Euro: Handelsblatt-Märchen

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart empfiehlt, das neue Buch von Hans-Olaf Henkel "Die Euro-Lügner" von der Sachbuchabteilung in die Rubrik "Märchenbücher" einzuordnen. Der Euro sei auf dem Wege der Besserung.

 

Die Euro-Rettung führt zu Inflation und schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit. Positive Meldungen aus Italien oder Spanien können darüber nicht hinwegtäuschen. Eine Replik von Hans-Olaf Henkel auf Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.

 

Kürzlich hat der Herausgeber des Handelsblatts, Gabor Steingart, in seinem täglichen „Morning Briefing“ berichtet, dass sich die Risikoprämien für Italien und Spanien wieder erholen. Dann fügte er hinzu: „Die Apokalypse des Euro, die Hans-Olaf Henkel in seinem neuen Buch prophezeit, bleibt offenbar aus. Vielleicht sollten die Buchhändler das Werk heute von der Sachbuchabteilung zu den Märchenbüchern tragen.“

 

Nach meiner Erfahrung gibt es drei Arten von Lesern: Solche, die nicht verstehen, was man sagen will; solche, die verstehen, was man sagen will; endlich solche, die nicht verstehen wollen, was man sagen will. Mit der ersten Gruppe kann man leben, über die zweite freut man sich, aber die dritte lässt einen ratlos: Warum stellen manche Menschen sich begriffsstutziger dar, als sie in Wirklichkeit sind? Natürlich weil sie damit eine Absicht verfolgen. Aber welche Absicht, so fragten mich einige Leser seines „Morning Briefing“, hat Gabor Steingart verfolgt, als er meinem Buch Dinge nachsagte, die nicht darin stehen?

 

Ich kenne Herrn Steingart als klugen und scharfsinnigen Menschen, mit dem ich außerhalb der Beurteilung der Europolitik viele Überzeugungen teile. Wie aber kommt er dazu, nach Lektüre meines Buches "Die Euro-Lügner" zu behaupten, ich hätte darin die "Euro-Apokalypse" prophezeit? Ich prophezeie seit langem zwei Dinge: Erstens, dass die Euromantiker den Euro weiter retten werden, koste es was es wolle. Zweitens, dass dies zu Inflation und langsamer Aushöhlung der Wettbewerbsfähigkeit der Länder in der Eurozone führt. Aber keine Apokalypse. Steingart weist nicht ohne Häme darauf hin, dass sie nun einmal nicht eingetreten sei, und als witzig sein sollende Pointe empfiehlt er, das Buch unter die "Märchenbücher" einzureihen. Ich sage "witzig sein sollende", weil dieser Einfall gar nicht witzig ist. Er ist einfach falsch, und weil dies nicht zu einem so klugen und scharfsinnigen Kopf passt, gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder, er hat das Buch nicht gelesen, wollte aber trotzdem ein paar flapsige Bemerkungen darüber loswerden - oder er hat es gelesen, aber er hat es nicht verstehen wollen. Wieso Gabor Steingart sich ohne Not in die dritte Leserkategorie einreiht, ist mir unerklärlich.

 

Selbst wenn es so wäre, dass ich die Euro-Apokalypse prophezeie - woher weiß er, dass sich dies auf die nächste Zukunft bezogen hat? Seine triumphierende Feststellung, "sie bleibt offenbar aus", führt sich durch das einschränkende Wörtchen "offenbar" selbst ad absurdum: Wenn etwas offenbar ist, dann doch nur, dass die sogenannte Euro-Apokalypse noch nicht eingetreten ist, aber nicht, dass dies niemals geschehen wird. Hier habe ich mich nicht festgelegt, ich bin schließlich kein Prophet. Wenn dagegen Gabor Steingart sich festlegt, begeht er den Fehler, den er mir nachzuweisen sucht: Ob etwas geschieht oder ausbleibt, das wird die Zukunft zeigen. 

 

Was ich in meinem Buch darstelle - und zwar so, dass gutwillige Leser es ohne Mühe verstehen können -, sind die verzweifelten Versuche, den Euro durch immer gewagtere Rettungsmaßnahmen zu sichern. Dass diese im Ernstfall, also in Steingarts  "Apokalypse", zum wirtschaftlichen Zusammenbruch der zahlenden Euro-Länder, vor allem Deutschlands, führen können, bezweifelt niemand. Selbst der Chef des Wissenschaftlichen Beirats des Finanzministers schließt das seit letzter Woche nicht mehr aus. Wie gesagt, ob und wann dieser GAU eintritt, kann ich nicht sagen, kann niemand sagen. Aber wenn Steingart feststellt, er "bleibe offenbar aus", hat er das Wesen von Voraussagen über einen möglichen GAU nicht verstanden. Wenn heute unsere Politiker die Energiewende damit begründen, dass Atomkraftwerke das Risiko einer Kernschmelze bergen, müsste Gabor Steingart ebenfalls mit überlegener Miene entgegnen, dieses apokalyptische Ereignis - sozusagen die "Atom-Apokalypse" - sei "offenbar ausgeblieben".

 

Und noch etwas: Der Begriff "Apokalypse" bedeutet nicht, wie Steingart offenbar glaubt, die große Katastrophe oder den Weltuntergang. Apokalypse heißt "Enthüllung", wörtlich sogar "Aufhebung einer Verschleierung". Nun, sollte mir dies mit meinem Buch gelungen sein, wäre ich vollauf zufrieden.

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