unsere Geld- und Wirtschaftsordnung haben sich für mich verschiedene Gruppen von Menschen heraus kristallisiert. Obwohl ich Menschen äußerst ungern in Schubladen stecke, möchte ich in diesem Artikel eine Einordnung verschiedener Denkcharaktere vornehmen. Wichtig ist mir dabei, dass meine Analyse wertfrei betrachtet wird, denn für jeden Typ ergeben sich sowohl Vor-, als auch teils gravierende Nachteile.



Realitäts-Atheisten

Da gibt es als Erstes das große Kollektiv der Menschen, die ich „Realitäts-Atheisten“ nennen möchte. Ich schätze den Anteil dieser Gruppe in unserer Gesellschaft auf mehr als 50 Prozent ein. (Tendenz abnehmend.)



Diese Menschen haben einen tiefen Glauben und ein kaum zu erschütterndes Vertrauen in die bestehende Geld- und Wirtschaftsordnung, wobei eine teilweise völlige Unwissenheit über die Funktionsweise dieses Systems vorliegt. Es ist eigentlich unvorstellbar, dass es heutzutage immer noch Menschen gibt, die überzeugt sind, dass der Euro und alle anderen Weltwährungen durch Gold gedeckt sind. Konfrontiert man Realitäts-Atheisten zum Beispiel mit der Tatsache, dass das amerikanische Federal Reserve System ein privates Kartell amerikanischer Geschäftsbanken ist, bekommt man meistens den Vorwurf zu hören, man sei ein Spinner oder Verschwörungstheoretiker.

 

Das Aufzeigen der Defizite des bestehenden Systems und die unausweichlichen negativen Folgen eines Zinseszinssystems für Wirtschaft und Gesellschaft werden fast immer mit den Worten kommentiert, man sei zu pessimistisch und ein Schwarzseher. Im Übrigen halten Realitäts-Atheisten das bestehende System aus einem einfachen Grund für hervorragend und nicht ersetzbar: sie kennen kein besseres und können sich ein solches auch nicht vorstellen.



Im Prinzip macht es keinen großen Sinn, sich auf Diskussionen mit diesen Menschen einzulassen, da die Unterhaltung in der Regel für beide Seiten sehr unbefriedigend  endet. Es ist in etwa so, als würde man mit jemandem über ein Fußballspiel reden wollen, obwohl dieser Mensch weder das Spiel gesehen hat, noch das Ergebnis kennt. Zudem liegen weitere Kenntnisse in Bezug auf Regelwerk und Spielziele (Tore schießen und verhindern) der Sportart Fußball nicht vor. Realitäts-Atheisten glauben nicht an die bestehende Wirklichkeit, sondern hauptsächlich an das, was Mainstream-Medien und Werbung (z. B. Energiesparlampen sparen Energie und sind umweltfreundlich / die Schweinegrippe ist sehr gefährlich) als Realität verbreiten. Ein Hinterfragen oder selbständiges Nachdenken über bestimmte Nachrichten und Meldungen findet nicht statt. Die Standardantwort dieser Menschen auf nachprüfbare Tatsachen lautet: „Das glaube ich aber nicht!“



Im Übrigen ist das Schubladendenken innerhalb dieser Gruppe sehr ausgeprägt. Man versucht seinen Gegenüber in einen bestimmten politischen Bereich einzuordnen, obwohl die Themengebiete Geld und Wirtschaft weitestgehend unpolitisch sind. Mich persönlich haben die Realitäts-Atheisten in den letzten Jahren in eine Schublade gesteckt, die sehr umfassend ist. Mein mir verpasster, ganz persönlicher Stempel hat den Aufdruck: „Kapitalistischer rechts-links Kommunist mit radikal-terroristischen Tendenzen und einem Hang zu naiv-unrealistischer Sozialromantik und Weltverbesserei.“ Verzeihen Sie mir, wenn diese Aufstellung nicht ganz vollständig ist, da ich an dieser Stelle auf Schimpfwörter verzichten möchte.



Der Vorteil der Realitäts-Atheisten ist, dass sie relativ angstfrei leben, da sie der Politik und den „Experten“ in höchstem Maße vertrauen. Des Weiteren sind sie niemals isoliert, denn bei Diskussionen finden sie schnell Verbündete, da sie zur größten Gruppe unserer Gesellschaft zählen. Sie fühlen sich in der Regel sehr wissend und überaus wohl dabei.



Zukunftsagnostiker

Als nächstes haben wir eine Gruppe, die ich „Zukunftsagnostiker“ getauft habe. Ihren Anteil in der Bevölkerung schätze ich auf fünf bis zehn Prozent.



Sie zeichnen sich zum Ersten durch geduldiges Zuhören aus und vermeiden es, Zwischenfragen zu stellen oder Streitgespräche aufkommen zu lassen. Dem Gesagten geben sie in der Regel ohne Widerspruch Recht. Allerdings geben diese Menschen sich schon bald als völlig beratungsresistent zu erkennen, weil sie für ihr wirtschaftliches Handeln Hinweise und Warnungen in Geldangelegenheiten als völlig irrelevant betrachten.



Als Beispiel möchte ich aus meinem Bekanntenkreis einen Handwerksmeister nennen, der sich nach Abschluss der Meisterschule vor gut einem Jahr selbstständig gemacht hat. Erfolgreiche Werbemaßnahmen und der Anfangselan haben dazu geführt, dass seine Auftragsbücher, - im Gegensatz zu vielen regionalen Konkurrenzbetrieben, die seit längerem Kurzarbeit angemeldet haben – gut gefüllt sind. Eine zweijährige Steuerrückstellung für Unternehmensgründer, ein Anfangsdarlehen in Höhe von € 60.000 für die Betriebsgründung und ein kleineres Privatdarlehen aus der Vergangenheit, das noch getilgt werden muss, halten ihn nicht davon ab, ab sofort den Lebensstandard drastisch zu erhöhen. Was kostet die Welt? Zwei neue Luxusautos müssen angeschafft werden: ein SUV und für die Frau ein Zweisitzer-Sportcabrio, geleast über vier Jahre. Die alte Mietwohnung ist auch nicht mehr angemessen, also wird ein € 275.000 teures, stark renovierungsbedürftiges Einfamilienhaus ohne Eigenkapital über 30 Jahre finanziert.



Meine Warnungen und auch die von Bankberatern verschiedener Kreditinstitute, die das Darlehen nicht genehmigt haben, sind für ihn kein Grund sein Handeln zu überdenken (u. a. auch der Artikel „Leute macht keine Schulden“ von Dirk Müller auf bild.de).  Die Warnungen werden weder als gut gemeinter Ratschlag, noch als Zurechtweisung empfunden. Sie durchdringen das Gehirn des Zukunftsagnostikers von einem Ohr zum anderen, ohne von den Synapsen zur Informationsverarbeitung an andere Hirnregionen weitergeleitet zu werden.



Die Bewilligung des Darlehens einer Bank mit geringerer Risikoaversion, zeigt dem Zukunftsagnostiker, dass er sich jetzt zu Recht Haus„besitzer“ nennen darf. Er hat sein kurzfristiges Ziel erreicht und ist vollstens zufrieden und glücklich.



Zukunftsagnostiker gehen grundsätzlich davon aus, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist und es sich grundsätzlich nicht lohnt, über sie nachzudenken oder von einem möglicherweise negativen Zukunftsszenario auszugehen.



Der Vorteil der Zukunftsagnostiker besteht darin, dass sie sehr unbekümmert leben und in der Regel sehr ruhige, angenehme Zeitgenossen sind. Sie regen sich weder über Politiker oder anders lebende und denkende Menschen auf. Grundsätzlich sehen sie keinen Sinn darin, über die Zukunft betreffende Geld- und Wirtschaftsfragen nachzudenken. Sie leben in der Gegenwart und das in der Regel ihren Wünschen und Möglichkeiten entsprechend gut. Sie sind von der Überzeugung geprägt, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist und das persönliche Schicksal unbestimmt. Sie haben nichts gegen Rücklagen, die in der Zukunft dienlich sein können, stellen sie aber für gegenwärtige Konsumausgaben hinten an. Geht irgendetwas schief, nehmen sie auch die neue unangenehmere Situation als gegeben hin und versuchen das für sie momentan Beste heraus zu holen.



Zweifelnde Dualisten

Der dritten Gruppe möchte ich den Namen „Zweifelnde Dualisten“ geben. Meiner Schätzung nach liegt der Anteil dieser Gruppe in der Gesellschaft bei ca. 30 bis 40 Prozent (Tendenz zunehmend).



Meistens entstammen diese Menschen dem Lager der Realitäts-Atheisten. Die aktuelle Weltwirtschaftskrise hat ihr Leben und Denken nachhaltig verändert und regt sie an, sich ein wenig mehr mit Geld und Wirtschaft zu beschäftigen.



In der Regel sind diese Menschen von Grund auf sehr auf Sicherheit bedacht, weil sie mehr oder weniger sorgenvoll in die Zukunft blicken. Ihre Risikoaversion ist stark ausgeprägt, und sie meiden unsichere Geldanlagen wie der Teufel das Weihwasser. Vorsorge betreiben sie in der Regel mit einer „sicheren“ Kapitallebensversicherung oder isländischem Festgeld und Lehmann-Zertifikaten, die ihnen als 100%ig sichere Geldanlage verkauft wurden. Auch Aktien, die sie ihren Enkeln vererben möchten befinden sich in ihrem Depot, wobei Versorger und vor allem Autowerte eine große Rolle spielen. Sie sind heimlich ein wenig stolz darauf, Miteigentümer von VW oder BMW zu sein, würden das aber nie an die große Glocke hängen.



Ihre teils großen Verluste und die Nachrichten über eine ausgebrochene Weltwirtschaftskrise haben sie zutiefst schockiert, weil sie diese Katastrophe bis vor einem Jahr für absolut unmöglich hielten. Damals gehörten sie noch zur Fraktion der Realitäts-Atheisten.



Auch den guten Nachrichten in Funk und Presse trauen sie nicht mehr so recht über den Weg und hegen im Gegensatz zu früheren Zeiten ein sehr viel größeres Misstrauen gegenüber den Medien, - vor allem, weil sie von diesen nicht vor der Finanzkrise gewarnt wurden.



Sie beginnen, sich über andere Kanäle zu informieren. Es wird im Internet recherchiert und falls Sie auf eine Seite stoßen, die die Bevorratung von Lebensmitteln empfiehlt, sind Zweifelnde Dualisten durchaus bereit, in ihren Kellern diverse Erasco- und Jokischkonserven (diese Branche hat seit Ausbruch der Finanzkrise ein Umsatzplus von 15 Prozent) einzulagern und ein bisschen Gold und Silber in physischer Form zu kaufen. Natürlich sprechen Zweifelnde Dualisten im Bekanntenkreis nicht über ihre Sorgen. Sie haben Angst ausgelacht und verhöhnt zu werden. Gesellschaftliche Ausgrenzung empfinden diese Menschen als peinliche Schmach, die ihnen äußerst unangenehm ist.



Trotz ihres neuen Misstrauens und dem Gefühl, dass etwas gewaltig schief läuft in unserem Wirtschaftssystem, wird die Lebensversicherung, die im Jahre 2028 eine Auszahlung von € 130.000,00 verspricht nicht vorzeitig verkauft oder gekündigt. Diese Menschen haben immer noch die Hoffnung, dass doch alles gut geht, sind aber unsicher, zweifelnd und voller Sorge. Den Realitäts-Atheisten sind sie in Diskussionen hoffnungslos unterlegen, weil ihnen (im Gegensatz zu den Realitäts-Atheisten) völlig bewußt ist, dass sie nur über minimale Kenntnisse in Geld- und Wirtschaftsfragen verfügen.



Zweifelnde Dualisten sind Menschen, die sich in Finanzangelegenheiten gerne beraten lassen, ohne auf ein gesundes Misstrauen in Bezug auf die Beratung zu verzichten. Gemeinhin verlassen sie sich auf ihr Bauchgefühl, haben aber kein Interesse und auch nicht den Willen ihr Wissen konsequent zu erweitern und den Dingen auf den Grund zu gehen. Gut geht es ihnen in der Regel nicht dabei, denn durchgrübelte, schlaflose Nächte zählen bei dieser Gruppe zur Tages-(Nacht)ordnung. Der Vorteil der Zweifelnden Dualisten liegt in der Tatsache, dass sie für kommende schlechte Zeiten wenigstens die grundlegende Vorsorge getroffen haben. Sie werden im Fall der Fälle nicht alles verlieren, sich dann aber um so mehr ärgern, nicht weitreichendere Maßnahmen getroffen zu haben.



Radikale und Freie Radikale

Die letzte Gruppe, die ich Ihnen vorstellen möchte ist die Fraktion der „Radikalen“ und „Freien Radikalen“. Der Anteil dieser Menschen an der Gesamtbevölkerung dürfte äußerst gering sein und ich schätze ihn auf maximal 0,1 bis 0,5 Prozent.



Ihr Art zu Denken unterscheidet sich völlig vom Rest der Gesellschaft. Sie hinterfragen alles und untersuchen jede Entwicklung hinsichtlich ihrer Ursachen. Grundsätzlich wird zunächst einmal alles für möglich erachtet. Innerhalb dieser Denkprozesse gibt es keine Tabus oder gar Angst vor Entdeckungen, die nicht mit der allgemein gültigen Meinung (Mainstream) zusammen passen.



Ein Radikaler oder Freier Radikaler hat keine Hemmungen davor, zu seiner Meinung zu stehen und diese auch zu veröffentlichen. Er/Sie fürchtet sich nicht davor, mit seiner Sichtweise der Dinge isoliert zu sein.



Jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Radikalen und Freien Radikalen. Finden Radikale etwas heraus und halten es für äußerst wahrscheinlich, dass ihre These stimmt, so wird diese für sie zur absoluten Wahrheit. Sie streiten sehr gerne und versuchen in Diskussionen, den Gegenüber von der Richtigkeit ihrer Aussagen zu überzeugen. Ihr Ziel ist es, Recht zu bekommen und Andere über deren falsches Denken aufzuklären. Das Weiterdenken hört bei Radikalen an einem bestimmten Punkt auf, und sie versteifen sich auf ihre gefasste Meinung.



Ein Freier Radikaler hingegen versucht aus Diskussionen, neues Wissen für seine persönliche Fortbildung zu ziehen. Er vergleicht sein Denken und seine bestehenden Theorien ständig mit der Wirklichkeit und dem Denken anderer. Im Gehirn eines Freien Radikalen wird laufend untersucht, ob Ereignisse die eigene bestehende Theorie stützen oder gegen sie sprechen.



Den Freien Radikalen ist dabei völlig bewußt, dass ihre Theorien nicht unbedingt stimmen müssen und sie versuchen ständig, die Ergebnisse zu verbessern und den Realitäten anzupassen. Sie rechnen und denken in Wahrscheinlichkeiten. Sie betrachten vergangene und gegenwärtige Ereignisse aus allen denkbaren Blickwinkeln und ziehen daraus ihre Schlüsse für die Zukunft. Sie schenken den Ursachen von Ereignissen besondere Beachtung und nicht nur dem Ereignis an sich. Sie suchen plausible Gründe für das Eintreten eines Geschehens und schließen daraus auf die Zukunft. Diese völlig andere Denkweise verhilft ihnen zu Einblicken in zukünftige Entwicklungen, die mit herkömmlichen Denkstrukturen nicht möglich sind.



Schätzen Freie Radikale die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines zukünftigen Ereignisses (beispielsweise den Zusammenbruch des Weltfinanzsystems) als sehr hoch ein, ist ihr Handeln radikal. Man zieht sich sofort aus unsicheren Geldanlagen zurück und schichtet um in andere Geldanlagen, wobei ein Freier Radikaler sich natürlich sofort fragt, welche Alternativen es gibt, die einen Zusammenbruch des Systems noch verhindern könnten. Eine Hinterfragung des gesamten Systems findet statt.



Der Vorteil der Freien Radikalen liegt darin, dass sie sehr gut zukünftige Geschehnisse vorhersagen und sich entsprechend darauf vorbereiten und handeln können. Doch leicht haben es Freie Radikale auch nicht. Es erfordert viel Kraft und Energie, sich dem Mainstream entgegen zu stellen und zu seiner Meinung (die zum Großteil durch intensive analytische Denkvorgänge zustande gekommen ist) zu stehen. Um es kurz zu machen: Freie Radikale (und auch Radikale) brauchen ein dickes Fell.



Ein besonderes Merkmal der Freien Radikalen ist (im Gegensatz zu den Radikalen), dass sie vorhergesagte Ereignisse nicht triumphierend bejubeln, sondern sie benutzen, um ihre eigene Analyse noch einmal auf eventuell nicht bedachte Fehler oder Unzulänglichkeiten zu überprüfen.



Bitte überprüfen Sie anhand dieser Analyse Ihre eigene Denkweise. Für persönliches Glück ist freies Denken unabdingbar. Freies Denken erfordert Mut und Toleranz.



Besonders bemerkenswert finde ich es, wenn Menschen sich im Laufe der Zeit zu Freien Radikalen entwickeln. Noch vor wenigen Wochen hat mir ein ehemaliger Realitäts-Atheist voller Stolz von seinen umfangreichen Maßnahmen und Umschichtungen in finanziellen Dingen erzählt, die er selbst aus freien Stücken und auf Grund von Nachforschungen eingeleitet und ausgeführt hat. Er schloss seinen Bericht mit den Worten: Endlich frei!

Via www.cashkurs.com

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