Undank sei der Welten Lohn, heißt es. Doch wie halten wir es ganz persönlich? Sind wir wirklich dankbar? Unsere Vergesslichkeit schadet uns am meisten.
Von Meinrad Müller
Können Sie sich auch noch an den Moment vor genau einem Jahr erinnern? Es war der 1. Januar 2025, 00:01 Uhr. Unsere Gruppe stand auf dem Balkon, eng beieinander, und es gab ein Küsschen, je nach Intimitätsgrad auf die Wangen oder auf die Lippen. Das letzte Mal auf dem Balkon an Silvester war eigentlich erst vor einer ganz kurzen Weile, so fühlt es sich an. Vor 365 Tagen. Und sie verflogen schnell, als hätte jemand an der Uhr gedreht.
In wenigen Stunden ist es wieder so weit. Wieder die Küsschen, wieder die Umarmungen, wieder die seligen Wünsche. Wir wissen oft gar nicht, ob unsere Zaubersprüche überhaupt funktionieren, aber man sagt sie halt so. Es gehört dazu, dass man sich gegenseitig alles Gute wünscht, und man tut so, als hätte man einen positiven Einfluss auf das Schicksal derer, denen man diese Wünsche mit auf den Weg gibt. Es ist ein schönes Ritual, aber eben nur oberflächlich.
Wir vergessen das Danken.
Warum vergessen wir dabei etwas Entscheidendes. Wenn wir jetzt, kurz vor dem Jahreswechsel, innehalten, müssen wir uns fragen: Was hat uns diese oder jene Person, die uns da gerade gegenübersteht, in den letzten zwölf Monaten nicht alles Gutes getan? Haben wir es vielleicht schon vergessen? Ist es verwischt wie die Spuren im Sand, die von der nächsten Welle einfach geglättet wurden? Oft sind wir einfach darüber hinweggegangen. Wir haben das Gute als selbstverständlich betrachtet und gar nicht mehr recht in Erinnerung. Die Besuche am Krankenbett, als man sich schwach und allein fühlte. Das Abholen am Flughafen, vielleicht mitten in der Nacht oder im größten Berufsverkehr. Und, und, und – die Liste ließe sich bei jedem von uns endlos fortsetzen.
Haben wir eigentlich Buch geführt, wer in unserer persönlichen Glücksparkasse Einzahlungen gemacht hat? Ich meine jene Einzahlungen, die freiwillig kamen, ganz ohne Dauerauftrag, einfach aus einem Impuls der Zuneigung oder Hilfsbereitschaft heraus. Haben wir diese Kontoauszüge jemals ausgedruckt? Haben wir uns die Zeit genommen, mit dem gelben Stift das Gute zu markieren oder es an das Notizbrett zu stecken, damit wir es eben nicht vergessen?
Dank zu vergessen ist im Grunde so schlimm wie den Hochzeitstag zu vergessen.
Es ist eine Unterlassung, die wehtut. „Gern geschehen“, sagt derjenige vielleicht noch, der uns geholfen hat, Windows zu reparieren oder ein Problem zu lösen. Aber er erwartet insgeheim doch mehr als nur ein flüchtiges Wort. Es kränkt einen Menschen bis ins Mark, wenn wir über seine Hilfe hinweggehen wie über einen alten Teppich. Es ist dieses Gefühl, nicht wertgeschätzt zu werden, an dem Beziehungen zerbrechen können. Enge Freundschaften ebenso wie gute Bekanntschaften. Und das alles nur, weil wir in diesem Moment zur Dankbarkeit nicht fähig sind.
Dabei bricht uns doch wirklich keine Perle aus der Krone, wenn wir am Ende eines Jahres unseren Tageskalender noch einmal ganz in Ruhe durchblättern. Oder die E-Mails. Oder WhatsApp. Wenn wir uns erinnern, wer den Hund für drei Tage in Obhut nahm, als wir weg mussten. Oder wer uns die Medikamente brachte, als wir krank waren und nicht hinausgehen wollten. Oder wer uns aufmunterte, als wir „down“ waren. Das sind die Momente, die zählen. Aber oft sagen wir tausendmal Danke im Vorbeigehen und haben am Ende des Jahres doch alles wieder vergessen.
Silvester und die Tage zwischen den Jahren eignen sich deshalb so gut zum Aufräumen unserer Gedanken. Es ist eine Zeit der inneren Inventur. Wenn wir genau hinschauen, finden wir Perlen, an die wir im Alltagstrubel nicht mehr denken. Und damit auch vergessen, uns nachträglich noch einmal dafür zu bedanken. Aber echtes Bedanken funktioniert nur, wenn es genau ist. Sehr genau und ehrlich.
Ein pauschales „Danke für alles“ ist zu ungenau.
Es klingt oft zu unglaubwürdig, fast wie eine Pflichtübung. Wirklicher Dank braucht das Detail. Was hat man mir Gutes getan? Zu welchem Anlass war das? Wie oft ist es passiert und in welchem Umfang? Wenn wir detailliert danken, stärkt das die Bindung zwischen uns Menschen ungemein. Es zeigt dem anderen echte Wertschätzung. Und genau das ist es doch, wonach sich jeder Mensch, der etwas Gutes tut, im Stillen sehnt. Diese Sehnsucht will gestillt werden, damit das Miteinander lebendig bleibt.
Vielleicht finden auch Sie in den letzten Stunden dieses Jahres einen Moment, um Ihren eigenen Kontoauszug zu prüfen. Wer hat Ihnen im Juni geholfen? Wer war im Oktober für Sie da? Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht, die genau diesen Moment benennt, ist mehr wert als jeder allgemeine Neujahrsspruch. Es zeigt, dass Sie nicht wie über einen alten Teppich über das Handeln des anderen hinweggegangen sind, sondern dass Sie die Perle gefunden und poliert haben.
Ich wünsche Ihnen einen klaren Blick auf all die kleinen und großen Taten, die Ihr Jahr 2025 lebenswert gemacht haben. Kommen Sie gut in das neue Jahr, mit einem Herzen, das bereit ist, das Gute nicht nur zu empfangen, sondern es auch durch ein ehrliches Dankeschön sichtbar zu machen.
Danke, dass Sie 2025 meine Texte gelesen und darauf reagiert haben.
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