Was Johann Wolfgang von Goethe im „Erlkönig“ dichtete, findet heute eine sehr praktische Anwendung in der großen Politik.
Von Meinrad Müller
Donald Trump scheint genau nach diesem Prinzip zu handeln. Nicht mehr, nicht weniger. Trump setzt die Daumenschrauben an. Weil die Europäische Union sich weigert, seinen Wunsch nach einem Kauf Grönlands auch nur ernsthaft zu diskutieren, greift er zu dem Mittel, das er seit Jahren perfektioniert hat. Wirtschaftlicher Druck. Zölle. Erst moderat angesetzt, dann drastisch erhöht, so lange, bis der Gegner nachgibt. Zumindest glaubt Trump, dass Europa so funktioniert.
Ab Februar 2026 gelten zehn Prozent Strafzoll auf europäische Exporte in die USA. Ab Juni 2026 sollen diese Zölle auf fünfundzwanzig Prozent steigen, falls es kein politisches Entgegenkommen gibt. Diese Eskalationsstufen wurden Mitte Januar von internationalen Wirtschaftsdiensten wie Reuters und der Financial Times aufgegriffen und gelten als offiziell angekündigt. Es geht dabei um das industrielle Rückgrat Europas. Deutsche Autos, Maschinen und Chemieprodukte, französische Luxusgüter und Lebensmittel, italienische Industrieerzeugnisse, kurz gesagt alles, womit Europa Geld verdient.
Trumps Rechnung ist ebenso simpel wie brutal.
Die Europäische Union exportiert Waren im Wert von rund 570 Milliarden Dollar pro Jahr in die Vereinigten Staaten. Zehn Prozent Strafzoll bedeuten rechnerisch rund 57 Milliarden Dollar zusätzliche Belastung pro Jahr. Bei fünfundzwanzig Prozent wären es rund 140 Milliarden Dollar jährlich. Diese Zahlen sind keine Schätzungen, sondern einfache Prozentrechnung auf Basis des bekannten Handelsvolumens.
Entweder werden die Produkte in den USA teurer und verlieren Marktanteile, oder die Firmen schlucken die Kosten selbst und kürzen Investitionen. Beides bremst die Konjunktur. Für Deutschland trifft es vor allem Automobilbau, Maschinenbau und Chemie, also genau jene Branchen, die ohnehin unter Energiepreisen, Bürokratie und schwacher Nachfrage leiden. Für den Mittelstand bedeutet das Unsicherheit, und Unsicherheit ist das wirksamste Konjunkturhemmnis überhaupt.
Über mehrere Jahre summiert sich dieser Schaden auf Hunderte Milliarden Dollar. Je nach Dauer und Eskalation kann der kumulierte Wohlstandsverlust Größenordnungen erreichen, die in Richtung einer Billion Euro gehen, nicht als Einmalbetrag, sondern als schleichender Abfluss von Wachstum, Investitionen und Arbeitsplätzen. Das ist kein Alarmismus, sondern eine nüchterne Betrachtung der Zeitachse.
Grönlands Wert: 500 bis 700 Milliarden Dollar
Selbst hohe Schätzungen liegen bei 500 bis 700 Milliarden Dollar, inklusive Rohstoffen und strategischem Wert. Die Ironie ist bitter. Europa riskiert über Jahre einen wirtschaftlichen Schaden, der den Wert der Insel erreichen oder übersteigen kann, um einen politischen Grundsatz zu verteidigen, den Trump bewusst testet.
In Brüssel spricht man von Erpressung. Das ist korrekt. Doch Empörung senkt keine Zölle. Das EU Parlament blockiert weitere Handelsvereinbarungen, Politiker wie Manfred Weber erklären Verträge für politisch nicht genehmigungsfähig, während Agenturen wie Bloomberg bereits von einer neuen Eskalationsstufe im transatlantischen Handel sprechen. Trump hingegen zählt Einnahmen. Zölle fließen direkt in den amerikanischen Haushalt, während Europa zahlt.
Die EU vergisst dabei eine unbequeme Wahrheit. Die USA verfügen über einen riesigen Binnenmarkt und sind weniger exportabhängig. Europa lebt vom Verkauf seiner Produkte. Wer länger die Luft anhalten muss, verliert. Trump setzt genau darauf.
Spöttisch betrachtet verteidigt Europa gerade eine Insel, die ihm nicht gehört, und bezahlt dafür mit Wachstum, Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Substanz. Das ist kein Zeichen von Stärke. Das ist ein teures Lehrstück darüber, wer im globalen Handel den Schraubstock in der Hand hält.
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