Hat Erdogan den Putsch selbst eingefädelt, um hinterher gestärkt daraus hervorzugehen und Gegner komplett auszuschalten? Vieles deutet darauf hin.
Ex-Generalinspekteur Harald Kujat findet den türkischen Putschversuch „merkwürdig“
Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, sieht den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan durch den gescheiterten Putschversuch eher gestärkt und fürchtet, dass dies auch Nachteile für Deutschland bringen wird.
„Die Dinge werden für uns eher schwieriger, weil die türkische Regierung gestärkt aus diesem Putsch hervorgeht“, sagte er der „Frankfurter Rundschau“ (Online-Ausgabe). „Die Türkei wird ihre Karte spielen. Und wir müssen nun vor allem im Nato-Rahmen unsere Interessen sichern.“
National werde dies zunehmend problematisch. Die Türkei bleibe im Kampf gegen den internationalen Terrorismus jedenfalls von großer geostrategischer Bedeutung, fügte Kujat nicht zuletzt mit Blick auf den Bundeswehr-Einsatz im türkischen Incirlik hinzu. Und sie sei immer schon schwierig zu handhaben gewesen.
Der einstige Generalinspekteur zeigte sich im Übrigen verwundert darüber, wie „merkwürdig“ der Putsch aus seiner Sicht verlaufen sei. Denn die drei voran gegangenen Staatsstreiche seien allesamt anders vonstattengegangen. Dass der Putsch fingiert sei, halte er für äußerst unwahrscheinlich – zumal sich so etwas nicht kontrollieren lasse.
Es falle aber unter anderem auf, dass Richter und Staatsanwälte festgenommen würden, die mit der Sache gar nichts zu tun hätten. Und Erdogan selbst habe den Putschversuch als „Geschenk Gottes“ bezeichnet.
Kujat kritisierte dies mit den Worten: „Der liebe Gott wird für alles Mögliche missbraucht.“ Noch lasse sich die Angelegenheit nicht vollständig überblicken, betonte der früher ranghöchste deutsche Soldat. Doch es gebe ein altes Sprichwort. Es laute: „Die Sonne bringt es an den Tag.“ Kujat ist am Sonntag zu Gast bei „Anne Will“.
Nach meiner Beobachtung und Analyse des Ablaufs des Putsch und was daraus geworden ist komme ich zur Überzeugung, Erdogan hat diesen selbst inszeniert, um als Held dazustehen und um seine Macht zu erweitern. Es kann ja nicht sein, dass echte Putschisten so naiv waren und so amateurhaft vorgegangen sind. Es waren zu wenig Soldaten im Einsatz, um das Land wirklich zu kontrollieren. Und dann die Schnelligkeit, wie der Putsch zusammengebrochen ist, innerhalb von wenigen Stunden. Nein, das war kein echter Umsturz, sondern eine Erdogan-Show!
FAZ: Hätte Erdogan den Putschversuch inszenieren können?
Angesichts von Erdogans Einfluss wäre das vermutlich nicht undenkbar, aber doch sehr schwierig. Unter den mutmaßlichen Rädelsführern sollen fünf Generäle und 28 Oberste sein, die mit Erdogan unter einer Decke hätten stecken müssen. Erdogan hat öffentlich angekündigt, dass sie „einen sehr hohen Preis“ bezahlen werden, vermutlich werden sie viele Jahre im Gefängnis sitzen müssen. Welchen Vorteil die Offiziere von einer solchen Verschwörung hätten, erschließt sich nicht.
Was hätte Erdogan von einem inszenierten Putsch?
Die Aussicht auf mehr Macht. Der Putschversuch dürfte Erdogan als Argument für sein wichtigstes und umstrittenstes Ziel dienen: Die Einführung eines Präsidialsystems, das nach seinen Worten für mehr Stabilität in der Türkei sorgen soll. Allerdings: Erdogan ist bereits jetzt unangefochten der mächtigste Politiker der Türkei. Die Chancen, dass er sein Präsidialsystem bekommt, standen schon vor dem Putschversuch nicht schlecht. Es erscheint ein sehr hohes Risiko, einen Umsturzversuch zu inszenieren, um diese Chancen zu erhöhen.
Udo Steinbach über Erdogan: Hat er den Putsch sogar inszeniert?
Der renommierte Islamwissenschaftler Udo Steinbach spricht im Interview mit "Focus Online" über diese brisante Therorie. "Das ist eine heikle Frage. Hat er ihn kommen sehen – oder hat er ihn womöglich sogar inszeniert? Ich will Erdogan das nicht unterstellen. Aber vieles wirft schon Fragen auf. Es ist erstaunlich, dass so ein Putsch aus heiterem Himmel überhaupt geschieht, wenn man bedenkt, wie die Armee zusammengesetzt ist. Dort weiß jeder über jeden Bescheid, es gibt einen Militärgeheimdienst. Und der Generalstabschef und somit auch Präsident Erdogan wollen von all den Entwicklungen innerhalb der Armee nichts gewusst haben?"
Steinbach hält es durchaus für möglich, dass der türkische Präsident den Staatsstreich selbst angezettelt hat. "Erdogan ist jemand, der gerne mit dem Feuer spielt. Er geht sehr weit, wenn es um die Verwirklichung seines obersten politischen Interesses geht – ein Präsidialsystem zu errichten, in dem er größtmögliche Macht hat. Wer einen Krieg von der Dimension des Kurdenkonflikts anfeuert, um seine innenpolitische Machtbasis zu festigen, dem wäre theoretisch auch zuzutrauen, so einen Putsch gegen die Regierung zu inszenieren, um danach besser argumentieren zu können, warum er mehr Macht und Befugnisse haben sollte. Ich will es ihm nicht unterstellen, es wäre aber denkbar. Die Zeit nach dem Putschversuch wird es zeigen."



