Ab 2022 hieß es offiziell: „Kein Öl aus Russland mehr!“ Doch die Politik nutzte ein Hintertürchen. Die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan durfte weiter liefern – über russische Pipelines und mit russischer Genehmigung.
Von Meinrad Müller
Die große moralische Geste von 2022
2022 verhängte die EU ein Embargo auf russisches Rohöl. Deutschland feierte sich für den „moralisch sauberen“ Ausstieg und verkündete lautstark: Nie wieder russisches Öl! Die Politik präsentierte sich als konsequent und unabhängig.
Das praktische Hintertürchen: Kasachstan
In der Realität sah es anders aus. Die PCK-Raffinerie in Schwedt, Brandenburg, die rund 90 Prozent des Treibstoffbedarfs von Berlin und Brandenburg versorgt (Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin für den BER), stand vor großen Problemen. Statt komplett auf teures Weltmarkt-Öl umzusteigen, nutzte man ein bequemes Hintertürchen: kasachisches Öl.
Dieses Öl ist qualitativ fast identisch mit russischem Urals-Öl. Es durfte offiziell fließen, weil es nicht direkt aus Russland kam. 2025 erreichte der Anteil bereits bis 20 Prozent des Rohöls für Schwedt.
Die alte Sowjet-Pipeline – Kasachstan fließt mitten durch Russland
Die Lieferung lief über die legendäre Druschba-Pipeline („Erdölleitung Freundschaft“). Diese Pipeline wurde von 1959 bis 1964 in der Sowjetunion errichtet – ein klassisches Produkt sozialistischer „Brüderlichkeit“. Das kasachische Öl startet nicht direkt auf der Druschba, sondern wird von Kasachstan ins russische Transneft-Netz eingespeist. Von dort fließt es durch russisches Territorium zur Druschba-Pipeline. Diese beginnt in Tatarstan und gabelt sich bei Masyr in Belarus in einen nördlichen Strang, der über Belarus und Polen direkt nach Schwedt führt (Länge bis Schwedt über 5.300 km). Der südliche Strang führt durch die Ukraine nach Ungarn, Slowakei und Tschechien.
Kasachstan ist keine neutrale Alternative
Es ist eine ehemalige Sowjetrepublik, die bis heute eng mit Russland verflochten ist (Eurasische Wirtschaftsunion, gemeinsame Infrastruktur aus Sowjetzeiten). Das kasachische Öl floss nicht „um Russland herum“ – es lief mitten durch Russland. Moskau genehmigte den Transit jahrelang und kassierte kräftig Transitgebühren.
Die Scheinheiligkeit wird sichtbar
Genau hier zeigt sich die doppelte Moral: Man boykottierte russisches Öl mit großer Geste, nutzte aber weiter russische Pipelines und russische Zustimmung – nur unter anderem Etikett. Russland hielt den Hahn in der Hand. Jetzt, nach Jahren zunehmenden Drucks und Sanktionen (und eigenen Problemen durch ukrainische Angriffe auf Raffinerien), dreht Moskau ihn zu. Offiziell aus „technischen Gründen“. Viele sehen darin eine logische Reaktion: Sanktionen sind keine Einbahnstraße.
Ab 1. Mai 2026 fallen die kasachischen Lieferungen weg. Die Raffinerie muss die fehlenden 17–20 Prozent durch teureres Weltmarkt-Öl per Seetanker über Rostock und Danzig ersetzen (vor allem aus Norwegen, USA oder Saudi-Arabien). Die Rostock-Pipeline ist aber bereits nahe an ihrer Kapazitätsgrenze. Die Auslastung in Schwedt wird spürbar sinken, mit möglichen Folgen für steigenden Preise und knapper werdende Versorgung in der Region.
Diese Episode legt schonungslos offen, wie widersprüchlich die deutsche Energiepolitik seit 2022 war: Man wollte „unabhängig“ von Russland werden, hat aber de facto nur die Etikette gewechselt und weiter russische Infrastruktur genutzt.
Wer den Ölhahn braucht, sollte Russland nicht ständig auf die Zehen treten. Wir sind in abhängigeren Position.
Meinrad Müllers Blog: www.info333.de/p



