Am 13. Januar 2026 erschien in der Washington Post ein bemerkenswerter pro-AfD-Artikel. Hatte Jeff Bezos, der zudem auch Eigentümer von Amazon ist, etwa leise gehüstelt?
Von Meinrad Müller
Als deutscher Leser hielt ich unwillkürlich inne. Nicht wegen einer zugespitzten Überschrift, sondern gerade wegen der ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der dort über Deutschland geschrieben wird. Beschrieben wird darin, dass die AfD nach Einschätzung der Zeitung reale Chancen habe, in absehbarer Zeit Regierungsverantwortung zu übernehmen. Diese Einschätzung wird nicht als Gedankenspiel formuliert. Das Jahr 2026 wird dabei ausdrücklich genannt. Ich lese also weiter.
Die Washington Post, gegründet im Jahr 1877, ist beileibe keine rechte Zeitung. Sie gehört seit Jahrzehnten zum liberalen Kern der amerikanischen Presse, steht politischen Institutionen nahe und hatte im letzten US-Wahlkampf offen Stellung gegen Donald Trump bezogen. Umso bemerkenswerter ist es, dass ausgerechnet dieses Blatt zu einer solchen Einschätzung gelangt. Beim ersten Lesen kam mir der Gedanke, dass hier vielleicht etwas aus dem Zusammenhang gerissen worden sein könnte. Also las ich den Text ein zweites und ein drittes Mal, ruhig und aufmerksam, Zeile für Zeile.
Fiebermessen am Patienten Deutschland
Der Text liest sich wie eine nüchterne Bestandsaufnahme aus der Distanz. Erwähnt werden mehrere Jahre wirtschaftlicher Stagnation, eine Regierungskoalition mit erkennbaren Spannungen sowie eine wachsende Distanz zwischen politischer Führung und Bevölkerung. Diese Punkte werden nicht ausgeschmückt, sondern schlicht aneinandergereiht, so wie man Werte notiert, um sich ein Bild vom Zustand eines Patienten zu machen.
In dieser Darstellung wird die AfD nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil einer größeren Bewegung beschrieben, die sich über längere Zeit aufgebaut hat und nun sichtbar wird. Ein Satz, der in Deutschland von der regierungstreuen Presse so kaum gedruckt würde. In diesem Zusammenhang zitiert die Washington Post die AfD-Politikerin Beatrix von Storch mit einem Satz, der dort ohne weitere Ausführung wiedergegeben wird. Auf Deutsch lautet er: „Diese Regierung ist endlich. Sie wird zu einem Ende kommen. Und das wird vor 2029 sein. Ich würde auf 2026 wetten.“
Auffällig ist weniger der Satz selbst als der Ort, an dem er steht. Er findet sich nicht in einem deutschen Interview und nicht in einem Wahlkampftext, sondern in einer amerikanischen Zeitung, die Deutschland seit Jahrzehnten aufmerksam beobachtet und Entwicklungen nüchtern beschreibt. Wer diesen Text liest, erkennt, dass sich der Blick auf Deutschland verändert hat und dass politische Verschiebungen inzwischen offen benannt werden.
Der Slogan unter dem Titel der Washington Post heißt auf Deutsch: „Demokratie stirbt in der Dunkelheit“. Und genau das erleben wir in Deutschland. Welch eine Vorahnung!
https://www.washingtonpost.com/
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