Ein 19-Jähriger wurde 2013 ausgelacht, als er sagte, Taxifahren müsse mindestens fünfzig Prozent billiger werden. Und besser als die Konkurrenz.
Von Meinrad Müller
Heute nutzen über 100 Millionen Menschen den Dienst Bolt. Er ist in mehr als 50 Ländern aktiv. Vermittelt werden Milliarden Fahrten. Rund 500.000 Pkw sind weltweit angebunden, vom einzelnen Fahrer bis hin zu professionellen Flottenbetreibern. Der Firmenwert lag zeitweise bei rund sechs Milliarden Dollar.
2013: Der Start im Kinderzimmer
Es war ein kalter Herbsttag in Tallinn, Estland. Markus Villig, gerade 19, saß in seinem Kinderzimmer vor einem klapprigen Laptop. Als Startkapital gaben ihm seine Eltern 5000 Euro, eigentlich für das Studium angespart. „Das ist Wahnsinn“, dachten sie. Markus setzte trotzdem alles auf eine Idee. Taxifahrten sollten günstiger und einfacher werden. Estland machte es leicht. Firmengründung per Mausklick, keine finanziellen Hürden. Mit einem wackeligen App-Prototyp, den er selbst programmierte, und einem Logo, das seine Freundin gratis zeichnete, begann er. An den ersten Tagen vermittelte die App lächerliche 20 Fahrten. Villig ging den harten Weg. Er überzeugte Menschen mit einem eigenen Auto persönlich, bei ihm mitzumachen. Kein Gehalt, nur ein Anteil an den Fahrtkosten, die der Fahrgast zahlt.
Die Jahre des Aufbaus 2013 bis 2015
Die erste Zeit war zäh. Villig besuchte Treffen, auf denen Programmierer Ideen austauschten, und lernte von Skype-Experten. Nachts programmierte er an seiner App. 2014 wagte er den Schritt nach Lettland und Litauen. Kleine Märkte, große Zweifel. Mit fast leerer Kasse wuchs Bolt langsam, während Villig hartnäckig Fahrer überzeugte, mit ihrem Privatauto für ihn zu arbeiten. Viele staunten. Ein Junge aus Tallinn. Das könne nicht funktionieren. Doch er baute Vertrauen auf.
Das Alltagsproblem und die Lösung
Villig kannte das Problem aus eigener Erfahrung. Vom Stadtrand in die Innenstadt braucht man mit Bus und Bahn leicht eine Stunde. Ein Taxi braucht 15 Minuten, ist aber zu teuer und vor allem finanziell unberechenbar. Niemand weiß vorher, ob die Fahrt 20, 25, oder 30 Euro kostet. Dieses Risiko schreckt ab. Seine Lösung war einfach. Man öffnet eine App. Die App nutzt GPS, das jedes Handy ohnehin verwendet. Der Kunde wird gefragt: Wohin möchtest du fahren. Er tippt ein. Marktplatz 12. Sofort erscheint der Endpreis. Zum Beispiel 12,20 Euro. Erst danach wird die Fahrt bestätigt. Anschließend zeigt die App an: Dein Fahrzeug kommt in sieben Minuten.
Die Fahrzeuge sehen nicht aus wie klassische Taxis
Es sind Privatfahrzeuge. Das war der eigentliche Clou. Damals konnte jeder mitmachen, der ein Auto hatte. Eine Stunde am Tag oder vierzehn. Wie es passte. Im Hintergrund berechnet die App für den Fahrer die günstigste Route. Für den Kunden bleibt alles gleich. Der Preis ändert sich nicht, egal ob Stau ist oder ein Umweg gefahren wird. Plötzlich riefen Menschen ein Auto, die vorher niemals ein Taxi genommen hätten. Bezahlt wurde bargeldlos, etwa mit PayPal. Kein Wechselgeld. Einfach abzurechnen.
Kampf gegen die Konkurrenz
In den USA gab es bereits Uber, ein ähnliches System. Villig wollte es fairer machen. Kostet eine Fahrt 15,20 Euro, bekommt der Fahrer einen größeren Anteil als beim amerikanischen Vorbild. Bolt bekommt weniger. Dieser einfache Unterschied zog Fahrer und Kunden zugleich an. Taxigenossenschaften tobten. Sie zogen vor Gericht, drohten, wollten das System verbieten. Der Widerstand war massiv. Erfolglos.
Heute: 500.000 PKWs
In vielen Städten sind Firmen angeschlossen, die Flotten von mehreren hundert Pkw betreiben. 300 oder 400 Fahrzeuge unter einem Dach sind keine Seltenheit. In Deutschland ist der Fahrdienst mit Pkw unter anderem in Berlin, München, Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf, Nürnberg, Erlangen, Fürth, Schwabach, Mainz und Wiesbaden etabliert. Weltweit ist das System in über 55 Ländern aktiv. Rund 500.000 Pkw sind angebunden. Fahrer aus aller Welt benötigen keine Orts- oder Sprachkenntnisse. Sie folgen der Navigation auf dem Bildschirm. Und sie benötigen kein eigenes Auto, es wird vom Flottenbetreiber gestellt. Jetzt wird der Ertrag auf drei Parteien aufgeteilt.
Der Autor hat selbst in Berlin öfters schon über die Bolt–App Fahrten bestellt und staunte nicht schlecht, als ein reguläres Taxi kam, das dann aber zum Bolt-Tarif fuhr. Das ist die kluge Wendung: Taxis in Berlin lassen sich jetzt auch von Bolt Fahrten vermitteln. Man hat erkannt, dass dies sinnvoller ist, statt Taxis auf dem Taxistandplatz warten zu lassen. Lieber weniger Einnahmen als gar keine.
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