Süddeutsche Zeitung mit einem Propaganda-Artikel zum digitalen Euro. Hinweise auf Konsequenzen und Nebenwirkungen sucht man vergeblich. Neuer Tiefpunkt im deutschen Journalismus.
Von Meinrad Müller
Der digitale Euro erscheint hier nicht als politisches Projekt mit Sprengkraft, sondern als sanftes Heilsversprechen, als Hosianna mit Orgelbegleitung. Sorgfältig gesegnet mit dem Weihwasser der Europäischen Zentralbank und liturgisch begleitet von den Redaktionspriestern nach dem Katechismus eines gewissen Relotius.

Journalismus im Weihrauchnebel
Was die SZ als Interview verkauft, ist in Wahrheit eine Missionarsstunde. Die Leser werden behandelt wie ehedem die armen, unwissenden Heidenkinder in Afrika. Kritische Distanz wird ersetzt durch erklärende Zuwendung. Der EZB-Direktor darf dozieren, beruhigen, verharmlosen. Die Fragen der Messdiener der SZ dienen weniger der Aufklärung als der Dramaturgie eines neuen „Weißen Rössl“. Der Leser soll nicht urteilen, nicht beurteilen, sondern vertrauen. Zweifel erscheinen nicht als legitime Haltung, sondern als Folge von „Fehlinformationen“. So klingt kein Journalismus, so klingt das Gesangsbuch von Seite eins bis 300.
Die Halbwahrheit als Stilmittel
„Niemand wird gezwungen“, den digitalen Euro zu nutzen. Dieser Satz fällt immer wieder, wie ein „Om-Om-Mantra“ im hinduistischen Götterhimmel. Völlig politisch korrekt, aber politisch hohler als hohl. Denn Zwang entsteht heute nicht durch Befehle, sondern an der Ladenkasse. Wer Bargeld duldet, es aber systematisch unpraktisch macht, kann sich jederzeit auf Freiwilligkeit berufen. Die SZ übernimmt diese Un-Logik unhinterfragt und verkauft strukturelle Machtverschiebung als Bewusstseinserweiterung. Die armen Leser in Bayern!
Vertrauen statt Kontrolle
Besonders auffällig ist, was fehlt: Fragen nach Missbrauch, nach zukünftigen politischen Mehrheiten, nach Krisenszenarien. Die EZB wird behandelt, als sei sie zeitlos gutwillig wie der heilige Christophorus der Autofahrer. Aber sie ist nicht dauerhaft immun gegen politischen Druck. Datenschutz wird zur Vertrauensübung erklärt. Wer darauf hinweist, dass Systeme nicht nach Absichten, sondern nach Möglichkeiten zu bewerten sind, kommt im Text nicht vor.
Solche Technik wird nie ohne Hintertürchen programmiert, das wissen jene, die darüber Macht haben werden, sehr genau.
Der Leser braucht noch ein Starkbier und die SZ
Der Süddeutsche Beobachter sieht seine Leser offenbar weniger als souveräne Bürger denn als nervöse Gemüter, die sanft an die Hand genommen werden müssen. Der Ton ist beschwichtigend, die Sprache einschläfernd, die Kritik gezähmt.
So dient man nicht der Öffentlichkeit, sondern den Geldmächtigen. Echter Journalismus macht sich mit niemandem gemein. Schon vergessen, was das Urgestein Hans-Joachim Friedrichs anmahnte?
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



